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Kategorie: Nach(t)denken

:: OrakelFrage ::

Für das Wochenende zog ich eine Orakelkarte, die mich fragte:

Im ersten Moment wollte ich ganz spontan antworten, spürte dann aber, daß ich doch ein bißchen über diese Frage nachdenken wollte. Gibt es einen Unterschied zwischen Lieben und Mögen – oder ist das eine kleinkarierte Idee? Wieso fragt die Karte danach, “what” (was) und nicht “who” (wen) ich liebe? Vielleicht, so denke ich, ist die Anzahl der Personen (Katzen inkludiert), die ich liebe, eben sehr begrenzt, die Anzahl der Dinge aber praktisch nicht. Wen ich liebe, ist so ziemlich konstant, aber was ich liebe, ändert sich oft.

Gestern habe ich das Hörbuch “Der Name der Rose” beendet. Das Buch hab ich irgendwann vor zehn Jahren oder so mal gelesen und viele Gedanken, die ich damals hatte, kamen jetzt wieder. Zweifelsohne gebildete Männer philosophieren über die Liebe, von der sie meiner bescheidenen Meinung nach erbärmlich wenig wissen. Die Liebe zu Gott als vergeistigtes, jenseitig orientiertes Prinzip auf der einen, die Angst vor der Liebe in ihrer sehr menschlichen Ausprägungsform auf der anderen Seite. Eco hat seinen Roman im frühen 14. Jahrhundert angesiedelt, aber das, was ich mir vorlesen ließ, ist auch heute noch aktuell. Ich vermag mir kaum eine Welt vorzustellen, die nicht durchdrungen ist von christlicher, patriarchaler Anschauung. Wie kann eine Religion, die den Fokus des Menschen vom Diesseits zum Jenseits hin verschiebt, eine Religion, die aggressiv missioniert und dabei so unendlich viel Gutes ausrottet, nur solchen Zulauf haben? Die christliche Logik ist ein in sich geschlossenes Prinzip. Argumentativ kommst Du nicht dagegen an – im Zweifelsfall wird das Totschlagargument “Deus vult” – “Gott will es” gezogen. Ich sehe die Leere in uns, die wir nicht mit Konsum, nicht mit Wegmachen, nicht mal mit Beten füllen können. Christliches Vermächtnis. Ich denke, wir brauchen sinnstiftende Rituale, die die Seele nähren und warm einhüllen. Wir brauchen Religion in ihrem Ursinn: Rück-Verbindung. Aber nicht zu dem Gott des Todes, sondern zum Leben, zur Natur, zu uns selbst. Mir kann das diese vergeistigte, gehorsame Gottesliebe nichts geben. Der Wüstengott ist ein Gott des Todes; gerade für mich als Frau, als Gebärmächtige wäre es paradox, diesem Todeswahnsinn zuzuarbeiten. Ich stelle mir diesen Wüstengott als cholerischen Patriarchen vor, der behauptet, seine Kinder zu lieben – sie aber ständig unter Druck setzt durch Strafankündigung, ihnen ein perfides, krankes Selbstbild mitgibt, indem er von ihnen als sündig, unrein und schlecht redet, und auch nicht zögert, sie zu verletzen, zu demütigen und zu töten. Natürlich nur zu ihrem Besten. Einen Mann, der mein Kind so behandeln würde, würde ich mit fliegenden Röcken und die Ofengabel schwingend aus dem Haus jagen. Einem solchen Gott zu dienen, verbietet mir mein gesunder Menschenverstand. Oder vielmehr: mein Frauenverstand.

Was heißt nun Liebe für mich? Ich glaube, jemanden oder etwas zu lieben, bedeutet mir: ich lasse sie, ihn oder es stehen, wie sie, er oder es ist. Liebe heißt, ich nehme Dich an. Ich erspüre, was uns verbindet, und bewerte es wichtiger als das, was uns vielleicht trennt. Ich gebe mich nicht auf und ich will auch nicht, daß Du Dich aufgibst. Du bist so, ich bin anders – Liebe zum Unterschied, zur Vielfalt. Ich muß nicht erst verstehen, um lieben zu können. Es passiert einfach so (oder auch nicht). Es fließt hinein, es fließt hinaus, ein stetes Ein- und Ausatmen, Festhalten, Loslassen.

Amala Krähenfeder, 09.01.2012, 13:27 | Abgelegt unter: Gynozentrisches,Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 17 Kommentare

:: Der eigene Stil ::

Gerade durch das Internet stoße ich immer wieder auf Menschen, von denen ich denke, daß sie ihren eigenen Stil gefunden haben. Beispielsweise finde ich die Arbeiten von Laurraine Yuyama absolut unverwechselbar. Oder die Musik von James Maynard Kennan. Oder vieles andere. Durch den Umzug und die Neugestaltung des Hauses frage ich mich im Moment, worin mein eigener Stil besteht. Habe ich überhaupt einen?

Ich weiß zumindest, was mir gefällt. Allerdings sind das so viele Dinge, die wiederum so viele Inspirationen und Stile in sich vereinen, daß, wenn ich alles umsetzen würde, was mir gefällt, ein ziemlich buntes Flickwerk rauskommen würde. Zum Beispiel habe ich ein Rohkostbuch geschenkt bekommen, in dem Bilder von der Küche der Autorin abgebildet sind. Eine recht kleine Küche, die vom Fußboden bis zur Decke gerammelt vollgestopft ist. Gewürze stapeln sich da dreireihig in jedem Regal, dazwischen kleine Koboldfiguren, Kristalle, Kitsch. Wow! Diese Küche berührt mich. Sie sieht toll aus. Aber ich würde niemals so eine Küche haben, geschweige denn putzen wollen. Wenn jemand meine Küche über Nacht so herrichten würde, würde ich vielleicht zwei Tage daran Freude haben, bis ich das erste Mal ein ganzes Regal leerräumen müßte, um Orangenspritzer an den Kacheln dahinter zu entfernen – dann würde ich alles in Schubladen, Körbe und hinter Türen verpacken. Manchmal denke ich, ich bin einfach zu pragmatisch für so viele Details, so viel Kleinkram. Umgekehrt finde ich moderne Küchen, die eher wie Kommandozentralen von Raumkreuzern aussehen, ebenfalls total schäbig. Ich will mich gern in meiner Küche aufhalten und dort gern werkeln und nicht ständig darüber nachdenken, wie ich bloß die ganzen Fingerabdrücke von den Edelstahlteilen runterkriege – oder mir beim bloßen Anblick der Hochglanzschränke ne Erkältung einfangen. Von der Gemütlichkeit her gefällt mir der Fuchsbau der Weasleys aus Harry Potter, aber auch hier wäre mir alles zu vollgestopft, zu viel. Tja, schon beim Versuch, mir die ideale Küche für mich vorzustellen, hapert es…

Mir scheint es machmal so, als hätten einige Leute einfach ein stringentes Konzept in ihrem Wohn-, Kleidungs-, Näh- oder sonstwas Stil. Da sich ihr Stil dann durch viele / alle Lebensbereiche zieht, kann frau ganz klar den Finger drauflegen und sagen, da, guck – das ist der Stil von XY, das ist typisch für sie (und wahrscheinlich ist es dann sehr einfach, diesen Menschen ein Geschenk zu machen, oder?). Jedesmal, wenn ich in meinem Leben versucht habe, einen Stil konsequent in allen Bereichen durchzuziehen, gefiel es mir nicht. Abgesehen davon, daß ich vermutlich eh nie alles komplett erfaßt habe, weil das ja auch eine Frage des Geldes ist. Mir wurde es dann schnell langweilig, der Blick verfing sich an nichts. Insofern bewundere ich zwar Frauen, die “weiß & shabby” als Stil gefunden haben, weil das wirklich fein anzugucken ist. Bloß wäre mir das auf Dauer zu steril, zu kalt – zu weiß. Umgekehrt finde ich sehr detailreiche Wohnungen oder Klamotten total toll, würde sie aber weder bewohnen noch tragen wollen.

Für mein Zimmer wollte ich mir schon im August Bilder kaufen, denn eigentlich hätte ich so drei, vier Stellen, die noch ziemlich nackig sind. Aber wenn ich nach Bildern suche, gefallen mir keine. Die “nackte” Wand (eigentlich gar nicht sooo nackt, denn sie ist immerhin farbig) hingegen trägt Potential in sich, dem ich ein Ende setzen würde, wenn ich ein Bild aufhängen würde. Klingt das sehr verschwurbelt? Bei einer Bekannten hängt der ganze persönliche Bereich mit kleinen Bildern, Postkarten, Eintrittskarten und Co. voll, und ich finde das jedesmal absolut zauberhaft. Nur selbst wollen tu ich’s nicht. Hab ich schon probiert, hat mich genervt. Absoluten Minimalismus mag ich aber auch nicht, das ist mir dann zu kahl.

Ich frage mich, ob ich einfach nörgelig bin. Oder zu inkonsequent. Oder zu unstylish. Oder ob mein Stil gerade darin besteht, das zu machen, das umzusetzen, was mir gefällt, was für mich funktioniert, und den Rest beiseite zu lassen. Ist das auch eine Form von Stil?

Gerade in puncto Patchwork bin ich meinem eigenen Stil in 2011 nähergekommen, denke ich. Ich finde viele Patchworkstile toll, aber klassische, traditionelle Muster sind einfach nicht wirklich meins. Oder Quiltornamentik. Ich mag zur Zeit gern einen hohen monochromen Anteil in meinen Quilts, und Random-Quilting. Nicht zu ordentlich, das wirkt schnell streng und langweilig.

Wie seht Ihr das? Habt Ihr schon Euren eigenen Stil gefunden oder nomadisiert Ihr auch eher rum, so wie ich? Worin besteht Euer persönlicher Stil? Wie seid Ihr zu ihm gekommen?

Ich bin neugierig auf Eure Geschichten :)

 

Amala Krähenfeder, 27.12.2011, 22:13 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 5 Kommentare

:: Von Schönheit und Tod – oder: wie mensch Grausamkeit salonfähig macht. Ein patriarchales Stück Kultur ::

Zur Zeit gibt es in der staatlichen Kunsthalle Karlsruhe eine Ausstellung mit dem Titel “Von Schönheit und Tod”. Gezeigt werden ausschließlich Werke, deren zentraler Aspekt Tierkadaver sind. Einen kleinen Einblick gibt dieses Video.

Wie die Veranstalterin Prof. Dr. Müller-Tamm schon richtig sagt, ist das ein “schwieriges”, “widerständiges Thema”, wenngleich sie ebenfalls behauptet, daß sich die ausgestellten Künstler mit größtem Respekt den Tierkörpern gewidmet hätten. Dr. Holger Jacob-Friesen spricht im Video davon, daß die Bilder den Zweck hätten, ihren Auftraggebern “etwas Dekoratives in ihre großen, repräsentativen Räumlichkeiten zu geben”.

Was sagt das über uns, unsere Gesellschaft, unseren Umgang mit Tieren und nicht zuletzt über unser Verständnis vom Tod?

Für mich ist es widersinnig, daß der Tod in unserer Gesellschaft stark tabuisiert und gleichzeitig in solchen Zusammenhängen als “etwas Dekoratives” betrachtet wird. Womöglich ist die Kunst der einzige Weg, der uns, die wir durch Christentum und Patriarchat weit von einem entspannten Umgang mit so etwas Natürlichem wie dem Tod entfernt wurden, geblieben ist, uns diesem essentiellen Thema zu nähern. Es ist einfacher, Tierkadaver zu betrachten als sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Das Christentum verspricht uns, daß wir niemals final sterben werden, wenn wir nur brav und folgsam sind, sondern daß auf uns die Auferstehung des Fleisches und der Seele warten. Das gilt natürlich nicht für Tiere. Sie sind uns nicht ähnlich und wir sind keine Tiere – wer diese Grenze zieht, vermag vielleicht in den Bildern, in den glasigen Augen, verrenkten Gliedern und in Blut und Unschlitt Kunst und Schönheit zu erkennen. Ich vermag es nicht.

Die Ausstellung bedient den Glaubenssatz, daß die Tiere uns untertan seien, daß wir mit ihnen – gottgegeben – tun und lassen können, was immer wir wollen, was immer in unserer Macht steht. Wir können sie konsumieren, sie ausbeuten, am Ende töten und verschlingen, wenn uns der Sinn danach steht. Wir können ihren Tod, ihr Leid Kunst nennen. Ich mutmaße, daß die Ausstellung eher ungewollt unsere bigotte Sichtweise auf Tiere karikiert, indem es dort auch Bilder zu sehen gibt, in denen Hunde und Katzen als Gefährten der Menschen dargestellt werden. Es ist doch so: ein Huhn, eine Kuh, ein Schwein kann der moderne, westlich-patriarchale Mensch essen, aber Hunde und Katzen sind unsere Freunde – und Freude ißt mensch nicht. Nicht hier. Nicht wir.

Für mich paßt diese Ausstellung trefflich in die dunkle Jahreszeit, zu Weihnachten. Wenn ich mir, was selten genug vorkommt, jetzt die Werbeblättchen durchlese, springen mir auf vier, sechs, zehn Doppelseiten zerlegte Tiere entgegen, vier weitere Doppelseiten widmen sich Milchprodukten. Diese Blättchen scheinen mir wie eine Kurzzusammenfassung unserer Glaubenssätze und damit auch unserer Ängste. Das, was wir fürchten, kultivieren wir. Wir fürchten den Tod, also gibt es zum Hochfest des Patriarchats jede Menge Tierkadaver und Tierleidprodukte, runtergespült mit genug Alkohol, damit wir uns auch wirklich nachhaltig vergiften. Wir feiern die Geburt des Lebens mit Massenmord und Leichenschmaus. Warum sind die Werbeblättchen keine Kunst? Vielleicht weil sie – anders als das Video – nicht von Klaviermusik untermalt sind, die suggiert, es handele sich um Kultur und nicht bloß um ein Abbild menschlicher Doppelmoral, menschlicher Grausamkeit.

Was siehst Du?

Amala Krähenfeder, 20.12.2011, 15:41 | Abgelegt unter: Ernährung,Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

:: Kommunikationsprobleme ::

Der Dezember ist für mich der Kommunikationsproblemmonat. Da ich eine klare, offene, direkte Kommunikation bevorzuge, komme ich mit einigen Kommunikations(un)formen nicht klar, die scheinbar als völlig normal gelten.

  • ein Lehrer meines Sohnes ließ mir durch ihn bestellen, ich solle ihm dies und das in der Apotheke kaufen. Bei sowas schwillt mir der Kamm. Erstens suggeriert der Lehrer damit, daß ich mir der Problematik nicht bewußt sei. Zweitens suggeriert er, daß, wenn ich mir bewußt wäre, ich bislang nicht adäquat gehandelt hätte. Drittens halte ich so eine Form von Kommunikation über das Kind – und das Kind betreffend! – für völlig Banane. Und viertens lasse ich mir nicht diktieren, was ich zu tun und zu kaufen habe.
  • auf dem Weihnachtsmarkt stehe ich an einem Feuerkorb und wärme mich. Ein Mann kommt zu mir und schwallt mich zu, im schlimmsten Marktsprech. “Holdes Weib, ist Euch kalt? Vermag ich Euch schwa-schwa-schwa”. Alles ok, bis er sexistisch wird und mir was von seinem großen Schwanz, seinen Riesenklöten und seiner sexuellen Standfestigkeit erzählt. Wieso glauben so viele Männer immer noch, daß das attraktiv sei? Oder Frauen schockt? Ich fand es einfach nur erbärmlich und traurig.
  • zehn Meter weiter, selber Weihnachtsmarkt: ich habe mir etwas ausgesucht, das mein Mann netterweise für mich bezahlt, weil der Tresen sehr hoch und breit ist und ich nicht ranreiche. Währenddessen stellt sich eine Frau neben mich und unterschreitet dabei meinen Proximalbereich absolut gekonnt, indem sie mir so nah kommt, daß ich jede ihrer Poren sehen kann. “Ja, tolle Sachen, nech? Ah, die sind für Sie, soso. Haben Sie schon…”. Ich kenn die nicht. Ich hasse Smalltalk. Ich ignorier die in Grund und Boden, bis sie sich fragt, ob sie überhaupt noch existent ist.
  • Ja, ich bin Veganerin. Aber das heißt nicht, daß ich mit anderen VeganerInnen klarkommen muß, bloß weil wir eine ähnliche Ernährung haben. Ich bin nicht Deine beste Freundin, bloß weil auch ich keine Kuhmilch mehr trinke.
  • Ja, ich bin Heidin. Aber das heißt nicht, daß ich mit anderen HeidInnen klarkommen muß, bloß weil wir eine annähernd ähnliche spirituelle Einstellung haben. Ich bin nicht Deine beste Freundin, bloß weil auch ich aus der Kirche ausgetreten bin.
  • Im übrigen bin ich gemein, böse und alt genug, um klar zu kommunizieren und klare Kommunikation aushalten zu können. Alles andere raubt mir unnötig Zeit, Geduld, Energie und Kapazitäten. Und was mich besonders fuchsig macht: wenn Leuten nicht klar ist, daß ihre Unfähigkeit, klar zu kommunizieren, andere Menschen verletzt.
Cope with it.
Amala Krähenfeder, 09.12.2011, 18:24 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 11 Kommentare

:: Fremd- und Selbstbewertung ::

Ich denke darüber nach, inwiefern sich die Fremd- und Selbstbewertung meiner Person durch meinen Umstieg auf vegane Ernährung verändert hat. Verändert hat sich jedenfalls eine ganze Menge – das war ja auch gewollt. Wenn ich keinen Wunsch nach Veränderung verspürt hätte, wäre ich heute noch Ovo-Lakto-Vegetarierin.

In der Anfangszeit habe ich meine Ernährungsumstellung als Experiment bezeichnet, aus Selbstschutz. Wenn ich es als Experiment deklariere, kann mir ja niemand – nicht mal ich selbst – einen Strick daraus drehen, wenn ich irgendwann sage, ok, Veganismus klappt nicht für mich / ich mag das Essen nicht / ich fühle mich eingeschränkt /mir geht es damit nicht gut. Indem ich es als Experiment bezeichne, lasse ich mir eine Hintertür auf. Eigentlich habe ich das nicht für mich gemacht. Ich kann dazu stehen, wenn ich erst von einer Sache überzeugt bin, sie ausprobiere und dann feststelle, es funktioniert nicht. Es ändert nichts an meiner Liebe und Akzeptanz für mich. Was mich hingegen verletzen würde, wäre die Häme und Schadenfreude Dritter, die möglicherweise auf mich niederprasseln könnte, wenn ich zugeben müßte, daß Veganismus trotz aller Motivation und Überzeugung für mich nicht das Wahre ist. Vor allem die Medien erziehen uns ja dazu, Genuß an Schadenfreude, Häme und Gemeinheit zu haben und was gibt es Geileres, als auf jemandem rumzuhacken, der (vermeintliche) Schwäche zeigt? Nicht zu verachten ist auch Kritik, die in Form von Rat-Schlägen daherkommt. Probier x und y, Du hast nicht richtig dies und das, blabla. Qualitativ gibt es einen Unterschied zwischen Menschen, die mir ihre Erfahrungen mit-teilen, damit ich sie vielleicht selbst mal ausprobieren kann, und solchen, die mit spitzer Zunge meine Fehler und Unzulänglichkeiten sezieren, um mir auf’s Auge zu drücken, was ich ihrer Meinung nach besser machen sollte – um sich selbst zu profilieren. Welche Macht im Erteilen eines Rats liegen kann, ist mir übrigens erst so richtig aufgegangen, als ich mit den zwölf wilden Schwänen anfing, anno dazumal. Ich weiß nicht, ob ich es immer hinbekomme, tatsächlich bloß meine Erfahrungen zu teilen, ohne solche selbstaufwertenden Rat-Schläge zu erteilen. Ich hoffe es, glaube es aber nicht.

Interessant finde ich Gespräche mit Omnis oder Vegetarierinnen, die mal mehr, mal weniger unterschwellig an mich die Forderung stellen, mehr als überkorrekt vegan zu sein. Sind Deine Schuhe aus Leder? Werden Deine Medis tiergetestet? Klebt an Deinem Grünzeug ein Fliegenbein? AHA! Dann bist Du keine Veganerin! Mir kommt’s ja immer so vor, daß diese Feststellungen mit so einer Art tiefempfundener Erleichterung verbunden sind – Göttin sei Dank, nicht mal die Veganerin ist 100 % vegan! Aufschlußreich sind auch die Bemerkungen, die auf bestimmte vegane Produkte abzielen. Du ißt Tofu? Pah, dann hast Du Dich niemals wirklich vom Fleischverzehr gelöst. Veganerinnern, die Tofu und Sojahack essen, sind untrue. Warum ißt Du solche Ersatzprodukte, wenn Du doch angeblich Fleisch eklig findest? Es werden alle Register gezogen.

Inzwischen gehe ich auf diese Art von destruktiver Gesprächsführung nicht mehr ein. Ich lächle dann abwesend und nicke oder sage allenfalls “genau, Du hast ja sooo Recht!”. Ich kann das, weil ich mich selbst samt meiner Entscheidungen und Handlungen ok finde. Eigentlich sogar mehr als ok, aber das sag ich besser nicht so laut. Sich selbst anzunehmen, zu lieben, toll zu finden, ist wieder so eine Sache, bei der andere nur drauf warten, sie in Fetzen reißen zu können. Dann geht das Gemunkel los: ah, die war schon immer so arrogant und eigenbrödlerisch, die hat sich ja noch nie was sagen lassen.

Woher kommt das eigentlich, das Gefühl von Selbtachtung, Selbstliebe? Eigentlich geht es ja in unserem schönen System eher darum, gleichzumachen, sich anzupassen, Anforderungen und Erwartungen zu erfüllen. Woher kommt, wie ich mich selbst bewerte? Warum ist meine Selbstbewertung so positiv, auch – oder vielleicht gerade – wenn andere mich doof finden? Wie so viele andere bin auch ich nicht zur bedingungslosen Selbstliebe erzogen worden. Frau kann das also lernen und sich antrainieren. Sich selbst zu vertrauen, der eigenen Wahrnehmung und Intuition zu trauen. Sich selbst geduldig und behutsam in heiterer Gelassenheit bei den kleinsten (selbst)kritischen Gedanken zu korrigieren. Nein, ich wollte nicht mehr denken, daß mein Hintern zu groß ist – ich denke jetzt lieber, daß er wunderbar rund ist. Ja, die Tante Trude sagt, daß ich Eier und Milch brauche, um gesund zu sein, und ich finde es total lieb von ihr, daß sie sich um mich Gedanken macht, aber für mich geht es gut ohne.

Veganismus hat für mich definitiv eine Dimension, die über Nährwerte, Rezepte und vegane Restaurants hinausgeht. Diese Dinge reichen tief in Spiritualität, Psychologie, Kommunikation und All-Eins hinein.

Amala Krähenfeder, 22.11.2011, 20:33 | Abgelegt unter: Ernährung,Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 7 Kommentare

:: Natur- & Schulmedizin ::

Dieser Artikel bei Grey Owl hat mich nachdenklich gemacht. Sie schreibt davon, daß es ihr schwerfällt, zugeben zu müssen, daß chemische Medikamente im Notfall manchmal schneller helfen als Naturmedizin. Diesen Zwiespalt kenne ich. Mir haben chemische Medikamente das Leben gerettet und ermöglichen mir jetzt, mit einer chronischen Krankheit zu leben (gar nicht schlecht, will ich meinen^^). Andererseits stehe ich der Schulmedizin und ihren Mitteln sehr skeptisch gegenüber. Wie paßt das zusammen? Und wie paßt das zu der zurück-zur-Natur-Idee im Heidentum?

Für mich stellen heidnisch-spirituell-naturorientiertes Leben und Schulmedizin keinen unüberwindbaren Gegensatz mehr dar, auch wenn sie das lang getan haben. Als ich schwer krank wurde (und ich darf mich rühmen, eine von zwei Frauen weltweit zu sein, die diese Krankheit bekommen haben), habe ich es “natürlich” mit Naturmedizin probiert. Ich hab homöopathische Mittel genommen, mir Heilsteine aufgelegt, mir Tachyonen-Scheiben von einer Freundin unter’s Kissen gelegt, Kräutertee getrunken, mir Reiki gegeben und gebetet. Hat’s was genutzt? Nö, kein bißchen. Es ging mir damit noch nicht einmal besser. Im Gegenteil. Ich war total davon überzeugt, daß Naturmedizin alles besser hinkriegt als die Schulmedizin. Ich hab an ein Wunder geglaubt. Als es ausblieb, war ich bitterlich enttäuscht. War mein Glaube nicht intensiv genug? Wieso war mir die Gunst der Spontanheilung verwehrt geblieben? In der damaligen Situation war ich schlicht verzweifelt. Heute, mit sechs Jahren Abstand, kann ich recht gelassen und irgendwie grinsend darauf zurückblicken. Es hat mir nicht an Glauben gefehlt. Es hat auch nicht an Unterstützung gefehlt. Meine Verbündeten waren da, die ganze Zeit über. Sie jedoch wußten im Gegensatz zu mir, daß Leid ein essentieller Bestandteil des Lebens ist.

Übrigens meine ich damit nicht Leid im christlich-patriarchalen Sinne, so nach dem Motto: Du sündiger Mensch mußt leiden, um vor Gott wieder rein zu werden *gähn* Ich meine damit schlicht den ominösen und vielzitierten “dunklen Aspekt des Lebens” (wenn Du in Heidenforen unterwegs bist, stolperst Du immer wieder darüber). Dieser dunkle Aspekt manifestiert sich je nach Seele ganz anders, vielleicht in Hinblick auf das Karma (noch so ein abgeschmackter Begriff) oder die Lernaufgabe im Leben (dito).

Jedenfalls hat mich die Schulmedizin damals wieder hingekriegt – nicht ohne Umwege, nicht ohne ein Höchstmaß an menschlichem Versagen, aber immerhin. Geheilt haben mich die Weißkittel nicht, nicht im entferntesten. Ich habe mich auf ihre schwarze Magie eingelassen, mitunter zähneklappernd. Ich hab ihren Zauber integriert, weil er mir in der akuten Situation damals und jetzt in bestimmten Bereichen meines Lebens die einzige effektive Möglichkeit erschien, Dinge zu richten und mir ein Weiterleben zu ermöglichen. Vielleicht bin ich auch einfach pragmatisch: erlaubt ist, was funktioniert. Und weil sie funktioniert, benutze ich die schulmedizinische Zauberei. Ich glaube, kritisch wird es nur an dem Punkt, wo wir unsere Eigen-Macht aus der Hand geben und sie den Weißkittelmagiern vollständig überantworten. Gleichsam ist es natürlich auch kritisch, unsere Eigen-Macht an Naturheilkundler abzugeben, bloß weil wir die glorifizieren (teilweise schlicht deswegen, weil sie keine Schulmediziner sind).

Grey Owl schreibt auch darüber, daß es für sie schwierig ist, ihre Grenzen durchzusetzen. Geht mir ganz genauso. Teils weil ich vielleicht immer noch diese Du-mußt-funktionieren-Konditionierung drinhabe, vor allem aber weil ich selbst mehr will, als ich kann. Ich will den ganzen Haushalt schmeißen können, ich will Sport machen, ich will spazieren gehen, ich will jeden Tag an die frische Luft. Ja, aber ich kann nicht. Wann immer ich es versuche, endet es damit, daß ich mit einem verbissenen Schmerzzustand im Bett liege und denke, wieso war ich so doof? Mein Körper ist soviel weiser als ich, der hat mir deutlich gezeigt, wo die Grenze ist – nur wollte mein Dickschädel dadrauf keine Rücksicht nehmen. Das hat zwei Effekte. Einerseits macht es mich mürbe und sauer, nicht so zu können, wie ich will. Andererseits sorgt es dafür, daß ich sehr intensiv wahrnehme, sehr intensiv lebe. Das Geschenk in der Krise zu sehen, ist für mich die eigentliche Aufforderung von Krankheit und Leid – denn “Leid” ist es dann nicht mehr, sobald ich meinen Frieden damit gemacht habe. Wobei ich glaube, daß dieser Zustand nicht final zu erreichen ist, da im Alltag immer mal wieder Dinge aufkommen, wo es mich peinigt, Grenzen zu haben. Es ist eher die Bemühung, dem Leid, der Behinderung, der Begrenzung das Zuckerle abzuschwatzen, abzuringen, abzuhandeln, das irgendwo dadrin versteckt ist.

Die allein im Kopf errichtete Grenze zwischen Schul- und Naturmedizin halte ich für nicht hilfreich, wenn es darum geht, einen Weg zu finden, mit einer Krankheit oder einer Behinderung zu leben. Wir haben heute das Glück, auf beides (und noch viel mehr) zurückgreifen zu können – wieso sollte ich mich da festlegen (lassen)? Das ist doch bloß wieder mit Schuldgefühlen, Unsicherheiten und Abhängigkeiten behaftet.

Amala Krähenfeder, 09.11.2011, 13:12 | Abgelegt unter: Behinderung,Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 4 Kommentare

:: Veränderungen ::

Mit dem Abschied von unserem Mietshaus sind enorme Veränderungen in Gang gekommen. Der Umzug hat es nötig gemacht, daß sich etwas bewegt. Daß ich mich bewege.

Mit einigen Dingen hier in unserem Haus komme ich nicht klar. Oder besser: noch nicht klar. Durch lange Gespräche kristallisieren sich nach und nach Lösungen heraus, die teilweise schon jetzt, teilweise erst in ein paar Jahren umgesetzt werden können. Wenn das liebe Geld nicht wär, hach ja. Und so kommt es, daß meine Männer mir in letzter Zeit öfter mal Möbel rumschleppen, Tische verrücken, Sofas auseinandernehmen, Rolladenkästen aufschrauben, Regale umstellen und einiges mehr. Ich probiere aus, was am besten zu mir paßt. Zuletzt habe ich jetzt rausgefunden, daß ein Wohnzimmer ohne direktes Tageslicht einen großen Vorteil besitzt, den ich vorher gar nicht erkannt habe und jetzt für mich nutze. Und wenn alle Räume renoviert und fertig sind, dann kann ich auch endlich dekorieren und für mehr Gemütlichkeit sorgen. Vermutlich komme ich so langsam wirklich hier an.

Seit wir hier leben, bin ich aktiver geworden. Vielleicht hängt das auch mit dem Gefühl von “soll das alles sein?!” zusammen, das ich vermutlich durch den passiv mit Warten verbrachten Sommer habe – ich war mit Kind und ohne Auto daheim, während die Männer renoviert haben. Sommer verpaßt, schade aber auch. In Waghäusel bin ich nicht besonders oft rausgekommen, hatte aber auch nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Hier ist es anders. Mein Mann, der mich mein halbes Leben lang kennt, reagiert sehr sensibel darauf und so kommt es, daß ich derzeit mehrmals wöchentlich unterwegs bin: einkaufen, Bibliothek, spazieren. Wir haben auch nach einer Lösung für mein Problem mit dem Autofahren gesucht, ohne einer Firma, die sich auf behindertengerechte Fahrzeugumbauten spezialisiert hat, 4000 € in den Rachen zu werfen. Ob diese Lösung funktioniert, werde ich erst in ein paar Wochen wissen. Ich hoffe es. Nein, ich bete darum. Wenn ich endlich selbst fahren könnte, wäre ich doch deutlich selbstbestimmter in puncto Wegwahl.

Aktiver bin ich auch in einer anderen Hinsicht. Ich koche wieder mehr. In Waghäusel hatten wir eine schier riesige Küche, locker 10 Meter lang. “Mal eben was kochen” ging da gar nicht. Alles war so eingerichtet, daß die Wege großzügig waren. Zumindest für fußfitte Menschen. Für mich waren sie kaum zu schaffen, wo es beim Kochen doch oft hin und her geht. Jetzt ist es anders. Und so stehe ich…nein, sitze ich wieder öfter am Herd, überlege mir neue Rezepte, probiere rum und erfreue mich an meiner wiedergewonnenen Küchenkreativität. Habe bis heute nicht verstanden, wieso Küchenhexen in paganen Kreisen so abschätzig belächelt werden.

Veränderung brachte dann auch noch eine Erkenntnis, die mich bis ins Mark erschüttert hat: ich, die ich nicht vor Mammutprojekten zurückschrecke, die ich ausdauernd und nachhaltig arbeite – ich habe in einer Hinsicht keinerlei Durchhaltevermögen. Und das in einem Bereich, in dem ich mich für echt gut halte. Jetzt will ich mir selbst was beweisen und arbeite jeden Tag ein bißchen an meinem neuen Projekt. Wäre ja gelacht.

Was sich eher nachteilig verändert hat, ist die Sache mit dem Nähen. Habe zur Zeit eine massive Ladehemmung, die sich darin äußert, daß ich meist keine Lust oder alternativ keine Ideen habe. Woran das liegt, weiß ich nicht so genau, aber ich hoffe, daß sich das wieder ändert, denn eiiiigentlich fehlt’s mir schon.

Amala Krähenfeder, 28.09.2011, 14:04 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

:: Ich hab genug ::

Gestern waren mein Mann und ich in der Karlsruher Innenstadt. An einem Samstag shoppen zu gehen, ist entweder Wahnsinn oder aber, wie in unserem Fall, einer echten Notwendigkeit geschuldet (des Mannes Schuhe haben einen Riß bekommen und daher brauchte er direkt neue). Da ich immer noch auf der Suche nach einem Geschenk zu meinem Geburtstag war, wollte ich direkt mal schauen, ob ich etwas finde.

Die Stadt war voll, wie nicht anders zu erwarten, aber was mich wirklich erst irritiert, dann belustigt und zum Schluß wütend gemacht hat, ist die Verpeiltheit der Menschen. Wieso denken die, ein Rolli sei ein Raupenfahrzeug, das mal eben zur Seite springen kann, wenn sie keinen Bock haben, auszuweichen? Ralle ich nicht. Ich ralle es vor allem deswegen nicht, weil einer doch eigentlich der gesunde Menschenverstand sagt, daß es garantiert wehtun wird, wenn ich einem fahrenden Rollstuhl in die Räder oder vor’s Trittbrett renne. Oder nicht? Oder wie? Dazu muß ich sagen, daß mein Mann mich gestern gefahren hat (kann meine Steuerung mit wenigen Handgriffen umbauen), und daß er ein sehr netter Mensch ist, der anders als seine renitente Frau immer direkt die Finger vom Gas nimmt, wenn jemand quer zum Rolli latscht. Ähem. Eine ziemlich unschöne Situation gab es in einem Schreibwarenladen, wo wir – wie gefühlte hundert andere Eltern auch – Schulkram kaufen wollten. Ich stand vor dem Regal mit den Heften und fischte die benötigten heraus, als zwei Frauen hinter mir auftauchten. Die eine fragte die andere, wieso sie denn nicht direkt die Hefte holen würde, und die andere deutete mit einer sehr abfälligen, unwirschen Geste auf mich, die deutlich und vorwurfsvoll incl. Augenverdrehen sagte “die Rollstuhltante ist ja im Weg!”. Hab gar nicht wirklich überlegt, sondern direkt was zurückgeschossen. Ich glaub, da lag dann mal der gesammelte Frust des Tages drin. Andererseits passiert es ziemlich oft, daß Leute genervt auf den Rollstuhl reagieren, gerade so, als säße ich nur darin, um ihnen Platzmangel zu bescheren oder den Weg zu versperren. Mir fällt es, obwohl ich das inzwischen zur Genüge kenne, sehr schwer, in diesen Situationen cool zu bleiben. Vielleicht hat das auch was mit meinem Selbstbild zu tun. Ja, mein Körper ist behindert, aber ich empfinde mich in jeder anderen Hinsicht total fit und auf Draht, und wenn ich dann wie ein Sack Mehl behandelt werde, wie ein unnützes, lästiges Hindernis, dann tut das einfach weh. Meine Reaktion darauf ist tagesformabhängig. Mir selbst ist es lieber, ich knalle denjenigen, die mich verletzen, was vor den Kopf, als daß ich mich später heulend unter meine Bettdecke verkrieche. Bis hierher war’s für mich ein langer, schmerzafter Lernprozeß. Ich muß nicht nett sein, bloß weil ich im Rollstuhl sitze.

Ahm ja, das ist jetzt doch ein bissel mehr geworden, aber das Thema kommt leider immer wieder auf. Soviel zur vielbeschworenen Integration Behinderter.

Nachdem mein Mann ein Paar Schuhe gefunden hatte, sind wir dann allmählich zum Auto zurückgefahren, wobei ich weiterhin nach einem potentiellen Geburtstagsgeschenk Ausschau hielt. Wenn mir vor zehn Jahren jemand gesagt hat, wir gehen in die Stadt, Du kannst Dir ein Geschenk aussuchen, wäre ich in der Fußgängerzone maximal 100 Meter weit gekommen. Gestern schaffte ich es bis zum Auto und nach Hause zurück, ohne Geschenk. Ich habe schlicht nichts gefunden. Ich habe genug Bücher, CDs, DVDs. Ich brauche keinen Schmuck, keine Klamotten, kein Parfum, keine Haushaltswaren. Dekokram habe ich genug und ich bezweifle, daß ich in der City was gefunden hätte, das mir gefallen hätte. Technikspielzeug mag ich nicht, Brettspiele habe ich auch genug. Und der Knaller: sogar Stoffe, Supplies und Patchworkbücher habe ich genug! (Meine Männer wollten den Tag, da ich das sage, direkt rot im Kalender markieren *lol*).

Für mich paßt das Gefühl von “ich brauche nichts, ich habe genug” total in diese Zeit. Durch den Umzug war und bin ich ja immer wieder damit konfrontiert, daß ich finde, sogar mehr als genug zu besitzen und eigentlich mit sehr viel weniger auszukommen. In den letzten Wochen habe ich mich von vielen Dingen getrennt und bin immer noch dabei (es sind auch noch ziemlich viele Umzugskisten vorhanden, die durchgesehen werden wollen). Gleichsam weigere ich mich, Geld für Dinge auszugeben, die ich mit wenig Aufwand selbermachen oder auf anderem Weg günstiger bekommen kann. Das hat übrigens nichts mit Schnäppchenjägerei oder Geiz zu tun (denn ich finde Geiz nicht geil, sondern eine schlechte Charaktereigenschaft), sondern eher damit, mich selbst zu ermächtigen. Konsum erzeugt Mangel, auch an Fertigkeiten und Fähigkeiten, und ich spüre, daß ich gerade guten Kontakt zu meinem eigenen Potential bekomme. Aus den vorhandenen Ressourcen etwas Neues machen, das ist gerade so mein Ding. Habe z.B. aus einer alten Wimpelkette, für die im neuen Haus kein Platz ist, kleine Gardinen für die Küchentür gemacht, und aus den alten Brettern vom Ex-Sandkasten wurde eine stabile Schaukel für das Kind. Das gefällt mir. Und es reduziert den Müllberg. Und die Haushaltskasse mag’s auch.

Abends habe ich mir dann den Rasierer geschnappt und mir die Haare abrasiert. Ich trage sie schon seit einer Weile kurz, hatte jetzt aber das Gefühl, sie sollten ganz ab. Es heißt, Haare seien ein Stück Identität, und das denke ich auch. Wenn ich sie einfach so loslassen kann, paßt das ebenfalls zu meiner Einschätzung, im Moment nicht so viel zu brauchen – irgendwie.

Ich hab genug. Alles im Lot.

Amala Krähenfeder, 18.09.2011, 11:42 | Abgelegt unter: Behinderung,Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 7 Kommentare

:: Irgendwie da ::

Irgendwie sind wir da. Was für eine Reise!

Außer einem Kühlschrank, meinem Bett und dem Internet funktioniert hier noch gar nichts. Überall Gerymple, Kartons, Werkzeug. Dazwischen vier Katzen, die ihre Rangordnung neu ausdiskutieren, weil doch eine Neue dazugekommen ist. Und draußen regnet’s Bindfäden.

Der Umzug als solcher hat gut geklappt und dank dem bombastischen Catering von Andrea sind wir auch nicht verhungert. Nochmals tausend Dank an Dich! :)

Ich finde es ganz interessant, wie sehr dieser Umzug mich dazu bringt, über Besitz nachzudenken. Schon beim Einpacken habe ich mich von vielem getrennt, aber bereits das Auspacken des Bestecks brachte mich ins Grübeln: wozu in aller Welt habe ich mir einen Zestenreißer und einen Kugelausstecher gekauft?! Wenn ich jemals Zesten von Zitrusfrüchten brauche, nehme ich die Schale dünn mit dem Sparschäler ab und schneide sie dann mit meinem Srinky in Zesten. Und ich habe noch nie eine Frucht in Bällchen ausgestochen, egal, wie haute-cuisine-mäßig das aussehen mag, weil’s mir schlicht zu lästig ist. Also weg damit!

Es wird bestimmt noch einiges geben, dessen ich mich entledigen werde. Mir scheint es, als ob Zeug, das erstmal da ist, ständig Energie abzieht. Ich muß es aufbewahren, in Schuß halten, abstauben und mich daher immer wieder – auch unterschwellig – damit beschäftigen. Das gilt auch für meine geliebten Bücher. Ich habe einen ganzen Raum voller Bücher. Ein ganzes Zimmer voll. Du liebe Zeit, das les ich doch nie wieder! Und was, wenn ich in zehn Jahren denke, och, den Alfred-Andersch-Roman, den ich in der 10. Klasse gehaßt habe, muß ich unbedingt nochmal lesen? Na, dann leihe ich ihn aus oder kaufe ihn von mir aus neu. Wieso halte ich dieses Buch jetzt fest? Diese Frage werde ich mir dann wohl beim Auspacken sämtlicher Bücher stellen, denn wir haben locker so an die 5000 Stück, nicht gerechnet Kinderbücher, Patchworkbücher, Fachbücher und Zeitschriften. Argh! Ach ja, habe ich erwähnt, daß ich vor dem letzten Umzug schonmal so etwa 500 Bücher rausgeworfen habe? (…!!)

Dann sind da meine orthopädischen Stiefel. Jedes Paar kostet ca. 1400 €, dagegen kann jeder trendy Stöckelschuh abstinken. Nur kann ich die alten Stiefel nicht mehr tragen, meine Füße haben sich verändert. Ich werde nie wieder in sie reinpassen. Wieso habe ich sie auf? Weil sie teuer waren?

Oder dieser 5-Kilo-Granitmörser. Als Türstopper einfach genial, aber ich zermörsere nix dadrin. War mir schon immer zu anstrengend, und jetzt mit dem Vitamix brauche ich ihn nicht mehr. Hebe ich ihn auch auf, weil er mal teuer war? Oder weil ich meine, im Falle eines Stromausfalls immer noch frisches Pesto zubereiten zu müssen? Das ist doch absurd.

Und so reiht sich Ding an Ding, das ich besitze, aber nicht (mehr) benutze. Überdies habe ich ja auch ein produktives Hobby, sprich: Quilts, Wandbehänge, Kissen und Accessoires werden eher mehr denn weniger. Wenn mir die Zeit des Umzugs was gezeigt hat, dann das: ich komme mit 25 % meiner Besitztümer bestens über die Runden, ohne auch nur das Gefühl zu entwickeln, mir fehle was.

Wann ist nochmal Sperrmüll hier?

Amala Krähenfeder, 27.08.2011, 13:02 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 12 Kommentare

:: UmzugsCountdown – 6 Days To Go ::

Meine drei Glücksmomente heute:

  • verloren geglaubtes Dattelkonfekt wiedergefunden
  • Feldsalat mit Pfifferlingen gefuttert
  • extrem unkompliziertes Abendessen aus der Vorratskammer.
Manchmal geht Glück ganz profan durch den Magen.
Amala Krähenfeder, 19.08.2011, 16:13 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar
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