Kategorie: Nach(t)denken

:: Konsum & Mangel ::

Seit ich mit den 12 wilden Schwänen arbeite, wundere ich mich ja eigentlich nicht mehr über die ganzen Synchronizitäten, in die ich so reinstolper. Jedenfalls habe ich gerade in dem Buch etwas gelesen, daß die Revoluzzerin in mir sehr toll fand. Starhawk / Valentine zitieren den Dalai Lama (den ich jetzt nicht so prickelnd finde, aber das ist ein anderes Thema), der 1999 mal sagte, daß beten und meditieren nicht ausreiche – wer die Welt ändern wolle, müsse handeln. Und dann las ich heute bei Alexis von Gedanken über Konsumverzicht. Hach ja, und jetzt muß ich dazusenfen :)

Die ernüchternde Wahrheit direkt am Anfang: es ist mir nicht möglich, auf Konsum in dem Umfang zu verzichten, wie ich es gern würde. Bis vor Beginn meiner Behinderung wollten mein dato einer Mann und ich auf einem Subsistenzhof leben, gern auch in einer größeren Gemeinschaft, sofern mensch da Raum und Zeit für sich gehabt hätte. Ich sah mich da schon als Biogärtnerin mit Fingernägeln, bei deren Anblick meine Oma Leberzirrhose bekommen hätte, und als Schneiderin, als Strickerin, als Nachtwache-für-Alte-Kranke-und-Kinder-Schieberin. Alles im Sinne davon, daß jede/r tut, was sie / er eben kann und sich so konstruktiv in die Gemeinschaft einbringt.

2005 war’s dann aus mit dem Traum. Mit einer Gehbehinderung krauche zumindest ich nicht mehr im Gemüsebeet herum. Außerdem veränderte sich unser Leben durch das Dazukommen von Mann Nummer 2, die Ansprüche, Wünsche und Bedürfnisse änderten sich. Heute fände ich das Experiment Subsistenzgemeinschaft immer noch spannend, aber ich bin vielleicht auch ein bissel desillusioniert: ich bin für eine große Gemeinschaft (= mehr als 6 Leute) nicht gemacht. Das ist auch okay so :) Mehr als ein Experiment wäre es wohl nicht.

Heute versuchen wir, viele Dinge umsetzen, die für uns auch an einer solchen Gemeinschaft wichtig gewesen wären. Dieses Jahr haben wir einen kleinen Gemüsegarten angelegt, der nächstes Jahr noch erweitert werden soll. Es ist schon enorm, wie viel ein Garten abwirft, der vielleicht nur 3 x 4 Meter mißt. Wir vermahlen unser Korn selbst, backen selbst Brot und anderes Gebäck, wir sammeln und verarbeiten Wildkräuter und -früchte. Ich nähe viel, Schönes und Nützliches, und wenn frau nähen kann, kann sie auch defekte Kleidung wieder richten oder ausrangierte, zu klein gewordene Sachen wiederverWERTen. Stricken kann ich ja leider nicht mehr (und das fehlt mir nach wie vor ganz doll), aber ich tausche öfters mal Genähtes oder Kulinarisches gegen Strickwaren. Überhaupt finde ich es ganz wichtig, Dinge selbstzumachen, anstatt sie zu konsumieren. Konsum heißt Abhängigkeit (von Öffnungszeiten, von Lieferungen, von Herstellern, von Geld, …), während Selbermachen für mich Ermächtigung bedeutet. Wenn ich etwas selbermachen will, muß ich mir Wissen und KnowHow aneignen, ich muß darüber lesen, anderen zuhören und es ausprobieren.

Wenn nicht immer alles verfügbar ist, muß ich mir Gedanken über Vorratshaltung machen, über die Lagerung von mitunter Verderblichem, über ökologische Schädlingsbekämpfung, über maßvollen Umgang mit den vorhandenen Ressourcen und auch über das Teilen. Da ein Mensch – da sogar eine große Familie – nicht alles herzustellen vermag, woran Bedarf besteht, brauche ich meine Sozialkompetenz, meine Netzwerke, um zu wissen, an wen ich mich wenden kann, wer etwas produziert, das ich nicht selbst herstellen kann.

Vor einer Weile packte mich der Gedanke des “ForGiving”, formuliert von Geneviève Vaughn. Kurz gesagt stellt sie die These auf, daß Tauschhandel immer ich-orientiert ist: ich hoffe, daß ich bei einem Tausch mehr bekomme, als ich gebe. Ich gucke allein auf meine Bedürfnisse, auf meine Wünsche und auf ihre Befriedigigung. Beim absichtslosen Schenken hingegen bin ich Du-orientiert. Ich schenke Dir etwas, weil ich es so empfinde, daß ich genug habe und daß ich gut versorgt bin, z.B. durch die Großzügigkeit von Mutter Erde oder durch die Mitversorgung durch andere Schenker. Wenn ich in dieser Geisteshaltung lebe, habe ich keine Angst mehr vor Mangel, davor zu kurz zu kommen. Vaughn sagt, daß der Kapitalismus, wie wir ihn jetzt leben, uns zwar vorgaukelt, daß wir jede Menge haben (Auswahl, es ist immer alles da, alles Bedürfnisse werden jederzeit befriedigt), aber daß wir tatsächlich alle verarmen: es gibt immer weniger Unterschiedliches (nur noch wenige Großkonzerne anstatt kleiner, unabhängiger Tante-Emma-Läden; kaum noch alte Gemüse- oder Obstsorten; …). Das Gefühl, daß wir in einer Gesellschaft leben, die gern vorspiegelt, individuenfreundlich zu sein, letztlich aber Angst vor Divergenz hat, hab ich übrigens schon seit meiner Kindheit. Anders = schlecht, angsterregend, abschreckend, fürchterlich, häxlich.

Der Gedanke daran, als göttingegebenen Zustand gut versorgt zu sein, ist in meinen Augen revolutionär. Das merkst Du schon daran, daß die Menschen argwöhnisch und skeptisch sind, wenn frau ihnen einfach etwas schenkt oder bei einem Tauschhandel nicht bis zum Umfallen feilscht, sondern gleich sagt “damit bin ich zufrieden”. Die Frage ist für mich: was können wir tun, damit wir keine/n (Angst mehr vor) Mangel haben?

Ich glaub, dazu fällt jeder was ein…

Amala Krähenfeder, 12.08.2010, 15:03 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 6 Kommentare

:: Sich gesund kranken ::

Neulich habe ich gelesen, daß mensch zwar unendlich viel für die Gesundheit tun kann, daß das aber nicht bedeutet, auch gesund zu sein (oder sich so zu fühlen).

Dieser Satz klang jetzt eine ganze Weile in mir nach und je länger ich über ihn nachgedacht habe, desto besser gefiel er mir. Wenn ich mir so anguck, was frau heute alles so für ihre Gesundheit bzw. ihr Wohlbefinden tun soll, wird mir ganz schwummerig, wo doch mein Tag auch nur 24 Stunden hat, von denen ich gern einige im Bett und einige andere mit meiner Familie und meinen Hobbies verbringe. Ich habe das mal grob überschlagen und kam auf etwa 4 Stunden, die frau täglich mit Sachen verbringen könnte oder müßte, die gut für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden sind, incl. täglich frisch einkaufen, gut kochen, Sport machen und der obligatorischen Yoga-Meditations-Runde. Das kommt mir nicht wenig vor…

Dann habe ich mal meine Antennen aufgestellt, wenn ich mit anderen Frauen geredet habe oder wenn ich – was selten genug vorkommt – einkaufen ging. Schon irre, was es alles gibt und was alles als für Gesundheit und Wohlbefinden obligat angeguckt wird. Aloe-Vera-Drink. Grünteeaugenmaske. Vitaminlutschbonbons (von einer Überdosis Vitaminen und Spurenelementen kann frau krank werden – weiß das eigentlich noch jemand?). Aromatherapiebauchwegöl. Verdauungsfördernde Kaugummis. Ich kam mir ein bißchen vor wie ein bekannter Zauberlehrling in seinem Lieblingssüßwarenladen.

Mich berührt das alles irgendwie sehr sonderbar. Einerseits empfinden wir heute so viel Angst und Ekel vor dem menschlichen (vor allem vor dem weiblichen) Körper und seinen Funktionen wie nie zuvor, obwohl wir so viel über ihn wissen, wie ebenfalls noch nie zuvor. Andererseits betreiben wir einen enormen Kult um ihn. Wo ist die Grenze?

Und: was ist eigentlich gesund? Bedeuten “gesund” und “heil” dasselbe?

Amala Krähenfeder, 04.08.2010, 11:56 | Abgelegt unter: FrauenKram,Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 3 Kommentare

:: Kompromisse ::

Ich würde gern behaupten, daß ich kompromißfähig bin. Bin ich aber nicht – oder allenfalls bedingt. Kommt auf das Thema an, auf die Leute, die dabei sind, auf die Alternativen und auf die Kompromißvorschläge. Je wichtiger und für mein Empfinden “größer” die Themen sind, desto weniger kompromißfähig bin ich. Wahrscheinlich war ich deswegen auch nie eine gute Teamworkerin. Ich habe Gruppenarbeit in der Schule gehaßt. Natürlich wurde mir da immer wieder vorgehalten, daß ich die Sache mit dem Team und den Kompromissen sowieso lernen muß – entweder freiwillig und einigermaßen leicht oder eben unfreiwillig und in der “harten Schule des Lebens”. Tut mir leid. Ich habe es nie gelernt, weder freiwillig noch unfreiwillig. Der einzige Mensch, der mir das ein bißchen nähergebracht hat, ist mein Sohn. Und der hat scheinbar den Dickschädel seiner Mama geerbt, so daß wir auch gut damit leben können, wenn wir beide keinen Zentimeter von unserer Meinung und unserem Willen abweichen.

Wahrscheinlich ist meine Kompromißlosigkeit ein Grund dafür, wieso ich keine langjährigen Sandkastenfreunde habe. Wenn ich etwas für gut und richtig erachte, dann ziehe ich es durch. Entweder gehst du mit oder du läßt es – dann gehe ich eben allein weiter. Ich habe die beiden einzigen Menschen, von denen ich weiß, daß sie kompetent in Sachen Amala sind, danach gefragt, ob mich das nun zur Egosau macht. Sie haben gegrinst und gesagt: nein. Du weißt einfach, was Du willst. Du läßt Dich nicht auf Kompromisse ein, die Du nicht tragen kannst. Ja, das ist wohl so.

Viele Menschen, die ich hinter mir gelassen habe, weil ich keine Kompromisse eingehen wollte, haben mir hinterhergerufen, daß ich es bereuen und zurückkommen würde. Habe ich nie, weder das eine noch das andere. Wenn es nicht paßt, dann paßt es eben nicht. Ich würde ja auch nie erwarten, daß ein Mensch bei mir verweilt, wenn er das Gefühl hat, gegen seine Überzeugung, gegen sein Gefühl zu verstoßen.

Gleichsam halte ich mich für bindungsfähig. Aber sich binden heißt nicht sich fesseln lassen. Manchmal mußten mein Mann und ich unseren Lebensentwurf überdenken und radikal ändern, damit es paßte, damit es uns weiterhin glücklich machte. Wenn Du feststellst, daß Du dazu fähig bist, zwei oder mehr Menschen gleichzeitig zu lieben (nicht zu begehren), dann tut das was mit der Idee von “Du und ich, wir zwei”. Katastrophal, wenn ein Mensch dazukommt, der eine 1:1-Beziehung will und sie mit allen Mitteln forciert. Wunderbar, wenn ein Mensch dazukommt, der auch mehrfach lieben kann.

Amala Krähenfeder, 19.07.2010, 13:11 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 4 Kommentare

:: Nationalstolz ::

Als wir heute unterwegs waren, lagen neben den ganzen toten Tieren, die von den besoffenen Wochenendrasern plattiert werden, allerlei Deutschlandfahnen in den Gräben. Häuser, Autos, Gärten, Bäume, Restaurants, Menschen schmücken sich mit der Flagge. Plötzlich und pünktlich zur WM ist bei uns Nationalstolz ausgebrochen. Was es bedeutet, daß kein noch so wichtiges, brandaktuelles und direkt ins Leben eingreifende Thema das schafft, sondern daß es sowas Popeliges wie Fußball dafür braucht, finde ich einfach traurig. Nein, ich habe nichts gegen Fußball, aber auch nichts dafür. Für das Geld, das für dieses Ereignis in Südafrika verpulvert wurde, hätten wir in vielen Ländern dieser Welt vermutlich achthundert Jahre lang Entwicklungsarbeit leisten können. Die PseudoSolidarität, derer wir uns als stolze Fußballnation jetzt rühmen, finde ich beschämend. Normalerweise höre ich die Leute anders von Deutschland reden. Es wird über die Politiker (die wir übrigens selbst gewählt haben, btw) gemeckert oder über das Wetter, über den Arbeitsmarkt, die Auslandspolitik, den nicht vorhandenen Atomausstieg und allerlei mehr. Aber jetzt werden wir ja mit Fußball unten gehalten (ach nee, unterhalten) und da ist alles andere egal. Jetzt sind wir stolze Deutsche.

Ich besitze nicht einen Funken Nationalstolz, weder zur WM noch sonstwann. Ich bin dankbar dafür, hier zu leben, aber das war nicht meine eigene Entscheidung. Ich wurde einfach hier geboren. Durch diesen Zufall komme ich in den Genuß, nicht genital verstümmelt worden zu sein, nicht an einer Mandelentzündung zu sterben, nicht seit meinem 5. Lebensjahr 12 Stunden täglich in einer Rüstungsmittelfirma oder in einer Näherei arbeiten zu müssen. Oder für meine Meinung erschossen zu werden. Ich bin absolut ahnungslos, was der “deutsche Geist” sein soll, was überhaupt “typisch deutsch” ist (angeblich).

Was ich hingegen sehr wohl und en masse besitze, ist Regionalstolz. Ich liebe das Land, in dem ich hier lebe. Ich fühle mich ihm und den Menschen verbunden. Ich bin nicht wahllos auf alles stolz, was es hier in Baden gibt, aber auf vieles. Ich bin dankbar dafür, hier leben zu dürfen.

Vielleicht würde ich Nationalstolz empfinden, wenn ich in mehr Teilen Deutschlands gelebt hätte. Vielleicht aber auch nicht, wo mein Herz doch seit Jahren so eine klare Sprache spricht. Vielleicht braucht es tatsächlich Fußball, um Nationalstolz wachzurufen. Vielleicht haben wir normalerweise Angst, stolz auf unser Land zu sein, weil wir fürchten, dann direkt wieder als Nazis zu gelten.

Amala Krähenfeder, 13.06.2010, 17:25 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 8 Kommentare

:: Grundbedürfnisse ::

Grundbedürfnisse definieren sich als das, was es grundlegend zum Leben braucht. Ich verstehe darunter: saubere Luft, klares Wasser, gesunde Nahrung, eine Heimat, soziale Kontakte und die Möglichkeit, sich zu entfalten.

Das sind keine hochtrabenden Wünsche, nichts Unrealistisches.

Wie kann es sein, daß es so schwer ist, diese Grundbedürfnisse zu erfüllen? Warum sind wir damit zufrieden, daß unsere Grundbedürfnisse herunterdiskutiert und -politisiert werden?

Wahrscheinlich hadere ich gerade mal wieder.

Amala Krähenfeder, 10.06.2010, 14:32 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 3 Kommentare

:: Die gute Nahrung ::

Am Wochenende war viel Zeit, auch für’s Kochen. Ich genieße es, Gemüse, Obst, Gewürze und andere Zutaten zu kombinieren und dann ein gutes, wärmendes Mahl zu erhalten. Am Tisch beisammensitzen, essen, trinken, sich unterhalten, manchmal hitzig diskutieren – das nährt Körper und Seele.

Ich habe am Wochenende zwei neue Brotaufstriche gemacht, einmal einen mit Kürbiskernen, Cranberries, Zitronensaft und Butter (s. Bild) und einen mit roten Linsen, Tomatenmark, Knobi, Kräutern und allerlei Gewürzen (der ist sogar vegan). Lecker!

Samstag hatten wir Besuch und es gab ein Blumenkohl-Curry mit roten Linsen und Mango, Cashewkernen, Minze und Joghurt, dazu Couscous. Und der Nachtisch….! Mh, ein Traum aus Mango-Bananen-Mousse, roter Grütze und Schokopudding. Ich glaube, je öfter wir Mythen- oder andere Themenabende machen, desto leckerer wird’s ;)

Den Abschluß bildete am Sonntag eine Linsensuppe, wie sie schon meine Mama zubereitet hat.

Und zwischen all diesen Leckereien frage ich mich, wie man auf die Idee kommen kann, genmanipulierte Nahrungsmittel seien unschädlich, unbedenklich und überhaupt der ganz große Gewinn für alle. Für wen eigentlich genau? Mutter Erde? Nein, wohl kaum, denn sie braucht uns Menschen mit unseren Perversionen nicht (aber wir brauchen sie). Für uns Menschen? Nein, kann ich mir nicht denken. Es gibt genug Nahrungsmittel auf der Welt, sie sind nur denkbar ungerecht verteilt. Und anstatt zu teilen (eine Sache, die ich meinem Sohn schon im Kindergartenalter mit auf den Weg gegeben habe), vernichten wir lieber tonnenweise Lebensmittel. Anstatt mit den vorhandenen Resourcen sinn-voll und klug zu haushalten (wieder etwas, das mein Kind bereits im Kindergartenalter lernt), gieren wir nach immer mehr und bringen so alles aus dem Gleichgewicht.

Wir wissen nicht, was genmanipulierte Nahrungsmittel mit uns machen. “Langzeitstudien” von der Dauer eines menschlichen Teenagerlebens stehen gegen Millionen und Abermillionen Jahre Evolution. Wir haben keine Ahnung, was GV-Organismen mit der Erde tun, mit den Tieren, die an ihnen knabbern, mit uns, die wir sie – oft unfreiwillig und ungekennzeichnet – zu uns nehmen.

Wie lange kann Bio noch Bio bleiben, wo GV-Pflanzen auf den Äckern nebenan wachsen? Uns wurde erzählt, diese Pflanzen würden nicht streuen, sich also nicht wild vermehren. Woher kommen dann Rapspflanzen in meinem Garten? Raps hab ich nicht angepflanzt. Raps wächst auf den Feldern draußen vorm Dorf. Uns wird erzählt, die Arten würden sich nicht mischen. Ist das so?

Ich wünsche mir, daß wir klar zu unterscheiden lernen zwischen Werbung und echten Argumenten, zwischen tatsächlichen und eingeredeten Notwendigkeiten.

Ich habe ein Kind. Ich kann mir keine Gutgläubigkeit mehr leisten.

Amala Krähenfeder, 31.05.2010, 14:38 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 4 Kommentare

:: Genmanipulierte Kartoffel “Amflora” genehmigt ::

Trotz massiver Proteste seitens der Verbraucher, trotz geäußerter Bedenken der WHO und der EU-Arzneimittelbehörde wurde seitens der EU nun die genmanipulierte Kartoffel “Amflora” zum Anbau freigegeben. Die Genkartoffel enthält ein Marker-Gen, welches die Wirksamkeit von Antibiotika in der Humanmedizin beeinträchtigen kann. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift “Schrot & Korn” (erhältlich kostenlos in vielen BioMärkten) erschien hierzu ein kurzer Artikel.

Viel mehr als über diesen möglichen Einfluß auf Antibiotika mache ich mir Gedanken über den Einfluß genmanipulierter Pflanzen auf Mutter Erde und auf den gesamten menschlichen und tierischen Organismus.

Und wieso zum Henker gibt’s zu so einem wichtigen Thema nur eine kurze Randnotiz?!

Passenderweise ist ja jetzt in Afrika ein schröööööcklicher Getreidepilz aufgetaucht, der die gesamte Weizenernte weltweit bedroht. Ha, der Pilz kann uns ja egal sein, wo wir doch multiresistente Gewächse haben!

Guten Appetit dann mal.

Amala Krähenfeder, 29.05.2010, 15:06 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 8 Kommentare

:: Leserinnenbrief ::

Sehr geehrte Damen und Herren,
 
hiermit beziehe ich mich auf den Artikel “Schöpfungsfenster St. Jodokus Wiesental: H.O.M.E. – ein Film mit spektakulären Einstellungen”, geschrieben von Lukas Heim, der im Mitteilungsblatt der Stadt Waghäusel, Nummer 20, vom Freitag, den 20. Mai 2010 abgedruckt wurde. Ich bitte um Veröffentlichung. Dankeschön.
 
Herr Heim schreibt: “Wir sollten uns ein Beispiel an den Armen unseres Planeten nehmen. Denn diese Leute verstehen es, respektvoll mit der Natur und den natürlich Ressourcen umzugehen.”
Solch eine Verklärung des Klischees des ‘edlen Wilden’ halte ich in Anbetracht der Lebensrealität des Großteils der Menschheit – denn aktuellen Statistiken zufolge leben bereits zwei Drittel der Menschen weltweit unterhalb der Armutsgrenze - für unangebracht und fragwürdig. Gerade die Armen sind häufig dazu gezwungen, in menschenunwürdigen und gesundheitlich mehr als bedenklichen Verhältnissen zu leben und zu schaffen. Ich führe dafür nur zwei von unzähligen Beispielen weltweit an: die Frauen und Kinder, die in Indien mit hochgiftigen Chemikalien die Textilien färben und “veredeln”, sowie die Frauen und Kinder, die in Asien ebenso toxische Substanzen zu Mobiltelefonen, Kameras und Computern zusammensetzen. Organschäden durch die giftigen Materialien, Entkräftung und Dehydrierung durch die Akkordarbeit, die selbstverständlich weder angemessen entlohnt noch gewerkschaftlich oder betriebsrätlich kontrolliert wird, sind an der Tagesordnung. Es gibt keinerlei medizinische Versorgung und oft werden den Menschen in den Fabriken ihre Persönlichkeitsrechte aberkannt (so ist es beispielsweise Usus, den Arbeitsvertrag für Frauen im gebärfähigen Alter nur von Monat zu Monat zu verlängern, unter der Voraussetzung, daß die Frauen zum Beweis dafür, nicht schwanger zu sein, ihre blutigen Monatsbinden vorzeigen).
Abnehmer solcher Waren aus Sklavenarbeit sind in der Regel wir hier im Westen. Natürlich wirkt sich unsere von den Massenmedien antrainierte “Geiz ist geil”-Mentalität unmittelbar auf die Lebens- und Arbeitsumstände der Armen dieser Welt aus. Wenn ein Hemd hier in Waghäusel 3 € kostet, kann es nicht unter humanen Bedingungen hergestellt worden sein. De facto würde niemand von uns hier auch nur einen Tag unter den Umständen arbeiten wollen, unter denen vieles, was wir gedankenlos konsumieren, erzeugt wird. Oder anders formuliert: unser Wohlstand fußt auf der Armut dieser Menschen.
 
Laut Schätzungen der UNO könnte Mutter Erde 12 Milliarden Menschen ernähren, anstatt der aktuell rund 6,7 Milliarden Menschen. Durch die ungerechte Verteilung der vorhandenen Ressourcen jedoch (allein die USA vernichten derzeit 20 % der produzierten Lebensmittel zur ‘Marktbereinigung’ jährlich, nachzulesen im Bericht der Organisation Feeding America vom 7. Mai 2009) sterben jährlich mehr als 50 Millionen Menschen, während allein die USA im selben Zeitraum 1,5 Billionen US $ in die Rüstung stecken. Doch nicht nur die ungerechte Verteilung der vorhandenen Lebensmittel ist ein Problem: der von großen Konzernen betriebene Raub an grundlegenden, von Mutter Erde gegebenen Rechten durch die Perversion und Anmaßung der Genpatentierung führt ebenfalls zu einer Verarmung – nicht nur eine Verarmung der natürlichen Vielfalt, sondern auch eine Verarmung der Menschen. Kleinbauern, die aus den gentechnisch manipulierten K.O.-Pflanzen kein neues Saatgut gewinnen können, müssen fortan jährlich das manipulierte Saatgut zu horrenden Preisen kaufen. Können sie sich das nicht mehr leisten, verkaufen sie ihr Land, mit dessen Erträgen sie bislang ihre Familien ernährten. Auch der Anbau von Mais, Raps, Futterrüben und Zuckerrohr zur Gewinnung der sog. ‘Biokraftstoffe’ (hier subventioniert allein die EU 90 Millionen € pro Jahr) läßt viele Menschen verhungern. Was für ein Wahnsinn, Lebensmittel zu tanken, während andere Menschen zu Tode hungern! Insofern kann ich die in Herrn Heims Artikel anklingende Begeisterung für sog. ‘erneuerbare Energien’ nicht teilen. Machen wir uns nichts vor: wir müssen unsere Gier nach Energie zügeln und nicht Symptombehandlung durch die Suche nach ‘erneuerbaren Energien’ betreiben.
 
Herr Heim schreibt weiter in seinem Artikel: “Wenn wir unser Leben in den nächsten zehn Jahren ändern und nicht nur an uns denken, dann könnten wir eine große Katastrophe abwenden. Dazu dürfen wir jedoch nicht nachdenken, sondern müssen mit der Rettung unseres Planeten sofort anfangen”. Daß es einer radikalen (das heißt: eine von der Wurzel herkommenden) Veränderung unseres Verhaltens bedarf, halte ich für nicht von der Hand zu weisen, doch meine ich, daß wir, selbst wenn wir es uns wünschen, weil wir im Zeitalter von MassMedia verlernt haben, selbst zu denken, unbedingt nachdenken müssen – und zwar kritischer und mit mehr praktischem, wachem Verstand als bisher.
Oft höre ich Menschen sagen, daß sie als Einzelperson doch nichts ausrichten können, doch genau das ist die träge und bequeme Lebensweise, die uns dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind. Jede Einzelne von uns trifft Entscheidungen, mit denen sie etwas beeinflussen kann. Es ist an der Zeit, zu begreifen, daß Konsum nicht Ersatzhandlung und Sucht, sondern vielmehr Macht-Ausübung ist. Jede Konsumentin hat die Macht, sich für oder gegen ein unter unmenschlichen und umweltzerstörerischen Bedingungen hergestelltes Produkt zu entscheiden. Vieles läßt sich – oftmals billiger als es im Einzelhandel angeboten wird – selbst herstellen oder aus wiederverwerteten Dingen fertigen. Statt der Südfrüchte, die sich der Mensch, der sie am anderen Ende der Welt geerntet hat, von seinem Lohn nicht leisten kann, kann man auf regional angebautes Obst und Gemüse zurückgreifen, um nur wenige Beispiele zu nennen.
Durch die Refokussierung auf unsere Eigen-Macht, auf unsere ureigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten werden wir dazugewinnen: an ökologischem und ökonomischem Rückgrat, an Sozialkompetenz und Menschlichkeit.
 
Amala Krähenfeder, 22.05.2010, 11:38 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

:: Frauenzeug ::

Ich halte Frauenzeug für wichtig. Eine kurze Definition, was ich unter “Frauenzeug” verstehe: alle Themen, die Frauen betreffen, wie etwa Frauengeschichte, Frauenkultur, Frauengesundheit, Frauenspiritualität, Frauensexualität und -liebe, die Frau in der (patriarchalen) Gesellschaft und derlei mehr.

In den letzten Jahren hatte ich viele Gespräche mit Frauen, die mir erklärten, Frauenzeug sei doch unnötig, weil a) Frauen Menschen sind und daher allgemeine Betrachtungen über Menschen an sich reichen und weil b) Frauenzeug automatisch männerdiskriminierend sei.

Zu a): ja, natürlich sind Frauen Menschen (überhaupt schön, daß wir das mal klären konnten). Aber in der patriarchalen Gesellschaft meint “Mensch” = “Mann”. Das stellt ja auch die Sprache ganz klar heraus, nämlich durch das verschwenderisch benutzte man. Daß Frauen im Patriarchat allenfalls als Menschen zweiter Klasse gelten, läßt sich an unzähligen traurigen Fakten belegen. Ich führe hier beispielhaft nur mal an, daß der Zustand dessen, was wir “Gesundheit” nennen, an weißen, jungen, männlichen Menschen gemessen wird, und daß die informelle Arbeit, die Frauen durch Hausarbeit, Erziehung, Pflege kranker Angehöriger etc. leisten, weder anerkannt noch entlohnt wird. Durch sprachliche und faktische Vaporisation (den Ausdruck habe ich von Dagmar Margotsdotter-Fricke), durch gesellschaftliche Nicht-Achtung und durch die Neutralisierung der Frau zum geschlechtslosen Menschen wird eine Marginalisierung weiblicher Lebensrealität, weiblicher Arbeitsleistung und in letzer Instanz weiblicher Identität vollzogen. Die patriarchal vereinnahmte und im Sinne des Systems dressierte Frau wird noch nicht einmal mehr merken, daß etwas nicht stimmt, sondern sich mit der ihr zugewiesenen (ich möchte schreiben: gestatteten) Rolle identifizieren. Aus dieser kranken, entfremdeten Sichtweise ist es natürlich nicht mehr notwendig, speziell über Frauenkram nachzudenken.

Zu b): welche auch immer sich mit Feminismus und Matriarchat auseinandersetzt, wird früher oder später mit dem Vorwurf der Männerfeindlichkeit konfrontiert. Dieser Vorwurf entspringt meiner Ansicht nach aber gerade Frauen und Männern, die sich mit dem Patriarchat identifizieren. Es scheint fast so, als könnten sich diese nicht vorstellen, daß eine sich mit Feminismus befaßt, welcher Frauen und nicht Männer in den Fokus stellt. Ich wittere darin die schleichenden Schuldzuweisungen, auf die sich das Patriarchat seit tausenden von Jahren spezialisiert hat: “wie könnt ihr bösen Frauen nur über Frauen reden? Das ist männerfeindlich!”. Das ist ungefähr so, als würde ich meinem Obstbauern vorwerfen, er sei gemüsefeindlich.

Uns Frauen fällt es zu, wie Archäologinnen unsere eigenen Belange, unsere Themen, unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere Kunst, unsere Sprache, unsere Bedürfnisse etc. aus dem patriarchalen Ascheberg zu bergen. Je länger wir warten, desto mehr vergessen wir. Je mehr wir vergessen, desto assimilierbarer und manipulierbarer werden wir. Wir vergessen uns selbst und gehen in der patriarchalen Lüge auf.

Darum ist Frauenzeug wichtig.

Amala Krähenfeder, 20.05.2010, 21:55 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 18 Kommentare

:: Wo geht’s hier zum Sinn des Lebens? ::

Mein ontologischer Philosophielehrer aus der 12. Klasse wäre restlos begeistert, daß Frau Krähenfeder mit 32 Jahren endlich auch mal auf den Trichter kommt, sich die Frage nach dem Lebenssinn zu stellen. Oder anders zu stellen als bisher. Bis jetzt habe ich immer gedacht, der Sinn des Lebens bestünde darin, das Leben nach den ureigenen Maßstäben sinn-voll zu gestalten.

Vielleicht ereilt mich ja jetzt die vielbeschworene MidLifeCrisis, von der meine Tante immer behauptet hat, Frauen kriegten sie mit etwas über 30 und Männer mit etwas über 40. Mist!

Nicht daß ich es nicht genösse, viel Zeit für mich selbst zu haben. Einen acht-Stunden-Job außer Haus würde ich vermutlich nach zwei Tagen schmeißen, weil er mir zu viel Zeit fressen würde, die ich zum Nähen, Lesen und Rumgammeln brauche (ich darf das offiziell anerkannt, weil ich zu kaputt zum Arbeiten bin, obwohl es sicher ne Menge Arbeitgeber gäbe, die mich und meine Behinderung mit Kußhand einstellen würden). Ich glaube auch nicht, daß ein Job der Sinn des Lebens sein kann, zumindest nicht für mich.

Vielleicht bin ich grad einfach unzufrieden. Diese bescheuerte Schulter-Arm-weiß-der-Geier-Geschichte zieht sich nun seit Oktober und ich kann immer noch nicht wieder richtig am Rechner arbeiten. Ich habe kein Auto und bin den ganzen Tag ans Haus gebunden. Ja, okay, im Herbst krieg ich mein Auto, aber es ist fraglich, ob ich es mit diesem Schulter-Arm-Gedöne wirklich mal länger als bis zum Bäcker anner Ecke fahren kann. NARF!

Vieles, was ich gern machen würde, wird nicht funktionieren. Nie wieder. Das ist der Moment, wo ich mir eingestehe, daß ich mich NIE-NIE-NIEMALS mit der Behinderung abfinden werde und auch NIE aus tiefstem Herzen sagen werde: es ist okay, behindert zu sein. Jaja, es ist meine Entscheidung, ob ich damit ewig rumhadere oder es annehme. Aber da Annehmen keine Option ist, hadere ich wohl einfach noch ein bißchen.

Ach, ich weiß auch nicht.

Geh ich halt nähen.

Amala Krähenfeder, 11.05.2010, 11:45 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 3 Kommentare
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