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Kategorie: Nach(t)denken

:: Zeit & Zyklen ::

Unterschwellig waren Zeit und Zyklen mein Thema im Januar. Angefangen hat es am 1.1. damit, daß die Kirchturmuhr zwei Häuser weiter die ganze Nacht hindurch die Zeit schlug. Jede Viertelstunde. Das hat mich so genervt, daß ich am Neujahrstag unseren Pastor angerufen und ihn gebeten habe, dafür zu sorgen, daß die Glocke wenigstens wieder – wie üblich – von Mitternacht bis um 6 Uhr früh schweigt. Er war sehr freundlich und hat sich direkt darum gekümmert, außerdem haben wir einen Moment über das Glockengeläut geredet. Offenbar gab es hier im Ort schon einen Rechtsstreit deswegen, den die Kirche gewonnen hat, seit dem die Glocken aber in den Nachtstunden schweigen. Der Pastor erzählte mir, die Glocken würden den christlichen Tag markieren und einteilen, der halt um 6 Uhr früh beginnt und um Mitternacht endet (Christen brauchen offenbar weniger Schlaf als ich verpennte Heidin).

Wenige Tage später las ich bei Storl in “Das Herz und seine heilenden Pflanzen” einige interessante Dinge zum Thema Zeit. Zunächst verwunderte mich, daß das Thema überhaupt in einem Herzbuch aufgegriffen wird, aber inzwischen finde ich den Zusammenhang absolut einleuchtend. Storl schreibt, daß in Zeiten, in denen die Menschen ohne Uhr lebten, die Sonne (das kosmische Herz) das Leben bestimmt hat. Wer wissen wollte, welche Zeit es ist, guckte zur Sonne auf. Wer wissen wollte, welche Jahreszeit ist, ging hinaus.

Obwohl auch schon alte Kulturen versucht hatten, die Zeit zu messen, kam es erst im Zuge der Christianisierung zu einer Fixierung auf die Zeit. Das Leben in Klöstern war in Horen = Stunden eingeteilt, deren Messung mitunter schwierig war, weil die Anzahl der Sonnenstunden pro Tag ja jahreszeitlich variiert. Mit Erfindung der mechanischen Zeitmeßgeräte wurde der Tag in ein straffes Zeitkorsett gesteckt, deren Motor nicht länger die Sonne war, sondern die Turmuhr. Frühe Turmuhren bestanden nur aus einem Zählwerk und den Glocken; Zifferblatt und Zeiger wurden erst später erfunden. Im Mittelalter hatte die mechanische Zeitmessung die natürliche Zeitmessung abgelöst und Uhren waren auf dem Vormarsch. Von den Kirchen und Klöstern fanden sie ihren Weg in säkulare Gebäude wie z.B. Rathäuser.

Das Herz ist laut Signaturenlehre mit der Sonne verbunden. Anders gesagt: die Sonne ist das Herz des Kosmos und das Herz ist die Sonne des Körpers. Durch die mechanische Zeitmessung verschob sich nun der Fokus von Sonne / Herz auf die Uhr und das Glockengeläut. So Storl.

Ich habe im Januar mal darauf geachtet, wann ich das Glockengeläut überhaupt wahrnehme. Das ist vor allem dann der Fall, wenn ich mich ohnehin nicht “in meiner Zeit” fühle, wenn ich also fremde Zeit leben muß, z.B. weil meine Familie andere Pläne hat als ich, weil ich Termine habe etc. Mein Tag – das ist mir auch klar geworden – ist eigentlich nicht in Stunden, sondern in Phasen unterteilt. Aufwachphase, Frühstücksphase, Computerphase, Nähphase, Ruhephase, Lesephase und so weiter. Wenn ich mich wirklich ganz und gar (sozusagen mit vollem Herzen) in diesen Phasen befinde, überhöre ich das Gebimmel und dann ist es mir auch schnuppe, eben weil es sich so anfühlt, daß die Kirchenglocken nicht meine Zeit zählen. Wann mein Tag beginnt und endet und ich welche Abschnitte er eingeteilt ist, bestimme ich, nicht die Christenheit und nicht die Kirche.

Ähnlich verhält es sich mit den Jahreszeiten. Traditionell teilen wir das Jahr in vier Abschnitte: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ein Blick in den gregorianischen (= ebenfalls christlichen) Kalender zeigt, wo wir uns gerade befinden. Heute ist z.B. der 1. Februar, also der erste Tag des zweiten Monats im Jahr 2012. Aber welche Zeit ist es für mich? Unwillkürlich gucke ich dann nach draußen. Schneereste liegen im Hof – es könnte Winter sein. Dazwischen jedoch spitzen Krokus und Narzissen hervor. Doch Frühling? Ich entscheide mich dafür, daß heute ein gemischter Tag ist: ein bißchen Winter, ein bißchen Frühling. Ich begreife die Zeit, den Ablauf des Jahres, als etwas Zyklisches. Die Zeit ist kein Strahl, der irgendwo beginnt und irgendwo hinführt. Die Zeit spiralisiert und dreht sich, kommt dabei in bestimmten Zyklen an ähnlichen oder gar gleichen Stellen vorbei. Ich beobachte, daß nach der Zeit der langen Dunkelheit, die ich Mittwinter nenne, die Tage wieder länger werden und die Sonne wieder mehr scheint. Dann regt sich was in mir, will aus dem Winterschlaf erwachen, die Höhle reinemachen, den Körper reaktivieren. Diese Zeit nenne ich dann Aufbruch, Öffnung, Imbolc, Brigid.

Auf meine Lebenszeit übertragen bedeutet das, daß auch sie zyklisch verläuft. In christlicher Sicht ist es so: ich werde geboren, lebe, altere, sterbe und bin dann weg (wenn ich Glück oder Pech habe, je nach Blickwinkel, muß ich auf alle Zeit zur rechten Gottes sitzen). Für mich ist es so: eigentlich gibt es keinen Anfang, aber der Einfachheit halber nehme ich meine Empfängnis als Anfangspunkt. Nur daß eben davor schon was war. Ich werde geboren, ich lebe, ich altere, ich sterbe, ich ruhe aus, ich werde empfangen, ich werde geboren, ich lebe, ich altere, ….

Was macht diese Auffassung von Lebenszeit mit mir? Zunächst mal nimmt sie Druck weg. Wenn Zeit keine Mangelware, kein knapp bemessenes Gut ist, das ich “nutzen” soll (carpe diem – das hat mich schon immer genervt), dann kann ich mir ja auch Zeit lassen. Zum Sein. Zum Träumen. Zum Teetrinken. Oder was immer mir einfällt. Leute, die eine nicht-christliche Auffassung von Zeit haben, gelten in unserer Gesellschaft als Tagträumer, Tunichtgute, Taugenichtse und Faulpelze. Wenn ich nicht das Gefühl habe, die Zeit laufe mir weg, dann gehe ich mit meinem Altern und Reifen entspannt um. Alles verändert sich, auch ich, auch mein Körper. Falten straffen, Augen liften, Cellulite behandeln? Nicht mit mir. Außerdem ist das ja auch absolut sinnlos, weil ich ein Wesen bin, das in der Zeit lebt, mit der Zeit. Der Kampf gegen die Zeit ist in meinen Augen immer ein verlorener Kampf; lieber surfe ich auf ihr und geb mich hin. Wenn ich das tu, dann leb ich für heute und nicht für morgen. Welchen Sinn macht es, für eine Zukunft zu leben, die von so vielen unterschiedlichen und durchaus auch fremden Faktoren bestimmt wird, daß ich sie eigentlich gar nicht wirklich  vorausplanen kann? Ich finde es immer schrecklich, wenn mir Leute in meinem Alter sagen, sie freuen sich auf die Rente, weil sie dann endlich Zeit für dies und das und sich selbst hätten. Nur noch 30 Jahre arbeiten, dann fängt das Leben an! Das ist doch Irrsinn. Mein Leben hat längst angefangen, weil ich es lebe (und nicht leben lasse). Mein Zeitempfinden verändert sich – zehn Minuten Zahnarzt wirken wie zehn Stunden, zehn Minuten Nähen hingegen reichen niemals aus -, aber meine Zeit ist nicht auf ein fernes Ziel ausgerichtet, bis zu dem es auszuhalten gilt.

Ganz wichtig: diese zyklische Auffassung von Lebenszeit bringt Entspannung mit sich, auch und vor allem in finalen Dingen. Ja, ich werde eines Tages sterben, ich werde vergehen. Natürlich hoffe ich, daß es bis dahin noch ein bissel hin ist, und natürlich wünsche ich mir, daß ich nicht siechen werde. Aber ich habe keine Angst vor dem Tod meines Körpers. Eigentlich ist unser menschlicher Körper ja eine Art Dauerbaustelle. Jede Sekunde sterben Zellen, während andere neuentstehen. Wieso diese Unmenge an Zellen überhaupt zusammenkommen und gemeinsam ein größeres Etwas bilden, weiß keiner. Das sollte mir doch eine Menge Vertrauen schenken, denn dieses Wunder passiert ja. Ich partizipiere täglich (auch beim Zahnarzt). Irgendwann werden keine neuen Zellen mehr nachkommen, ich zerfalle in meine Bestandteile. Die ganzen Gerichtsmedizinromane und -dokus, die uns den Zerfall unseres Körpers als etwas Ekliges präsentieren, schocken mich nicht. Ich hab einen Kompost im Garten – mir passiert genau dasselbe, was auch den Blumenkohlblättern, den Kartoffelschalen und Teeresten passiert. Ich gehe zurück ins All-Eins. Meine Seele löst sich vom Leib, der ihr dann vermutlich ganz schön schwer vorkommen muß, und tanzt woandershin. Bis es soweit ist und sie zurückkommen mag. Das jedenfalls stelle ich mir vor und das finde ich auch viel schöner, natürlicher, tröstlicher als den Gedanken, auf alle Ewigkeit im “Himmel” zu sein.

Keine Angst vorm Tod zu haben, ist in unserer christlich-patriarchalen Gesellschaft nicht vorgesehen. Ich würde sogar behaupten, es wird als ungeheuerlich, unziemlich angesehen. Die Angst vorm Ablauf der Zeit, vorm Sterben und vorm Tod ist ja eines der Machtinstrumente, durch die wir beHERRschbar sind. Wir werden überall dazu animiert, etwas gegen das Altern, gegen den Zerfall zu tun. Wir sollen vorsorgen, an später denken, eine Zukunft bauen, bevor die Zeit abläuft, knapp wird, ungenutzt verstreicht. Dabei dreht sich die Zeit, ohne daß wir sie anschieben.

Neulich liege ich im Bett. Mein Sohn kommt herein und fragt: “Was machst Du?”. “Ich atme”, antworte ich.

Darüber mußte er erstmal nachdenken.

Amala Krähenfeder, 01.02.2012, 13:45 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 5 Kommentare

:: Quiet Day ::

Gestern hätte ich meinen wichtigen Termin gehabt, vor dem ich so aufgeregt war. Ich wachte mit Kopfschmerzen auf und dachte, ich würde lieber daheim bleiben. Oder eigentlich vielleicht auch nicht, immerhin ist es doch wichtig. Mein Mann und ich fuhren hin, fast eine Stunde, waren zu früh dran. Besuchten den Neckar. Immer noch zu früh. Kehrten ein, tranken heiße Sojaschokolade mit Chili. Dann war es soweit. Herzklopfen. Ich dachte, ohbittebittebitte, es hängt soviel davon ab. Ein Blick in die Augen meines Gegenübers. Da stimmt was nicht. Er sagt, er hat es vergessen. Hat den Termin, hat mich vergessen. Es war, als hätte jemand den Stecker rausgezogen. Ganz plötzlich keinen Strom mehr, keine Energie. Bleischwer und müde. Später saß ich im Auto und heulte vor Enttäuschung und Wut. Ich fasse es nicht, hab ich immer wieder gesagt. Ein langer Heimweg, Schmerzen, Halsweh. Den Rest des Abends wurde ich nicht warm, nicht einmal vorm Kamin. Ging früh ins Bett, wollte nichts mehr sehen oder hören. Nachts fühlte ich mich fiebrig und krank.

Heute tut mir noch der Hals weh und ich mag nicht reden, aber ich fühle mich sehr ruhig und bei mir. Habe mir entgegen meiner Gewohnheit Tee gekocht, aber die Halsschmerzen sind hartnäckig. Mein Körper fühlt sich müde und träge an, wie früher nach sehr viel Sport. Ich genieße die Stille im Haus, die nur vom Knacken der Holzscheite im Kamin unterbrochen wird. Gut, daß heute ein grauer, nieseliger Tag ist, das dämpft die Welt noch ein bißchen mehr.

Schneckenhausgefühl.

Amala Krähenfeder, 27.01.2012, 14:05 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 3 Kommentare

:: Rückgrat ::

Bis in meine späte Teenie-Zeit lief Kommunikation bisweilen so:

ich vertrat eine (meist unpopuläre) Meinung, für die ich sachliche Argumente hervorbringen konnte, und knickte auch bei Gegenwind nicht ein. Aus irgendeinem Grund rieb sich jemand daran; ob nun an der Meinung als solcher oder an meiner Vehemenz, spielt keine Rolle. Aus Frust über mich wurde dann das Thema, das bis dato nur zwischen mir uns dieser Person / diesem Personenkreis existiert hatte, auf andere Personen / Personenkreise ausgedehnt. Teilweise lief das richtig gehässig ab, aber mit der Erfahrung von heute würde ich das nicht mehr ausschließlich auf die durchdrehenden Hormone in der Pubertät schieben. Ganz dämlich waren wir als Teenies aber auch nicht. Es wurde also nicht “Amala hat XY gesagt und das finde ich voll doof / peinlich / falsch” weitergetratscht, sondern es wurde auf neutrale Formulierungen geachtet, sowas wie “Personen, die xy denken, sind voll doof und peinlich und liegen falsch” (meist wurde sogar noch eine Empfehlung angehängt, sowas wie “…und sollten fortan nur noch blablabla”). Meine Güte, war das clever! Und natürlich wußten alle, wer damit gemeint war. Auch ich. Wenn ich aber diejenige, die dieses pseudoneutrale Statement abgegeben hatte, zur Rede stellte und sagte “hey, ich weiß genau, daß du mich meinst. Wieso kommst Du nicht zu mir, damit wir das direkt besprechen können?”, dann kam immer die Ausrede, die mittels dieser pseudoneutralen Formulierung längst vorbereitet worden war. “Waaaas? Ich hab zwar gesagt, daß Leute, die xy meinen, total peinlich und doof sind, aber DICH PERSÖNLICH habe ich damit niiiiiiiiie gemeint! Du bist ja so ich-fixiert, daß Du überhaupt auf diese Idee kommst! Ich bezog mich damit lediglich auf eine ganz allgemeine Debatte. Und Du brauchst jetzt auch nicht mit diesem Thema XY anfangen, weil ich AB JETZT gar nicht mehr darüber reden will, ätsch!”. Damals dachte ich: feige Sau. Und ich hatte irgendwie die undefinierte Hoffnung, daß sich so eine Kinderkacke von selbst rauswachsen würde. Was für ne Art von Kommunikation soll das sein? Mir drängt sich da unwillkürlich das Bild einer Einbahnstraße auf, die in einer Sackgasse mündet.

Ich bin heute zu alt für diesen Scheiß.

Amala Krähenfeder, 24.01.2012, 13:18 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 7 Kommentare

:: Bitterkeit ::

Bei den Kommentaren zu diesem Artikel kam öfters die Sprache darauf, daß ich bitter oder gar verbittert klinge. Das ist nicht neu – schon bei anderen Artikeln, schon zu meiner Heidenforenzeit wurde das immer wieder angemerkt, mitunter kritisiert.

Warum eigentlich?

Bitterkeit hat in physiologischer Hinsicht den Zweck, Speisen besser verdaulich zu machen. Bitterstoffe regen die Ausschüttung von Verdauungssäften an und dadurch passiert der Nahrungsbrei den Magen-Darm-Trakt leichter. Es flutscht besser. Wie wir wissen, kann Nahrung, die zu lange im Körper verbleibt, das Darmkrebsrisiko erhöhen. Bitterstoffe sind also eine feine Sache – eigentlich. Zivilisationskost enthält allerdings kaum noch Bitterstoffe, weil sie – des besseren Geschmacks wegen – herausgezüchtet wurden. Sogar Bitterschokolade ist heute nur noch “feinherb”, weil wir mit dem Wort “bitter” Negatives assoziieren, in jeder Hinsicht. Ein bitterkalter Winter. Das ist bitter für Dich. Bittere Armut leiden.

Ich persönlich glaube, daß wir heutzutage insgesamt zu wenigen Bitterstoffen ausgesetzt sind, nicht nur in unserer physischen, sondern auch in unserer psychisch-emotionalen Nahrung. In unserer Gesellschaft ist es nicht schicklich, bitter zu sein, vielleicht weil das das alles-happy-Lebensgefühl, nach dem wir streben (sollen), vermiest. Wohin ich auch blicke, überall geht es um Balance, um Ausgleich, um Entgiften, um Friede, Freude, Eierkuchen. Versteh mich nicht falsch, ich sehe sehr viel Schönheit und Glück in der Welt und im Leben. Aber eben nicht nur. Wenn ich ausschließlich Zucker zu mir nehme, körperlich, seelisch und geistig, verklebt mich das und macht mich krank. Ich brauche Bitterkeit, damit ich Nahrung, Gedanken, Zustände besser verdauen kann. Dann belastet mich nichts, weil es mich schnell passiert.

Warum macht Schokolade glücklich? Wegen der Bitterstoffe im Kakao. Nicht wegen des Zuckers. Tatsächlich ist es so, daß wir gar nicht auf die Idee kämen, tafelweise Schokolade in uns reinzufressen, wenn kein Zucker drin wäre (probier es aus und iß mal Kakaobohnen pur. Wie viele schaffst Du, bevor eine natürliche Sperre eintritt?). Indem wir uns wegmachen, unterhalten (untenhalten) lassen, geht unsere natürliche Bitterkeit flöten. Zuviel Zucker.

Zwischen Bitterkeit und Verbitterung sehe ich übrigens einen großen Unterschied. Bitterkeit ist, auch semantisch, eine Gegebenheit. Verbitterung hingegen ist etwas Erworbenes. Die Vorsilbe Ver- läßt uns sofort Negatives assoziieren, wo der Präfix doch immer damit zu tun hat, daß etwas zugrunde geht, entfernt (wird).

Ich bin nicht verbittert. Ich bin nicht feinherb. Ich bin bitter.

Zum Glück.

Amala Krähenfeder, 12.01.2012, 13:58 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 5 Kommentare

:: OrakelFrage ::

Für das Wochenende zog ich eine Orakelkarte, die mich fragte:

Im ersten Moment wollte ich ganz spontan antworten, spürte dann aber, daß ich doch ein bißchen über diese Frage nachdenken wollte. Gibt es einen Unterschied zwischen Lieben und Mögen – oder ist das eine kleinkarierte Idee? Wieso fragt die Karte danach, “what” (was) und nicht “who” (wen) ich liebe? Vielleicht, so denke ich, ist die Anzahl der Personen (Katzen inkludiert), die ich liebe, eben sehr begrenzt, die Anzahl der Dinge aber praktisch nicht. Wen ich liebe, ist so ziemlich konstant, aber was ich liebe, ändert sich oft.

Gestern habe ich das Hörbuch “Der Name der Rose” beendet. Das Buch hab ich irgendwann vor zehn Jahren oder so mal gelesen und viele Gedanken, die ich damals hatte, kamen jetzt wieder. Zweifelsohne gebildete Männer philosophieren über die Liebe, von der sie meiner bescheidenen Meinung nach erbärmlich wenig wissen. Die Liebe zu Gott als vergeistigtes, jenseitig orientiertes Prinzip auf der einen, die Angst vor der Liebe in ihrer sehr menschlichen Ausprägungsform auf der anderen Seite. Eco hat seinen Roman im frühen 14. Jahrhundert angesiedelt, aber das, was ich mir vorlesen ließ, ist auch heute noch aktuell. Ich vermag mir kaum eine Welt vorzustellen, die nicht durchdrungen ist von christlicher, patriarchaler Anschauung. Wie kann eine Religion, die den Fokus des Menschen vom Diesseits zum Jenseits hin verschiebt, eine Religion, die aggressiv missioniert und dabei so unendlich viel Gutes ausrottet, nur solchen Zulauf haben? Die christliche Logik ist ein in sich geschlossenes Prinzip. Argumentativ kommst Du nicht dagegen an – im Zweifelsfall wird das Totschlagargument “Deus vult” – “Gott will es” gezogen. Ich sehe die Leere in uns, die wir nicht mit Konsum, nicht mit Wegmachen, nicht mal mit Beten füllen können. Christliches Vermächtnis. Ich denke, wir brauchen sinnstiftende Rituale, die die Seele nähren und warm einhüllen. Wir brauchen Religion in ihrem Ursinn: Rück-Verbindung. Aber nicht zu dem Gott des Todes, sondern zum Leben, zur Natur, zu uns selbst. Mir kann das diese vergeistigte, gehorsame Gottesliebe nichts geben. Der Wüstengott ist ein Gott des Todes; gerade für mich als Frau, als Gebärmächtige wäre es paradox, diesem Todeswahnsinn zuzuarbeiten. Ich stelle mir diesen Wüstengott als cholerischen Patriarchen vor, der behauptet, seine Kinder zu lieben – sie aber ständig unter Druck setzt durch Strafankündigung, ihnen ein perfides, krankes Selbstbild mitgibt, indem er von ihnen als sündig, unrein und schlecht redet, und auch nicht zögert, sie zu verletzen, zu demütigen und zu töten. Natürlich nur zu ihrem Besten. Einen Mann, der mein Kind so behandeln würde, würde ich mit fliegenden Röcken und die Ofengabel schwingend aus dem Haus jagen. Einem solchen Gott zu dienen, verbietet mir mein gesunder Menschenverstand. Oder vielmehr: mein Frauenverstand.

Was heißt nun Liebe für mich? Ich glaube, jemanden oder etwas zu lieben, bedeutet mir: ich lasse sie, ihn oder es stehen, wie sie, er oder es ist. Liebe heißt, ich nehme Dich an. Ich erspüre, was uns verbindet, und bewerte es wichtiger als das, was uns vielleicht trennt. Ich gebe mich nicht auf und ich will auch nicht, daß Du Dich aufgibst. Du bist so, ich bin anders – Liebe zum Unterschied, zur Vielfalt. Ich muß nicht erst verstehen, um lieben zu können. Es passiert einfach so (oder auch nicht). Es fließt hinein, es fließt hinaus, ein stetes Ein- und Ausatmen, Festhalten, Loslassen.

Amala Krähenfeder, 09.01.2012, 13:27 | Abgelegt unter: Gynozentrisches,Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 17 Kommentare

:: Der eigene Stil ::

Gerade durch das Internet stoße ich immer wieder auf Menschen, von denen ich denke, daß sie ihren eigenen Stil gefunden haben. Beispielsweise finde ich die Arbeiten von Laurraine Yuyama absolut unverwechselbar. Oder die Musik von James Maynard Kennan. Oder vieles andere. Durch den Umzug und die Neugestaltung des Hauses frage ich mich im Moment, worin mein eigener Stil besteht. Habe ich überhaupt einen?

Ich weiß zumindest, was mir gefällt. Allerdings sind das so viele Dinge, die wiederum so viele Inspirationen und Stile in sich vereinen, daß, wenn ich alles umsetzen würde, was mir gefällt, ein ziemlich buntes Flickwerk rauskommen würde. Zum Beispiel habe ich ein Rohkostbuch geschenkt bekommen, in dem Bilder von der Küche der Autorin abgebildet sind. Eine recht kleine Küche, die vom Fußboden bis zur Decke gerammelt vollgestopft ist. Gewürze stapeln sich da dreireihig in jedem Regal, dazwischen kleine Koboldfiguren, Kristalle, Kitsch. Wow! Diese Küche berührt mich. Sie sieht toll aus. Aber ich würde niemals so eine Küche haben, geschweige denn putzen wollen. Wenn jemand meine Küche über Nacht so herrichten würde, würde ich vielleicht zwei Tage daran Freude haben, bis ich das erste Mal ein ganzes Regal leerräumen müßte, um Orangenspritzer an den Kacheln dahinter zu entfernen – dann würde ich alles in Schubladen, Körbe und hinter Türen verpacken. Manchmal denke ich, ich bin einfach zu pragmatisch für so viele Details, so viel Kleinkram. Umgekehrt finde ich moderne Küchen, die eher wie Kommandozentralen von Raumkreuzern aussehen, ebenfalls total schäbig. Ich will mich gern in meiner Küche aufhalten und dort gern werkeln und nicht ständig darüber nachdenken, wie ich bloß die ganzen Fingerabdrücke von den Edelstahlteilen runterkriege – oder mir beim bloßen Anblick der Hochglanzschränke ne Erkältung einfangen. Von der Gemütlichkeit her gefällt mir der Fuchsbau der Weasleys aus Harry Potter, aber auch hier wäre mir alles zu vollgestopft, zu viel. Tja, schon beim Versuch, mir die ideale Küche für mich vorzustellen, hapert es…

Mir scheint es machmal so, als hätten einige Leute einfach ein stringentes Konzept in ihrem Wohn-, Kleidungs-, Näh- oder sonstwas Stil. Da sich ihr Stil dann durch viele / alle Lebensbereiche zieht, kann frau ganz klar den Finger drauflegen und sagen, da, guck – das ist der Stil von XY, das ist typisch für sie (und wahrscheinlich ist es dann sehr einfach, diesen Menschen ein Geschenk zu machen, oder?). Jedesmal, wenn ich in meinem Leben versucht habe, einen Stil konsequent in allen Bereichen durchzuziehen, gefiel es mir nicht. Abgesehen davon, daß ich vermutlich eh nie alles komplett erfaßt habe, weil das ja auch eine Frage des Geldes ist. Mir wurde es dann schnell langweilig, der Blick verfing sich an nichts. Insofern bewundere ich zwar Frauen, die “weiß & shabby” als Stil gefunden haben, weil das wirklich fein anzugucken ist. Bloß wäre mir das auf Dauer zu steril, zu kalt – zu weiß. Umgekehrt finde ich sehr detailreiche Wohnungen oder Klamotten total toll, würde sie aber weder bewohnen noch tragen wollen.

Für mein Zimmer wollte ich mir schon im August Bilder kaufen, denn eigentlich hätte ich so drei, vier Stellen, die noch ziemlich nackig sind. Aber wenn ich nach Bildern suche, gefallen mir keine. Die “nackte” Wand (eigentlich gar nicht sooo nackt, denn sie ist immerhin farbig) hingegen trägt Potential in sich, dem ich ein Ende setzen würde, wenn ich ein Bild aufhängen würde. Klingt das sehr verschwurbelt? Bei einer Bekannten hängt der ganze persönliche Bereich mit kleinen Bildern, Postkarten, Eintrittskarten und Co. voll, und ich finde das jedesmal absolut zauberhaft. Nur selbst wollen tu ich’s nicht. Hab ich schon probiert, hat mich genervt. Absoluten Minimalismus mag ich aber auch nicht, das ist mir dann zu kahl.

Ich frage mich, ob ich einfach nörgelig bin. Oder zu inkonsequent. Oder zu unstylish. Oder ob mein Stil gerade darin besteht, das zu machen, das umzusetzen, was mir gefällt, was für mich funktioniert, und den Rest beiseite zu lassen. Ist das auch eine Form von Stil?

Gerade in puncto Patchwork bin ich meinem eigenen Stil in 2011 nähergekommen, denke ich. Ich finde viele Patchworkstile toll, aber klassische, traditionelle Muster sind einfach nicht wirklich meins. Oder Quiltornamentik. Ich mag zur Zeit gern einen hohen monochromen Anteil in meinen Quilts, und Random-Quilting. Nicht zu ordentlich, das wirkt schnell streng und langweilig.

Wie seht Ihr das? Habt Ihr schon Euren eigenen Stil gefunden oder nomadisiert Ihr auch eher rum, so wie ich? Worin besteht Euer persönlicher Stil? Wie seid Ihr zu ihm gekommen?

Ich bin neugierig auf Eure Geschichten :)

 

Amala Krähenfeder, 27.12.2011, 22:13 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 5 Kommentare

:: Von Schönheit und Tod – oder: wie mensch Grausamkeit salonfähig macht. Ein patriarchales Stück Kultur ::

Zur Zeit gibt es in der staatlichen Kunsthalle Karlsruhe eine Ausstellung mit dem Titel “Von Schönheit und Tod”. Gezeigt werden ausschließlich Werke, deren zentraler Aspekt Tierkadaver sind. Einen kleinen Einblick gibt dieses Video.

Wie die Veranstalterin Prof. Dr. Müller-Tamm schon richtig sagt, ist das ein “schwieriges”, “widerständiges Thema”, wenngleich sie ebenfalls behauptet, daß sich die ausgestellten Künstler mit größtem Respekt den Tierkörpern gewidmet hätten. Dr. Holger Jacob-Friesen spricht im Video davon, daß die Bilder den Zweck hätten, ihren Auftraggebern “etwas Dekoratives in ihre großen, repräsentativen Räumlichkeiten zu geben”.

Was sagt das über uns, unsere Gesellschaft, unseren Umgang mit Tieren und nicht zuletzt über unser Verständnis vom Tod?

Für mich ist es widersinnig, daß der Tod in unserer Gesellschaft stark tabuisiert und gleichzeitig in solchen Zusammenhängen als “etwas Dekoratives” betrachtet wird. Womöglich ist die Kunst der einzige Weg, der uns, die wir durch Christentum und Patriarchat weit von einem entspannten Umgang mit so etwas Natürlichem wie dem Tod entfernt wurden, geblieben ist, uns diesem essentiellen Thema zu nähern. Es ist einfacher, Tierkadaver zu betrachten als sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Das Christentum verspricht uns, daß wir niemals final sterben werden, wenn wir nur brav und folgsam sind, sondern daß auf uns die Auferstehung des Fleisches und der Seele warten. Das gilt natürlich nicht für Tiere. Sie sind uns nicht ähnlich und wir sind keine Tiere – wer diese Grenze zieht, vermag vielleicht in den Bildern, in den glasigen Augen, verrenkten Gliedern und in Blut und Unschlitt Kunst und Schönheit zu erkennen. Ich vermag es nicht.

Die Ausstellung bedient den Glaubenssatz, daß die Tiere uns untertan seien, daß wir mit ihnen – gottgegeben – tun und lassen können, was immer wir wollen, was immer in unserer Macht steht. Wir können sie konsumieren, sie ausbeuten, am Ende töten und verschlingen, wenn uns der Sinn danach steht. Wir können ihren Tod, ihr Leid Kunst nennen. Ich mutmaße, daß die Ausstellung eher ungewollt unsere bigotte Sichtweise auf Tiere karikiert, indem es dort auch Bilder zu sehen gibt, in denen Hunde und Katzen als Gefährten der Menschen dargestellt werden. Es ist doch so: ein Huhn, eine Kuh, ein Schwein kann der moderne, westlich-patriarchale Mensch essen, aber Hunde und Katzen sind unsere Freunde – und Freude ißt mensch nicht. Nicht hier. Nicht wir.

Für mich paßt diese Ausstellung trefflich in die dunkle Jahreszeit, zu Weihnachten. Wenn ich mir, was selten genug vorkommt, jetzt die Werbeblättchen durchlese, springen mir auf vier, sechs, zehn Doppelseiten zerlegte Tiere entgegen, vier weitere Doppelseiten widmen sich Milchprodukten. Diese Blättchen scheinen mir wie eine Kurzzusammenfassung unserer Glaubenssätze und damit auch unserer Ängste. Das, was wir fürchten, kultivieren wir. Wir fürchten den Tod, also gibt es zum Hochfest des Patriarchats jede Menge Tierkadaver und Tierleidprodukte, runtergespült mit genug Alkohol, damit wir uns auch wirklich nachhaltig vergiften. Wir feiern die Geburt des Lebens mit Massenmord und Leichenschmaus. Warum sind die Werbeblättchen keine Kunst? Vielleicht weil sie – anders als das Video – nicht von Klaviermusik untermalt sind, die suggiert, es handele sich um Kultur und nicht bloß um ein Abbild menschlicher Doppelmoral, menschlicher Grausamkeit.

Was siehst Du?

Amala Krähenfeder, 20.12.2011, 15:41 | Abgelegt unter: Ernährung,Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

:: Kommunikationsprobleme ::

Der Dezember ist für mich der Kommunikationsproblemmonat. Da ich eine klare, offene, direkte Kommunikation bevorzuge, komme ich mit einigen Kommunikations(un)formen nicht klar, die scheinbar als völlig normal gelten.

  • ein Lehrer meines Sohnes ließ mir durch ihn bestellen, ich solle ihm dies und das in der Apotheke kaufen. Bei sowas schwillt mir der Kamm. Erstens suggeriert der Lehrer damit, daß ich mir der Problematik nicht bewußt sei. Zweitens suggeriert er, daß, wenn ich mir bewußt wäre, ich bislang nicht adäquat gehandelt hätte. Drittens halte ich so eine Form von Kommunikation über das Kind – und das Kind betreffend! – für völlig Banane. Und viertens lasse ich mir nicht diktieren, was ich zu tun und zu kaufen habe.
  • auf dem Weihnachtsmarkt stehe ich an einem Feuerkorb und wärme mich. Ein Mann kommt zu mir und schwallt mich zu, im schlimmsten Marktsprech. “Holdes Weib, ist Euch kalt? Vermag ich Euch schwa-schwa-schwa”. Alles ok, bis er sexistisch wird und mir was von seinem großen Schwanz, seinen Riesenklöten und seiner sexuellen Standfestigkeit erzählt. Wieso glauben so viele Männer immer noch, daß das attraktiv sei? Oder Frauen schockt? Ich fand es einfach nur erbärmlich und traurig.
  • zehn Meter weiter, selber Weihnachtsmarkt: ich habe mir etwas ausgesucht, das mein Mann netterweise für mich bezahlt, weil der Tresen sehr hoch und breit ist und ich nicht ranreiche. Währenddessen stellt sich eine Frau neben mich und unterschreitet dabei meinen Proximalbereich absolut gekonnt, indem sie mir so nah kommt, daß ich jede ihrer Poren sehen kann. “Ja, tolle Sachen, nech? Ah, die sind für Sie, soso. Haben Sie schon…”. Ich kenn die nicht. Ich hasse Smalltalk. Ich ignorier die in Grund und Boden, bis sie sich fragt, ob sie überhaupt noch existent ist.
  • Ja, ich bin Veganerin. Aber das heißt nicht, daß ich mit anderen VeganerInnen klarkommen muß, bloß weil wir eine ähnliche Ernährung haben. Ich bin nicht Deine beste Freundin, bloß weil auch ich keine Kuhmilch mehr trinke.
  • Ja, ich bin Heidin. Aber das heißt nicht, daß ich mit anderen HeidInnen klarkommen muß, bloß weil wir eine annähernd ähnliche spirituelle Einstellung haben. Ich bin nicht Deine beste Freundin, bloß weil auch ich aus der Kirche ausgetreten bin.
  • Im übrigen bin ich gemein, böse und alt genug, um klar zu kommunizieren und klare Kommunikation aushalten zu können. Alles andere raubt mir unnötig Zeit, Geduld, Energie und Kapazitäten. Und was mich besonders fuchsig macht: wenn Leuten nicht klar ist, daß ihre Unfähigkeit, klar zu kommunizieren, andere Menschen verletzt.
Cope with it.
Amala Krähenfeder, 09.12.2011, 18:24 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 10 Kommentare

:: Fremd- und Selbstbewertung ::

Ich denke darüber nach, inwiefern sich die Fremd- und Selbstbewertung meiner Person durch meinen Umstieg auf vegane Ernährung verändert hat. Verändert hat sich jedenfalls eine ganze Menge – das war ja auch gewollt. Wenn ich keinen Wunsch nach Veränderung verspürt hätte, wäre ich heute noch Ovo-Lakto-Vegetarierin.

In der Anfangszeit habe ich meine Ernährungsumstellung als Experiment bezeichnet, aus Selbstschutz. Wenn ich es als Experiment deklariere, kann mir ja niemand – nicht mal ich selbst – einen Strick daraus drehen, wenn ich irgendwann sage, ok, Veganismus klappt nicht für mich / ich mag das Essen nicht / ich fühle mich eingeschränkt /mir geht es damit nicht gut. Indem ich es als Experiment bezeichne, lasse ich mir eine Hintertür auf. Eigentlich habe ich das nicht für mich gemacht. Ich kann dazu stehen, wenn ich erst von einer Sache überzeugt bin, sie ausprobiere und dann feststelle, es funktioniert nicht. Es ändert nichts an meiner Liebe und Akzeptanz für mich. Was mich hingegen verletzen würde, wäre die Häme und Schadenfreude Dritter, die möglicherweise auf mich niederprasseln könnte, wenn ich zugeben müßte, daß Veganismus trotz aller Motivation und Überzeugung für mich nicht das Wahre ist. Vor allem die Medien erziehen uns ja dazu, Genuß an Schadenfreude, Häme und Gemeinheit zu haben und was gibt es Geileres, als auf jemandem rumzuhacken, der (vermeintliche) Schwäche zeigt? Nicht zu verachten ist auch Kritik, die in Form von Rat-Schlägen daherkommt. Probier x und y, Du hast nicht richtig dies und das, blabla. Qualitativ gibt es einen Unterschied zwischen Menschen, die mir ihre Erfahrungen mit-teilen, damit ich sie vielleicht selbst mal ausprobieren kann, und solchen, die mit spitzer Zunge meine Fehler und Unzulänglichkeiten sezieren, um mir auf’s Auge zu drücken, was ich ihrer Meinung nach besser machen sollte – um sich selbst zu profilieren. Welche Macht im Erteilen eines Rats liegen kann, ist mir übrigens erst so richtig aufgegangen, als ich mit den zwölf wilden Schwänen anfing, anno dazumal. Ich weiß nicht, ob ich es immer hinbekomme, tatsächlich bloß meine Erfahrungen zu teilen, ohne solche selbstaufwertenden Rat-Schläge zu erteilen. Ich hoffe es, glaube es aber nicht.

Interessant finde ich Gespräche mit Omnis oder Vegetarierinnen, die mal mehr, mal weniger unterschwellig an mich die Forderung stellen, mehr als überkorrekt vegan zu sein. Sind Deine Schuhe aus Leder? Werden Deine Medis tiergetestet? Klebt an Deinem Grünzeug ein Fliegenbein? AHA! Dann bist Du keine Veganerin! Mir kommt’s ja immer so vor, daß diese Feststellungen mit so einer Art tiefempfundener Erleichterung verbunden sind – Göttin sei Dank, nicht mal die Veganerin ist 100 % vegan! Aufschlußreich sind auch die Bemerkungen, die auf bestimmte vegane Produkte abzielen. Du ißt Tofu? Pah, dann hast Du Dich niemals wirklich vom Fleischverzehr gelöst. Veganerinnern, die Tofu und Sojahack essen, sind untrue. Warum ißt Du solche Ersatzprodukte, wenn Du doch angeblich Fleisch eklig findest? Es werden alle Register gezogen.

Inzwischen gehe ich auf diese Art von destruktiver Gesprächsführung nicht mehr ein. Ich lächle dann abwesend und nicke oder sage allenfalls “genau, Du hast ja sooo Recht!”. Ich kann das, weil ich mich selbst samt meiner Entscheidungen und Handlungen ok finde. Eigentlich sogar mehr als ok, aber das sag ich besser nicht so laut. Sich selbst anzunehmen, zu lieben, toll zu finden, ist wieder so eine Sache, bei der andere nur drauf warten, sie in Fetzen reißen zu können. Dann geht das Gemunkel los: ah, die war schon immer so arrogant und eigenbrödlerisch, die hat sich ja noch nie was sagen lassen.

Woher kommt das eigentlich, das Gefühl von Selbtachtung, Selbstliebe? Eigentlich geht es ja in unserem schönen System eher darum, gleichzumachen, sich anzupassen, Anforderungen und Erwartungen zu erfüllen. Woher kommt, wie ich mich selbst bewerte? Warum ist meine Selbstbewertung so positiv, auch – oder vielleicht gerade – wenn andere mich doof finden? Wie so viele andere bin auch ich nicht zur bedingungslosen Selbstliebe erzogen worden. Frau kann das also lernen und sich antrainieren. Sich selbst zu vertrauen, der eigenen Wahrnehmung und Intuition zu trauen. Sich selbst geduldig und behutsam in heiterer Gelassenheit bei den kleinsten (selbst)kritischen Gedanken zu korrigieren. Nein, ich wollte nicht mehr denken, daß mein Hintern zu groß ist – ich denke jetzt lieber, daß er wunderbar rund ist. Ja, die Tante Trude sagt, daß ich Eier und Milch brauche, um gesund zu sein, und ich finde es total lieb von ihr, daß sie sich um mich Gedanken macht, aber für mich geht es gut ohne.

Veganismus hat für mich definitiv eine Dimension, die über Nährwerte, Rezepte und vegane Restaurants hinausgeht. Diese Dinge reichen tief in Spiritualität, Psychologie, Kommunikation und All-Eins hinein.

Amala Krähenfeder, 22.11.2011, 20:33 | Abgelegt unter: Ernährung,Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 7 Kommentare

:: Natur- & Schulmedizin ::

Dieser Artikel bei Grey Owl hat mich nachdenklich gemacht. Sie schreibt davon, daß es ihr schwerfällt, zugeben zu müssen, daß chemische Medikamente im Notfall manchmal schneller helfen als Naturmedizin. Diesen Zwiespalt kenne ich. Mir haben chemische Medikamente das Leben gerettet und ermöglichen mir jetzt, mit einer chronischen Krankheit zu leben (gar nicht schlecht, will ich meinen^^). Andererseits stehe ich der Schulmedizin und ihren Mitteln sehr skeptisch gegenüber. Wie paßt das zusammen? Und wie paßt das zu der zurück-zur-Natur-Idee im Heidentum?

Für mich stellen heidnisch-spirituell-naturorientiertes Leben und Schulmedizin keinen unüberwindbaren Gegensatz mehr dar, auch wenn sie das lang getan haben. Als ich schwer krank wurde (und ich darf mich rühmen, eine von zwei Frauen weltweit zu sein, die diese Krankheit bekommen haben), habe ich es “natürlich” mit Naturmedizin probiert. Ich hab homöopathische Mittel genommen, mir Heilsteine aufgelegt, mir Tachyonen-Scheiben von einer Freundin unter’s Kissen gelegt, Kräutertee getrunken, mir Reiki gegeben und gebetet. Hat’s was genutzt? Nö, kein bißchen. Es ging mir damit noch nicht einmal besser. Im Gegenteil. Ich war total davon überzeugt, daß Naturmedizin alles besser hinkriegt als die Schulmedizin. Ich hab an ein Wunder geglaubt. Als es ausblieb, war ich bitterlich enttäuscht. War mein Glaube nicht intensiv genug? Wieso war mir die Gunst der Spontanheilung verwehrt geblieben? In der damaligen Situation war ich schlicht verzweifelt. Heute, mit sechs Jahren Abstand, kann ich recht gelassen und irgendwie grinsend darauf zurückblicken. Es hat mir nicht an Glauben gefehlt. Es hat auch nicht an Unterstützung gefehlt. Meine Verbündeten waren da, die ganze Zeit über. Sie jedoch wußten im Gegensatz zu mir, daß Leid ein essentieller Bestandteil des Lebens ist.

Übrigens meine ich damit nicht Leid im christlich-patriarchalen Sinne, so nach dem Motto: Du sündiger Mensch mußt leiden, um vor Gott wieder rein zu werden *gähn* Ich meine damit schlicht den ominösen und vielzitierten “dunklen Aspekt des Lebens” (wenn Du in Heidenforen unterwegs bist, stolperst Du immer wieder darüber). Dieser dunkle Aspekt manifestiert sich je nach Seele ganz anders, vielleicht in Hinblick auf das Karma (noch so ein abgeschmackter Begriff) oder die Lernaufgabe im Leben (dito).

Jedenfalls hat mich die Schulmedizin damals wieder hingekriegt – nicht ohne Umwege, nicht ohne ein Höchstmaß an menschlichem Versagen, aber immerhin. Geheilt haben mich die Weißkittel nicht, nicht im entferntesten. Ich habe mich auf ihre schwarze Magie eingelassen, mitunter zähneklappernd. Ich hab ihren Zauber integriert, weil er mir in der akuten Situation damals und jetzt in bestimmten Bereichen meines Lebens die einzige effektive Möglichkeit erschien, Dinge zu richten und mir ein Weiterleben zu ermöglichen. Vielleicht bin ich auch einfach pragmatisch: erlaubt ist, was funktioniert. Und weil sie funktioniert, benutze ich die schulmedizinische Zauberei. Ich glaube, kritisch wird es nur an dem Punkt, wo wir unsere Eigen-Macht aus der Hand geben und sie den Weißkittelmagiern vollständig überantworten. Gleichsam ist es natürlich auch kritisch, unsere Eigen-Macht an Naturheilkundler abzugeben, bloß weil wir die glorifizieren (teilweise schlicht deswegen, weil sie keine Schulmediziner sind).

Grey Owl schreibt auch darüber, daß es für sie schwierig ist, ihre Grenzen durchzusetzen. Geht mir ganz genauso. Teils weil ich vielleicht immer noch diese Du-mußt-funktionieren-Konditionierung drinhabe, vor allem aber weil ich selbst mehr will, als ich kann. Ich will den ganzen Haushalt schmeißen können, ich will Sport machen, ich will spazieren gehen, ich will jeden Tag an die frische Luft. Ja, aber ich kann nicht. Wann immer ich es versuche, endet es damit, daß ich mit einem verbissenen Schmerzzustand im Bett liege und denke, wieso war ich so doof? Mein Körper ist soviel weiser als ich, der hat mir deutlich gezeigt, wo die Grenze ist – nur wollte mein Dickschädel dadrauf keine Rücksicht nehmen. Das hat zwei Effekte. Einerseits macht es mich mürbe und sauer, nicht so zu können, wie ich will. Andererseits sorgt es dafür, daß ich sehr intensiv wahrnehme, sehr intensiv lebe. Das Geschenk in der Krise zu sehen, ist für mich die eigentliche Aufforderung von Krankheit und Leid – denn “Leid” ist es dann nicht mehr, sobald ich meinen Frieden damit gemacht habe. Wobei ich glaube, daß dieser Zustand nicht final zu erreichen ist, da im Alltag immer mal wieder Dinge aufkommen, wo es mich peinigt, Grenzen zu haben. Es ist eher die Bemühung, dem Leid, der Behinderung, der Begrenzung das Zuckerle abzuschwatzen, abzuringen, abzuhandeln, das irgendwo dadrin versteckt ist.

Die allein im Kopf errichtete Grenze zwischen Schul- und Naturmedizin halte ich für nicht hilfreich, wenn es darum geht, einen Weg zu finden, mit einer Krankheit oder einer Behinderung zu leben. Wir haben heute das Glück, auf beides (und noch viel mehr) zurückgreifen zu können – wieso sollte ich mich da festlegen (lassen)? Das ist doch bloß wieder mit Schuldgefühlen, Unsicherheiten und Abhängigkeiten behaftet.

Amala Krähenfeder, 09.11.2011, 13:12 | Abgelegt unter: Behinderung,Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 4 Kommentare
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