Kategorie: Nach(t)denken
:: Disziplin ::
Du mußt Deine Faulheit und Dein Ego selbst besiegen. Unaufrichtige Anstrengungen sind ein Verrat an Deinem Selbst, denn Du bemühst Dich nicht darum, eine echte Erfahrung zu machen. (Yogi Bhajan)
Neulich habe ich zwei Tage hintereinander kein Yoga gemacht. Migräneausfall. Als ich am dritten Tag wieder auf meinem Hocker saß, wären mir bei der Einstimmung fast die Tränen gekommen. Wenn ich näher am Wasser gebaut wäre, hätte ich sicherlich geheult wie ein Schloßhund. Und wieso? Weil es sich so verdammt gut angefühlt hat. Weil es war, als würde ich endlich wieder nach Hause kommen, an einen schönen, sicheren Ort, der nur mir gehört (es geht übrigens nicht darum, daß ich dächte, Yoga gehöre mir allein – es geht um mein persönliches Yoga-Dharma und mein Leben mit Yoga). Ich habe sowas noch nie erlebt, weder bei Reiki noch in der Göttinnenspiritualität noch sonstwo. Daß ich mich derart angekommen fühle, ist absolut neu und absolut bewegend. Wundervoll. Erfüllend.
Mir ist in den vergangenen Monaten klar geworden, was Yogi Bhajan damit meinte, als er sagte, daß es uns Anmut und Würde verleiht, wenn wir uns selbst disziplinieren und eine Verpflichtung eingehen. Als ich das zum ersten Mal las, regte sich in mir Widerstand, denn ich hasse es, festgelegt zu werden. Aber im Yoga habe ich mich selbst festgelegt – weil ich gar nicht anders konnte. Es fühlte sich gut und im Grunde ganz natürlich an. Ich muß keinen Widerstand überwinden, um täglich auf’s Neue auf meinem Hocker zu sitzen. Im Gegenteil, die Tage, an denen es aus echten Gründen wie eben Migräne nicht geht, halte ich für…naja, nicht verschwendete Tage, aber sowas in der Art. Nicht maximal gelebte, nicht auf’s Köstlichste ausgekostete Tage.
Mir ist klar geworden, daß es gerade die Disziplin und die Verpflichtung sind, die mir in anderen (spirituellen) Konzepten und Gemeinschaften gefehlt haben. Ich finde es unbefriedigend, wenn beispielsweise in einer Arbeitsgruppe kein echter Austausch stattfinden kann, weil 80 % der Teilnehmer nicht vorbereitet sind oder ihr Material vergessen haben. Durch sowas fühle ich mich blockiert, weswegen ich in der Vergangenheit immer mehr im Alleingang gemacht habe. Gruppenrituale z.B. fand ich oft stressig und lästig, weil sich nur selten jemand fand, der ernsthaft bereit war, sich zu verpflichten, eine Aufgabe zu übernehmen. Wenige Macher, viele Mitläufer. Im Yoga ist das anders. Es tangiert meine eigene Yoga-Praxis nicht, wenn jemand anders es nicht schafft, täglich zu üben.
Vielleicht klingt das arrogant. Tatsache aber ist, daß ich es nicht arrogant meine. Ich halte mich nicht für einen besseren Menschen, weil ich täglich Yoga mache. Das wäre total absurd, schließlich halte ich mich auch nicht für einen besseren Menschen, weil ich täglich atme, auf’s Klo gehe oder Speisen und Getränke zu mir nehme. Yoga ist mir ein Grundbedürfnis geworden. Der Ort, an dem ich gern bin, ein Zuhause.
:: Processing ::
Schon oft habe ich geschrieben, wie falsch ich mit der Annahme lag, KundaliniYoga sei sowas wie Gymnastik. Im Moment durchlaufe ich eine zutiefst bewegte Zeit, in der unglaublich viele Prozesse zeitgleich, mitunter in Verbindung zueinander ablaufen, sich gegenseitig voranbringen, beeinflussen und merkwürdigerweise nicht im Mindesten behindern oder blockieren. Es geht um Spirituelles, um die Verarbeitung von Verletzungen und auch um Banales, Alltägliches. Es gibt keinen Bereich meines Lebens, den Yoga nicht berührt und in Schwingung versetzt. Nicht alle Prozesse finde ich toll; gerade die, bei denen ich – mal wieder – einen altbekannten Spiegel vorgehalten bekomme, können echt nerven. In Zusammenhang mit meiner Arbeit an den 12 wilden Schwänen taucht bei mir momentan oft die Frage auf, wo bestimmte Baustellen eigentlich angefangen haben. Und wieso es ausgerechnet sie sind, die ich bisher nicht abschließen konnte. Und was ich ändern kann an meinem Verhalten, meiner “Wertebrille”, damit ich sie endlich mal gepackt kriege. Durch yogische Techniken gelingt es mir, mich viel besser von außen zu betrachten, mich eingehender und irgendwie auch unvoreingenommener unter die Lupe zu nehmen. Ich erlebe dabei keinen Druck, keinen Zwang, sondern nur Dankbarkeit dafür, bestimmte Mechanismen zu erspechten, teilweise zu verstehen.
Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Geld. Ich bin in einer Familie groß geworden, in der Geld über viele Jahre hinweg keine Rolle gespielt hat. Eines Tages veränderte sich das Familiengefüge und damit auch die finanzielle Situation – auf einmal war gar nix mehr da. Das war ein Schock, na klar. Ein Schock war auch die Häme, mit der mir Verwandte begegneten, die es offenbar zutiefst genossen, daß ich nun in derselben klammen Lage war wie sie schon immer. Ich meine, wie Panne ist es denn bitte, einem Kind auf diese Weise zu begegnen, das sich weder ausgesucht hat, in eine wohlsituierte Familie reingeboren zu werden, noch daß es was für die Änderung seiner Lage konnte? Geblieben ist aus dieser Zeit über viele, viele Jahre hinweg das Gefühl von Mangel. “Ich habe nicht genug, vielleicht werde ich morgen nicht satt”. Dabei entspricht das längst nicht mehr meiner Lebensrealität, denn ich werde jeden Tag satt. Und nicht nur “irgendwie”, sondern eigentlich durchgängig durch wirklich köstliche Dinge, die ich von ganzem Herzen genieße (mit vielleicht einer Einschränkung: nicht jedes neu erdachte Rezept ist auf Anhieb perfekt^^). Mir ist eigentlich erst bewußt geworden, daß die längst vergangene, begründete Angst vor Hunger noch immer in mir nachklingt, als ich in meinem Vorratsschrank ein Glas getrocknete Tomaten gesucht habe – denn: es war der schiere Wahnsinn, was ich da alles gebunkert hatte. Und in welcher Menge. Da mußte ich wirklich über mich selbst lachen. Ein gutmütiges, verstehendes und befreiendes Lachen. Und seither baue ich diesen Vorrat kontinuierlich ab, mit dem Vorsatz, ihn nie wieder so stark anwachsen zu lassen. Ganz ehrlich, sollte ich heutzutage mal in die unwahrscheinliche aber mißliche Lage kommen, daß rein gar nichts Eßbares mehr im Haus ist, dann würde ich entweder die Brennesseln im Garten plündern oder einfach was essen gehen.
Im Yoga geht es eigentlich um das Gleichgewicht von Prana (Energie, die aufgenommen wird) und Apana (Energie, die wieder abgegeben wird). Nicht loszulassen, Dinge zu bunkern, Angst vor Mangel – das alles deutet auf ein Ungleichgewicht von Prana und Apana hin. Und auf ein unterversorgtes erstes Chakra. Für mich war wichtig, das einfach anzunehmen und nicht negativ zu bewerten. Es ist eben so, ich hab mir das jetzt bewußt gemacht und kann nun auf dieser Basis daran arbeiten. Oder — vermutlich arbeite ich schon daran, indem ich Yoga mache, denn sonst wäre mir wohl nicht aufgefallen, daß ich viel zuviel im Schrank habe. Insofern setzt Yoga tiefgehende Prozesse in Gang, gibt mir dabei gleichzeitig die Mittel an die Hand, diese alten Traumata aufzuarbeiten und endlich loszulassen.
Loslassen…gerade das Thema in meinem Leben. Es ist vom Vorratsschrank auf meinen Kleiderschrank übergesprungen und von dort aus auf Beziehungen. Ich habe mit Erstaunen (und Erstaunen auch darüber, daß es kein Erschrecken war) festgestellt, daß die meisten Beziehungen in meinem Leben entbehrlich sind. Oder daß ich sie krampfhaft am Leben zu erhalten versuche und manchmal gar nicht mehr weiß, wieso ich das eigentlich tu. Ich glaube, da wird sich noch viel verändern.
P.S.: mein Mann bemerkt gerade, daß ich trotzdem kein Glas Tomaten gefunden habe^^
:: Ich geb’ auf ::
Mit diesem Blogeintrag werde ich vermutlich Menschen verletzen. Ich schreibe ihn trotzdem, weil ich finde, daß er wichtig ist. Und ich bin selbst verletzt.
Neulich war ich beim Handlesen und eine Sache, die mir die Dame gesagt hat, hat mich sehr zum Grübeln gebracht. Sie sagte “you have got so much to give, to teach other people”. Ok, eigentlich klingt das nett. Aber im Nachhinein hat es mich wütend gemacht – denn ja, es stimmt. Offenbar habe ich eine Menge zu geben und in vielen Hinsichten zu lehren. Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückblicke, würde ich sagen, das ist einer der roten Fäden, die sich seit meiner Kindheit durchziehen. Blöderweise führt das aber auch dazu, daß ich konsumiert werde. Beispiele?
Da ist eine “Freundin”, die mich immer nur dann kontaktiert, wenn es ihr schlecht geht. Dann möchte sie einen Rat oder wenigstens mal Trost und Verständnis, also Zeit und Aufmerksamkeit. Im gleichen Atemzug beschwert sie sich über “Freundinnen”, die sich nur bei ihr melden, wenn es denen schlecht geht. In Anbetracht dessen, daß ich vier Monate auf eine Rückmeldung zu meinem Weihnachtsgeschenk für sie gewartet habe, finde ich das – skurril. Und in Anbetracht dessen, daß sie sich danach gar nicht mehr meldet, bis es ihr irgendwann wieder schlecht geht, finde ich das sogar absolut fucked.
Dann die “Freundinnen”, die nicht einen gottverdammten Piep zur Veröffentlichung meines Kochbuchs sagen. Nein, ich will nicht gebauchpinselt werden, aber sowas wie “ich freue mich für Dich, herzlichen Glückwunsch” oder so ist doch nicht zuviel verlangt. Oder doch? Oder was?
Viele Menschen suchen meinen Rat und wollen meine Meinung hören. Ich bekomme zig Mails pro Woche von Frauen, die über ihre Gebärmuttersenkung, ihre Partnerschaft und Co. reden wollen. Oder die meine Ansicht zu einem spirituellen Problem wissen wollen. Oder wollen, daß ich sie schamanisch behandle. Oder Buchtips gebe. Oder Erziehungshilfe. Whatsoever. Ich bin also höflich und maile zurück, gehe auf sie ein. In 80 % der Fälle kommt danach nix mehr zurück. Nicht mal ein Danke. Wo sind Eure Manieren?!
Als wir 2011 mit zwei Gehbehinderten und einem Kind den Umzug managen mußten, da hat niemand gefragt, ob er uns vielleicht beim Verpacken, beim Fahren oder beim Schleppen helfen könnte. Oder mal das Kind für einen Nachmittag hüten könnte. Wieso bin ich so eine dämliche Nuß, sowas für andere zu machen? [Liebe Andrea, Dein Chili ist unvergessen!].
Als mich mein Kind krank gemacht hat, war da irgendwer da? Ich meine, mal abgesehen von der Ärztin der Notaufnahme, die genauso sehr wie ich daran interessiert war, ob ich nun einen Infarkt kriege oder nicht. Hat irgendwer gesagt, hey, schon Dich mal. Willst Du reden? Brauchst Du was? Kann ich was für Dich tun?
Wer war da?
Niemand.
Niemand.
Die Tatsache ist, daß immer ich diejenige bin, die andere Menschen fragt, ob ich was für sie tun kann. Du hast nix zum Geburtstag bekommen? Oh, Du Arme, Amala näht schnell noch was und dann bekommst Du ein feini Geburtstagspäckchen. Deine Beziehung macht Dich fertig, weil Dein Mann ein großes Kind ist und Du für ihn die Mutti machen kannst? Klar, heul Dich gern bei mir aus, ich geb Dir Zeit, Aufmerksamkeit und was auch immer Du brauchst. Du hast eine Gebärmuttersenkung? Natürlich höre ich Dir zu und baue Dich auf (reden wir nicht von mir!). Du kriegst es einfach nicht auf die Kette, zu entscheiden, ob Du meine Freundin sein willst oder nicht? Kein Problem, ich bin unendlich geduldig und auch gar nicht verletzt davon.
Die Tatsache ist, ich bin müde. Ja, ich habe viel zu geben, aber wenn ich nur mal 30 % wiederbekäme, das wäre schon wirklich schön, so für meine Seele.
Meine Mutter war Zeit ihres Lebens davon überzeugt, daß niemand sie mochte. Sie hatte – wie ich – keine echte Freundin, fühlte sich oft einsam, war gleichzeitig für viele andere die Ratgeberin, die Zuhörerin. Als sie mit nur 53 Jahren starb, waren unglaublich viele Menschen auf ihrer Trauerfeier. Menschen, die ich nie gesehen hatte. Ich bekam Karten, Anrufe. Alle sagten: “Ich habe ihre Mutter sehr geschätzt. Sie war so ein toller Mensch. Es ist schrecklich, daß sie tot ist. Ich werde sie sehr vermissen”. Es wäre hilfreich gewesen, wenn sie das mal meiner Mutter zu Lebzeiten gesagt und gezeigt hätten, und nicht erst, als sie kalt ihrem verdammten Kiefernsarg lag.
Ich bin total müde. Ich geb’ auf.
:: Schlaflos / friedvoll ::
Seit der Zeitumstellung habe ich mit Schlaflosigkeit zu kämpfen. Komme abends nicht ins Bett und bin nach vier, fünf Stunden wach. Oder sowas ähnliches, denn mein Körper will noch schlafen, während mein Geist wach ist. Ich mache Yoga, richte mir danach ein schönes Frühstück und setze mich in die Sonne auf meine Terrasse. Im Garten, der momentan eigentlich eher einem Wertstoffhof ähnelt, weil wir uns quer durch das Grundstück buddeln, tummeln sich Rotkehlchen, Amseln, Gartenrotschwänzchen, Meisen, Spatzen, Buchfinken und noch so allerlei andere Flügler. Der Tag vergeht dann in einem merkwürdig zähflüssigen Tempo. Ich mache nochmal Yoga, lese, schaue ins Internet, nähe und lege mich für eine Stunde ins Bett, um Musik zu hören. Es geht alles seinen Weg, bloß dringt vieles nicht so ganz zu mir durch – eigentlich ein schöner Zustand, so friedvoll, träge und leise. Wie eine Katze.
Früher hat mich diese Art Schlaflosigkeit sehr unter Druck gesetzt, weil ich dachte: Du mußt schlafen. Du mußt Dich ausruhen, sonst schaffst Du den Tag nicht. Dieser Druck ließ mich noch weniger schlafen. Heute denke ich, ok, dann tut mir der Körper eben weh, dann bin ich in Watte gepackt und müde, was soll’s? Heute Abend probiere ich es wieder, irgendwann wird sich das einpendeln.
Durch Yoga bin ich viel gelassener geworden. Ich habe verinnerlicht, daß nervige, lästige, unangenehme Sachen vorübergehen – ebenso wie die Dinge, die ich toll finde. Alles ist im Fluß. Es kommt, bleibt und geht dann wieder. Ich sitze am Fluß des Lebens, schöpfe Wasser in der Hand, lasse es mir durch die Finger rieseln.
Und die Schlaflosigkeit? Auch dagegen mache ich Yoga. Eine warme Golden Milk, eine kalte Fußwaschung, eine Meditation und dann herrliche Musik mit maximal 80 bpm von Mata Mandir Singh. Hach ja. Für mich ist auch das Abendlied der Amseln sehr beruhigend. In der irischen Mythologie heißt es, ihr Gesang bringe heilsamen Schlaf.
Was machst Du, wenn Du nicht schlafen kannst?
:: Goddess without – Yoga within ::
Ich habe das Gefühl, in den letzten Tagen einen kleinen Schritt in meiner Auseinandersetzung mit Göttinnenspiritualität und Yoga weitergekommen zu sein. Für mich stellt es sich augenblicklich so dar:
Göttinnenspiritualität ist individuell. Jede bekommt (oder bekommt eben nicht) ihren persönlichen Zugang dazu, hat eigene Göttinnen / Götter, mit denen sie sich verbunden fühlt, und hat ihr eigenes Handwerkszeug (darunter fasse ich sowas wie Rituale, Meditationen, Spells, Anrufungen und Co. zusammen, im Grunde die komplette praktische Seite). Die Ergebnisse, die diese Form von Spiritualität liefert, sind meines Empfindens sehr unterschiedlich und nicht reproduzierbar. Susun Weed hat das mit dem Symbol der Spirale ausgedrückt.
KundaliniYoga ist individuell und reproduzierbar. Natürlich bekommt auch hier jede ihren persönlichen Zugang dazu (oder eben nicht), doch hinter Yoga steckt eine Wissenschaft, die reproduzierbare Ergebnisse liefert. Körperübung A beansprucht Muskelgruppe B, welche wiederum Einfluß auf Drüse C nimmt und daher eine bestimmte Sekretion D auslöst, welche die geistig-spirituelle Erfahrung E verursacht. Das Symbol dafür wäre wohl der Kreis.
Das, was ich hier künstlich voneinander getrennt habe, wird vermutlich für viele gar nicht so besonders unterschiedlich sein, das ist mir klar. Für mich jedoch macht das einen enormen und relevanten Unterschied, der für mich umso bedeutender ist, als daß ich eine Erkenntnis hatte, die mich ziemlich bedrückt hat: in den Krisenzeiten in meinem Leben war die Göttin für mich nicht erreichbar. Ich meine damit nicht, daß ich ein passives Verhalten angestrebt habe, so nach dem Motto “Göttin, ich lege das in Deine Hände, regel das doch mal bitte für mich”. Ich rede schlicht davon, daß ich mich in Krisen nicht einmal mehr an sie wenden konnte. Kein Anschluß unter dieser Nummer. Schweigen im Walde. Yoga hingegen kann ich auch in Krisenzeiten erreichen.
Zur Zeit würde ich es vorsichtig so formulieren: die Göttin ist außerhalb von mir, Yoga ist innerhalb von mir. Goddess without, Yoga within. In der Göttinnenspiritualität erfuhr ich die Göttin als mein Gegenüber, unabhängig davon, ob ich nun eine Schöpfergöttin ansprach oder eine andere Erscheinungsform (wie z.B. Kali). Ich konnte Aspekte von Göttinnen in mir finden (beispielsweise wenn ich annehme, daß jede meiner Zellen von Göttinnenenergie durchdrungen ist), aber im Grunde war die Entität Göttin immer im Außen. Ein Du. Und ein Du kann die Kommunikation auch ablehnen. Yoga hingegen ist within und dadurch bekomme ich viel leichter Zugang dazu. Im Grunde muß ich mir nur dazu entscheiden, es zu tun – und dann findet es statt und wirkt. Selbst wenn ich einen schlechten Tag habe und die Übungszeit verkürze, selbst wenn ich eine Übung überhaupt nicht machen und mich nur auf sie einschwingen kann, selbst wenn ich keine Wirkung spüre, funktioniert es.
Das festzustellen, war für mich ein wichtiger Schritt. Was genau das jetzt für meine Göttinnenspiritualität heißt, ist mir noch nicht bewußt, vielleicht mal abgesehen davon, daß ich gerade stark in Frage stelle, wieso ich überhaupt noch Zeit und Energie (auch in Form von Geschenken / “Opfern”, Ritualen und Co.) da hineinstecken soll, wenn Frau Göttin mir nicht mal ein “ich höre Dich” in Krisenzeiten gönnt, umgekehrt aber gern das annimmt, was ich ihr bringe. Was für eine Art Beziehung soll das sein? Natürlich könnte man jetzt argumentieren, daß das alles nur dazu dient, meinen Glauben auf die Probe zu stellen – aber erstens bin ich keine Christin, die meint, sich durch Leid beweisen zu müssen, und zweitens ist das ja nicht das erste Mal, daß ich in einer Krise nur Schweigen bekomme. Für mich funktionieren Freundschaften auf diese Weise nicht. Damit muß ich dann leben. Und die Göttin auch.
:: Und jetzt? ::
Im Januar 1999 habe ich zum ersten Mal meinen Altar eingedeckt. Plätze, an denen ich für mich wichtige Dinge wie Naturfundstücke, Postkarten und sowas arrangierte, hatte ich schon seit meiner frühen Kindheit, aber das war etwas Anderes. Diesen neuen Ort “Altar” zu nennen, war für mich aus mehreren Gründen wichtig. Wie wir Dinge benennen, hat starken Einfluß auf ihre Wertschätzung und auf ihre Wirkung. Es war für mich damals auch die klare Botschaft an mich selbst: ich bin eine Hexe.
Der Weg, der nicht aus dem Nirgendwo entstammte (will sagen: vor der ersten Selbstbenennung als Hexe gab es schon spirituelle Erfahrungen und Praxis), setzte sich fort. Wie es sich für echte Wege gehört über verschiedenes Gelände, über Berge und Täler, durch Schatten und Licht, über Geröllfelder und vorbei an blühenden Äckern und Müllhalden. Viele von Euch kennen das selbst, das Eine kommt zum Anderen, vermischt sich, emulgiert zu einer funktionierenden Eigenkreation. Ich habe Magie nicht von der Pieke auf gelernt; für mich war Magie immer was Intuitives, das für mich so leicht umzusetzen war wie Atmen. Ich habe trotzdem viele Sachen ausprobiert, die andere Leute für essentiell hielten, und was davon für mich funktionierte, blieb, oder wurde solange umgemodelt, bis es paßte. Ich kann reisen, ich kann heilen, ja, eine Trommel habe ich auch. Mein Räucherwerk mache ich selbst. Kerzenzauber, Jahreskreisrituale, spirituelle Geburtsvorbereitung, Sterbebegleitung, Handfasting, Namensgebungsritual, Menstruationszauber, Küchenmagie – alles schon gemacht, hat auch alles Ergebnisse geliefert (nicht immer vorhersehbare, natürlich nicht, aber hey – that’s life). Ich hab meine Nase in viele Töpfe gesteckt, neugierig wie ich nunmal bin und das führte mitunter zu echt skurrilen Situationen: Novizinnen der Zeremonialmagie, die heillos in ihrem weißen Ritualgewand vor Kälte schlotterten und darüber ihren Text vergaßen, Wicca-Rituale, in denen das ganze Vorgeplänkel eine Stunde, das eigentliche Ritual zwei Minuten dauerte, machtorientierter ich-bin-Gott-LHP-Krempel, schamanische Gemeinschaftsrituale, Reclaming-Kreisrituale, PolitSpells – such’s Dir aus.
Ich hoffe, ich klinge nicht so gelangweilt und fertig mit allem, wie es für mich selbst den Anschein hat. Klinge ich so?
Tatsache ist, es fühlt sich für mich alles nicht mehr richtig an. Taub. Blind. Wie ein unbeantworteter Anruf. Wie das taube Gefühl transplantierter Haut. Seit dem Sommer verändert sich meine Spiritualität und ich stehe dem machtlos gegenüber. Ich habe schon mehrmals probiert, das in blogtaugliche Form zu bringen, aber die Wahrheit ist, daß ich das nicht schaffe. Ich bin einfach erschüttert. Ich habe nämlich gedacht, irgendwo in diesem bunten Potpourri hätte ich meine spirituelle Heimat gefunden. Ich – gynozentrisch, schamagisch, Küchenmagie betreibend. Ich – Freundin der Göttin und ganz besonders Kali verbunden. Aber vieles, was ich für meine spirituelle Heimat hielt, fühlt sich nicht mehr gut, nicht mehr wohlig an. Bloß daß ich darüber noch nie bei anderen gelesen oder gehört habe. Bloß daß ich dafür keinen Grund finden kann, wo doch alles, was ich getan habe, funktioniert hat.
Nehmen wir mal die Geschichtsschreibung. Angeblich sind vor 5000 Jahren aus dem Nichts Stadtstaaten entstanden, patriarchale Vorzeigeobjekte. Mich langweilt das einfach nur noch, weil ich weiß, daß dem nicht so ist. Es ist eine Lüge, die kolportiert wird, aber dadurch dennoch nicht wahr wird. Schön, und jetzt weiß ich also, daß die frühen Kulturen matriarchal waren, daß die Frauen die Wiege der Zivilisation geschaffen haben. Und jetzt? Oder nehmen wir die ganz grundlegenden magischen Handgriffe wie Kreisziehen und die Winde anrufen. Hab ich tausendmal gemacht, es hat funktioniert. Und jetzt? Oder schamanische Reisen. Ja, ich kenne mein Totem, ich kenne meine Krafttiere, und nein, ich hänge nicht ständig drüben rum, weil ich finde, das hat was von nervigem Anderswelttourismus. Und jetzt?
Ich bin an einem Punkt angekommen, wo ich mich ständig nach diesem ominösen “und jetzt?” frage. Und ich frage mich, ob ich mich das fragen würde, wenn ich meine spirituelle Heimat wirklich schon gefunden hätte. Weil ich das Vorurteil hatte, daß ich dort eine gewisse Sicherheit finden würde. Oder Behaglichkeit. Oder Vertrautheit. Ich dachte, mit der Spiritualität wäre es wie mit einer guten Ehe: auch nach Jahren entdecke ich noch was Neues und freue mich immer wieder darauf, meinen Partner zu sehen. Was in meinen Partnerschaften funktioniert, funktioniert nicht in meiner Spiritualität. Ich fühle mich gelangweilt. Kraftlos. Ausgelaugt.
Mein Altar, der mir so viele Jahre lang so wichtig war, ist verwaist. Kali ist noch da, aber wir sprechen nicht mehr viel miteinander. Meine Jahreskreisplatte ist da, weil der Jahreskreis das Einzige ist, was übrig geblieben ist. Ansonsten liegen auf meinem Altar nur noch Dinge, die ich zum Yoga benutze oder die mit Yoga zu tun haben. Meine Mala, meine Kara, mein Lotus-Teelicht, meine Klangschale, sowas. Und dann ist da diese Sehnsucht. Die Göttin ist für mich erfahrbar (gewesen), aber jetzt fühlt es sich an, als könnte ich dahinterblicken. Einen Blick auf das erhaschen, was auch sie antreibt. Ich habe (noch) keinen Namen dafür.
Es gibt Tage, an denen denke ich, oh wow, ich hätte jetzt richtig Lust auf Fischstäbchen! Ich esse keine, aber die Lust darauf ist da, wohl auch verbunden mit Erinnerungen an meine Kindheit. Ich esse keine, weil ich entschieden habe, daß ich mich vegan ernähre. Und das tu ich, weil ich meine, daß Tiere ein Recht auf Unversehrheit haben. Und genauso gibt es jetzt Tage an denen ich denke, oh wow, es wäre toll, wenn ich mich dem Sikhismus, der für mich, da ich Kundalini Yoga nach Yogi Bhajan mache, zu Yoga dazugehört, einfach hingeben könnte. Ich fühle mich dahingezogen, zu einer monotheistischen Religion, für die Gott das allumfassend Göttliche bezeichnet, die aber nur zu oft Gott als Mann betrachtet (Sprache ist ja so entlarvend). Dann denke ich, scheiß doch der Hund drauf. Kein Mensch kriegt es mit, wenn ich jetzt diese Richtung einschlage. Und dann bin ich wieder bei den Fischstäbchen. Es würde ja auch kein Mensch mitkriegen, wenn ich doch welche äße. Ich tu es nicht, weil ich das als für mich falsch erkannt habe. So wie ich eigentlich auch Monotheismus für mich als falsch (Du kannst etwas abgemildert sagen: nicht passend) erkannt habe. Wäre denn Sikhi für mich rein monotheistisch? Nein. Könnte es gar nicht sein. Das allumfassend Göttliche, das ist – nun ja – alles. Ich merke aber, daß es diese Grenzen in meiner Handlungsfähigkeit gibt, die ich mir selbst gezogen habe, auch Grenzen in dem, was ich denken, was ich zulassen kann.
Der Aufbruch zu einer gynozentrischen, erdverbundenen GöttinnenSpiritualität hat sich so perfekt, so richtig angefühlt. Und jetzt ist das alles so entseelt, so entzaubert für mich. Erfahrbar ist Yoga. Die Kraft hinter Yoga. Das Göttliche. Oder wie die Sikhs es sagen: So Purkh. The Primal God. Ich fühle mich so zerrissen zwischen dem, was ich bisher erfahren durfte, und dem, was ich jetzt erfahre. Zwischen dem, was bisher funktionierte, und dem, was jetzt funktioniert. Ich habe Angst, diesen Schritt zu machen. Mich fallen zu lassen. Ich balanciere seit dem letzten Frühsommer auf dem Rand einer Suppenschüssel und kann weder hineinspringen noch mich dazu entschließen, mich auf’s Trockene zu retten. Und Zerrissenheit war bisher nie eine Option für meine Vorstellung von spiritueller Heimat.
Und jetzt?
:: Heilarbeit ::
Es ist merkwürdig. Ich kann mit dem, was ich tue, anderen Menschen helfen. Ich kann ihnen sinnhafte Antworten mitbringen, ich kann “sehen”, wo das Problem liegt, was getan werden muß, manchmal von ihnen, manchmal von mir. Ich kriege Kontakt, Resonanz, Antwort. Aber für mich selbst kann ich all das nicht tun. Es ist, als würde ich auf einen blinden Spiegel schauen, der nichts reflektiert, in dem nichts zu erkennen ist. Und selbst wenn ich eine Ahnung von etwas erhasche, funktioniert es in der Regel nicht.
Ich denke an diese haarsträubende Krankheit, die ich mir zugezogen habe und von der es weltweit zwei dokumentierte Fälle gibt. Zwei. Ein Lottogewinn wäre mir irgendwie lieber gewesen. Es passierte kurz nachdem ich meine Ausbildung zur Reiki-Lehrerin abgeschlossen hatte. Ich saß stundenlang im Krankenhaus da und habe mir Reiki gegeben. Ich habe aus tiefstem Herzen daran geglaubt, ich war überzeugt davon, daß es helfen würde. Es half nicht. Ich habe gebetet. Es half nicht. Ich habe versucht, in mich reinzuhorchen (Du kannst auch sagen, ich habe mich und den Geist der Krankheit angereist), um rauszukriegen, was ich tun kann. Nichts. Ich konnte nichts tun. Als es bergab ging, habe ich Frieden damit geschlossen, daß ich sterben würde. Es war ok. Ich bereitete meine Seele darauf vor, verband sie mit meinen Begleitern, mit der Göttin. Aber ich konnte nicht sterben.
Diese Krankheit ist nur ein Beispiel von endlos vielen, wo Heilarbeit für mich selbst nicht funktioniert hat. Natürlich neigen Menschen dazu, darin einen Sinn zu sehen, so nach dem Motto “dann warst Du hier noch nicht fertig”. Aber die Wahrheit ist: ich war hier fertig. Vollkommen. Daß ich nicht starb, lag bloß an einer Herz-Lungen-Maschine, literweise Spenderblut und Antibiotika und hartnäckigen Chirurgen. Sind sie inbegriffen im Plan des Göttlichen, vorausgesetzt, es gibt sowas überhaupt?
Jetzt, wo mein Bein verletzt ist, da half mir weder Rasseln noch GeschenkeBringen noch Heilerdewickel noch Reiki. Was minimale Erfolge bringt, ist erneut ein schulmedizinisches Mittel. Starke Magie. Magie der Chemiekalien, der Moleküle, gelöst in Propylenglycol. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, daß ich mir selbst nicht helfen kann. Das ist kein unbekanntes Phänomen, viele Heilkräftige kennen das. Es ist trotzdem zum Kotzen.
:: Kein Yoga ist auch keine Lösung! ::
Ich habe eine anderthalbwöchige Yogapause hinter mir, denn ich hatte ziemlich arg mit einer Medikamentenumstellung zu kämpfen und mir war schlicht nicht danach, Yoga zu machen. Mal ein paar einzelne Übungen, ok, so zum Durchbewegen, aber keine Kriya, geschweige denn daß ich eine neue 40-Tage-Kriya gestartet hätte. Das Ergebnis war absolut heftig. Nicht nur, daß ich mich steif und verknackst fühlte, ich habe mich auch mental und seelisch entsetzlich gefühlt: dauermüde, lustlos, gereizt, träge. Tamasisch eben. Anfangs habe ich das auf die Medikamente geschoben, aber als ich dann regelrechte Angstzustände bekam, dauer-unruhig war und das Gefühl hatte, komplett zu dissoziieren, da fragte ich mich doch, ob das womöglich an der Yogapause liegen könnte, denn sowas kenne ich überhaupt nicht von mir.
Nachdem ich in der letzten Zeit jede Nacht locker neun bis elf Stunden komatös geschlafen hatte, wachte ich heute Morgen nach nur ein paar Stunden Schlaf auf und wußte, jetzt ist’s Zeit für Yoga. Ich habe eine neue 40-Tage-Kriya begonnen, die ich mir diesmal selbst ausgesucht habe, und zwar die Surya-Kriya (“Sonnen-Kriya”), leicht für meine Bedürfnisse adaptiert, denn die “Frösche” kriege ich nicht hin. Eine Stunde, eine Kriya und eine Meditation später ging es mir – nun, nicht blendend, aber bei weitem besser. Nicht mehr so disso, träge oder müde. Ich hatte endlich wieder das Gefühl, im Tag anzukommen. Etwas leisten zu können. Aufnahmebereit zu sein. In mir selbst zu ruhen. Kurz, ich habe mich wieder “healthy, happy, holy” gefühlt.
Ich komme noch gar nicht darüber hinweg, was für ein krasses Erlebnis das war. Nachdem ich meine erste 40-Tage-Kriya abgeschlossen und meine Yogalehrerin um eine Neue gebeten hatte, haben wir rumgeflachst, daß ich mich wie ein Junkie verhalte, der nach mehr lechzt. Genau so ist es! Ich gebe zu, das ist ein total merkwürdiges Gefühl für mich, die ich es aus tiefstem Herzen ablehne, nach etwas tatsächlich süchtig zu sein. Ich meine, ich flachse immer rum, daß ich stoffsüchtig bin und an der PatchworkNadel hänge, aber hey, ich halte auch mal zwei Wochen ohne Nähen aus. Ich liebe meine allabendliche Tassse Tee, aber ich kann z.B. im Sommer ohne Entzugserscheinungen wochenlang auf sie verzichten. Süchte nach vielen anderen Dingen wie Nikotin, Konsum, Fernsehen, Zucker und sogar Morphium habe ich nie erfolgreich heranzüchten können. Inzwischen kann ich sogar ohne Internet leben^^ Aber offenbar nicht ohne Yoga. Das ist verdammt merkwürdig. Ich weiß nicht, ob ich darüber glücklich sein oder mich dagegen wehren soll. Kann ich das überhaupt? Und wieso sollte ich das tun, mal abgesehen von der schieren Tatsache, daß ich Abhängigkeiten ablehne? Es tut mir doch so umfassend gut, ich genieße es, ich liebe es. Es ist mein Weg und vielleicht ist das ja die Art von Yoga, ein Leben nachhaltig und umfassend zu berühren, zu verändern? Es fühlt sich nicht so an, als könnte und als sollte ich mich dagegen wehren.
Es ist eben mein Weg.
Sat Nam!
:: YogaLehrerin werden (?) ::
Im Sommer hat er sich das erste Mal ganz leise geregt, der Wunsch, die Ausbildung zur YogaLehrerin für KundaliniYoga wie es von Yogi Bhajan gelehrt wurde zu werden. Ich dachte, das kann nicht sein. Nicht so schnell, nicht nach ein paar Monaten. Vor einem Vierteljahr sagte meine YogaLehrerin dann etwas, das mich stark berührt hat. Ich hatte mich zu dem Zeitpunkt intensiv mit YogaPhilosophie befaßt und versuchte, ihr meine Gedanken und die ganzen Veränderungen, die ich durch Yoga in meinem Alltag, in meiner Spiritualität und ja, in mir selbst erfahre, zu schildern. Da sagte sie “Amala, ich glaube, Du bist Deine eigene Lehrerin”. Das hat eine Saite in Schwingung versetzt. Ich überlegte, ob ich einfach maßlos arrogant und überheblich sei, mich irgendwie produziert oder besser gemacht hatte. Die simple Antwort war: nein.
Und dann hatten wir diese Woche ein langes Gespräch, in dem ich sagte, Yoga habe ein Tor aufgestoßen und ich sei so glücklich mit allem, was es mir schenkt – auch mit Widerstand und Zweifeln -, daß ich ganz deutlich fühle, daß das mein Weg ist. Da sagte sie: mach die Ausbildung. Du bist soweit. Ich erwiderte, daß ich eigentlich noch auf einen inneren und einen äußeren Impuls warte, der den letzten Anstoß gibt. Bloß daß ich heute glaube, daß das Gespräch mit ihr bereits der äußere Anstoß war. Und ich vermute, daß ich weiß, was den inneren Anstoß geben wird, nämlich meine Reise nach England.
Wenn ich so meine Überschrift angucke, dann denke ich, ich werde das Fragezeichen mal in Klammern setzen, denn eigentlich ist es längst keine Frage mehr, daß ich die Ausbildung machen möchte. Es braucht noch ein bißchen Zeit zum Bebrüten, es braucht noch diesen inneren Impuls und dann eine Prise Mut. Aber ich will das. Das ist mein Weg.
:: Innerer Frieden ::
Als ich heute durch die letzten Einträge in meinem Blog scrollte, dachte ich, wie merkwürdig das ist, daß die Wochen(end)Rückblicke seit einer Weile so schnell aufeinander folgen. Früher kamen dazwischen immer ein paar Einträge zu unterschiedlichen Themen, jetzt geht es mal ein bißchen um Genähtes oder Yoga, aber so richtig viel, vor allem so richtig viel “journalistisch Relevantes”, wie es im Fachjargon heißt, gibt es hier – glaube ich – im Moment nicht.
Gestern Abend haben mein Mann und ich über mein Kochbuch gesprochen. Er fragte, ob ich denn im Vorwort nochmal auf die Argumente für vegane Ernährung eingehen will, und spontan sagte ich nein. Ich weiß, daß es der stetig wachsenden Öffentlichkeitsarbeit zu verdanken ist, daß Veganismus allmählich ein Begriff wird, daß Veganerinnen allmählich nicht mehr mit verkniffenen, negativen Darberinnen assoziiert werden. Veganismus findet seinen Weg. Als ich vor 20 Jahren meine erste, zwei Jahre andauernde vegetarische Phase hatte, da wurde ich als Freak betrachtet. Heute ist Vegetarismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Vegetarismus ist ein Begriff. Ich denke und hoffe, daß ich das in zwanzig Jahren auch über Veganismus schreiben kann. Als ich auf vegan umstellte, kam unglaubliche Wut und Fassungslosigkeit in mir hoch. Über die monströse Tierproduktindustrie, über die Lobby, die uns diese Qualprodukte als gesund verkaufen will. Ich dachte, wie kann überhaupt eine noch sowas essen, wo es all die Fakten doch mit einem Mausklick im Netz zu finden gibt? Und wieso habe ich so lange gebraucht, um das zu verstehen? Ich glaube, ich tappte damals in eine typische VeganerinnenFalle rein: meine Betroffenheit und meine Wut machten mich fanatisch. Ich dachte, wenn ich nur gut genug die Argumente für Veganismus darlege, dann könne sich dem ja eigentlich niemand verschließen. Das war naiv. Als dann noch die Forderung laut wurde, ich solle doch bitteschön eine “gute Veganerin” sein und meine vegetarischen und omnivoren Freundinnen mit meinem Veganerinnengeschwätz in Ruhe lassen (typische Frauenfalle: ich hatte es gut gemeint), war ich echt sauer, denn eine aus vegetarisch-omnivorer Sicht “gute” Veganerin ist ja eine, die die Klappe hält und sich mit einem Beilagensalat mit Öl zufriedengibt. Ich bin dagegen angegangen. Und ich hab dafür mit einer Freundschaft bezahlt. Rückblickend hat sich das nicht gelohnt, damals jedoch war ich so voller Wut, daß ich das in Kauf genommen habe.
Und heute? Ich ernähre mich immer noch vegan und ich kann mir nicht mehr vorstellen, je wieder ein Tierprodukt zu essen (über Medikamente und Co. schrieb ich ja schon). Aber die Wut ist weg. Mein Weg besteht nicht darin, mir Schlachthausvideos anzuschauen, Todesanzeigen auf tiefgekühlte Gänse zu kleben oder Tiertransporte zu begleiten – daran würde ich zerbrechen. Mein Weg besteht darin, die genußvollen Seiten veganer Ernährung zu thematisieren. Das ist für mich selbst lustvoll, kreativ, nährend. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, daß es kein einziges Argument für den Verzehr tierischer Produkte gibt (jaja, außer ich strande auf einer einsamen Insel, auf der es nur Schnitzel zu essen gibt, schon klar), und ich bin immer noch keine “gute”, brave Veganerin. Aber ich kann akzeptieren, daß es starke Vorbehalte gegen Veganismus gibt. Und daß jeder Mensch selbst entscheiden darf, was er ißt, welche Energie er sich zuführt und woraus seine Zellen und damit sein Körper gebildet werden. Was Veganismus angeht, da habe ich meinen Frieden gefunden.
Ein anderes Thema, das mich immer wieder zu süß-sauren Blogposts veranlaßte, war (und ist) Feminismus und Matriarchat. Auch da gab es diese Wut auf das allgegenwärtige und viel zu selten, viel zu defensiv thematisierte Patriarchat. Ich hab geforscht, bedacht, gestritten, argumentiert, widerlegt – mit dem Effekt des Burn Outs. Ich allein werde das Patriarchat nicht abschaffen können. Aber es ist ein guter, kraftvoller Gedanke, daß sich immer mehr Menschen auf den Weg machen und hinterfragen, was uns als (gott)gegeben auf’s Auge gedrückt wird. Es hat mich immer sehr verletzt, wenn ich als Männerhasserin hingestellt wurde, ich bin dann in eine defensive Haltung reingegangen und habe versucht, eine “gute” Feministin zu sein. Heute gucke ich zurück und denke: wieso eigentlich? Wieso soll es mich kratzen, wenn ich die Komfortzone, die sich andere im Patraiarchat eingerichtet haben, tangiere oder piekse? Das Patriarchat umgibt mich überall, es setzt meiner Komfortzone massiv zu und dafür entschuldigt sich kein einziger patriarchaler Mensch bei mir. Wieso wird von mir als Andersdenkende erwartet, daß ich mir meinen Kopf über die Gefühle derer zerbreche, die mich mit einem Schulterzucken als Männerhasserin, Fanatikerin, Spinnerin abtun? Allmählich spüre ich auch diesbezüglich Frieden. Das Patriarchat arbeitet bereits an seinem Untergang, da muß ich gar nix dazutun. Auch hier besteht mein Weg mehr und mehr darin, dem Ganzen kreativ, spielerisch und nährend zu begegnen. Kontakte zu knüpfen. Gedankensamen zu setzen. Zu inspirieren.
Was ist los mit mir? Bin ich müde und “alt” geworden? Hab ich ein Burn Out? Vielleicht. Lieber will ich denken, daß ich mich mittels Yoga auf den Weg des inneren Friedens begeben habe. Daß ich jetzt, mit Mitte dreißig, klarer sehe und erkenne, wie ich effektiver – das heißt: ohne mir selbst zu schaden – etwas bewegen kann für Dinge, die mir wichtig sind. “Innerer Friede” ist ja so ein Begriff, den wir im Westen immer ein wenig spöttisch-verächtlich verwenden. Eigentlich heißt innerer Friede bloß, daß ich meine Nische gefunden habe (oder aktiv finde), daß bei mir innen und außen, Denken, Handeln, Kommunizieren im Einklang sind.
Und genauso fühlt sich das jetzt an.
