Kategorie: Leben mit Behinderung
:: Rollstuhl…once more ::
Endlich hab ich seit Oktober das Gefühl, daß sich was in die richtige Richtung bewegt: ein Arzt, der mich nicht mit “schonen Sie sich, schmieren Sie ne Creme drauf und schlucken Sie n Schmerzmittel” abspeist, ein Sanitätshausmitarbeiter, der zuhört und sich kümmern will, und ne osteopathische Begleitung. So. Jetzt muß ich nur noch diesen Röntgen-CT-MRT-Neurologen-Schmerzzentrum-Kram hinter mich bringen, meiner Kasse deutlich machen, daß ich nach fünf Monaten ohne Rollstuhl eeeeeecht wieder einen brauche, mit dem ich umgehen kann (der Frühling kommt!) - und meinem Körper begreiflich machen, daß ich einfach keinen Bock auf noch mehr chronische Schmerzen bei einem Magen habe, der nix mehr verträgt.
Besonders toll fand ich, daß ich nach 6 Jahren endlich mal nen ehrlichen Weißkittel gefunden habe, der unumwunden zugab, daß er Angst hat, mich mit Standardverfahren schlecht zu behandeln, weil ich kein Standardfall bin. Schön – so allmählich bilde ich mir was drauf ein, einer der beiden weltweit dokumentierten Fälle mit diesem Mist zu sein.
Solange das dauert, wird es hier weiterhin a weng ruhig bleiben. But I am still here.
:: Richtig Scheiße… ::
…finde ich Lehrerinnen, die die Intelligenz meines Sohnes beurteilen sollen und dann – 8 Tage, nachdem sie mich im Rollstuhl gesehen und meine Behinderung wahrgenommen haben – einen Elternabend im 1. Stock ohne Aufzug abhalten. Da frag ich mich doch, wessen Intelligenz wir hier beurteilen sollten.
:: RollstuhlNot ::
Ich denk, kaum jemand, der nicht im Rolli sitzt, kann das nachvollziehen, aber mir ist grad nach Urschrei zumute.
UUUUUUAAAAAARRRRRRRRRRGGGGGGGHHHHHHHHNNNNNAAARRRFFFFFF!!!!!!!!!!!!!!!!
Der schönste E-Fix nutzt js nix, wenn frau mit dessen Joystick-Bedienelement nicht klarkommt. Und jetzt geht der inzwischen so gewohnte und nervende Marathon schon wieder los: Sanitätshaus, Gutachten, Verordnungen, brabra. Ich stell mich mal auf einen rollstuhlfreien Frühling im Hausinneren ein.
Liebe Göttin, bitte verzeih mir meinen spontanen Anfall von Raffgier, aber könntest Du bitte mal so ca. 10.000 € aus legalen Quellen zu mir fließen lassen, die nur für meinen neuen Rolli sind und nicht andernorts böse Löcher reißen? Dankeschön.
Ansonsten nehm ich zu Ostern auch gern n Paar funktionstüchtiger Beine (ruhig mit Behaarung und Cellulite, ich bin da nicht so pingelig).
:: Arztgespräch ::
Er (nach Durchsicht der Untersuchungsergebnisse): “Sie sollten nicht vergessen, Gemüse zu essen. Und Obst.”
Ich (verwirrt): “Ich bin Vegetarierin.”
Er: “Oh.”
Ich: “Hatte ich aber beim letzten Mal schon gesagt und Ihnen schriftlich gegeben.”
Er: “Ach schade.”
Ich: ???
Er: “Ja, weil Fleisch ist auch gesund.”
Ich: “Aha.”
Er: “Ja, und lassen Sie die Kohlenhydrate weg. (Seitenblick) Die machen nämlich dick.”
Ich (denke): Meint der ‘Kohlenhydrate = Zucker = dick’? Oder meint der ‘Kohlenhydrate = Kartoffeln = dick’? (denke noch mehr, in Bildern) Warndreieck, Elch, *schepper* (sage) “Okay.”
:: La Dolce Vita ::
“Was willst du eigentlich? Du kriegst deine Schuhe bezahlt, deinen teuren Elektrorolli und die Krankengymnastik. Ich muß für meine Klamotten, mein Auto und meinen Sport arbeiten gehen und das alles aus eigener Tasche bezahlen!”
Ja, wirklich unverschämt von mir, daß ich es mir auf Kosten der Kasse so unglaublich gutgehen lasse. Göttin sei dank bin ich behindert. Sonst hätte ich im Leben gar keinen Spaß.
:: How Could Anyone ::
:: Aufgeschnappt ::
- “Behinderte sind wie du und ich” – diesen Satz las ich in einem Merkblatt, das für die Schüler der Unterstufe eines Gymnasiums entworfen worden war. Sind Behinderte tatsächlich wie “du und ich”? Ich glaube nicht. Über das Anderssein hatte ich schon mal was geschrieben. Wer so tut, als seien Behinderte ganz normal, macht es Behinderten schwer. Integration ist keine Frage, die ausschließlich im Kopf beantwortet werden kann. Integration beginnt an der zu hohen Bordsteinkante. Wer glaubt, daß Behinderte normal sind, grenzt sie aus, denn Behinderte haben andere Bedürfnisse als “du und ich”. Und überhaupt, wer sollen “du und ich” eigentlich sein?
- “Behinderung ist keine Strafe Gottes” - daß es Leute gibt, denen das gesagt werden muß, und Leute, die meinen, das sagen zu müssen, empfinde ich als Strafe Gottes. Auch das ist das Gegenteil von Integration. Behinderung und Religion haben nichts miteinander zu tun. Wer meint, das eine durch das andere instrumentalisieren zu müssen, sollte mal ernsthaft über seinen Begriff von Religiosität und Spiritualität nachdenken.
- “Behinderte können nicht mit dem Göttlichen in Kontakt treten” – das ist die Kehrseite der Medaille. Inzwischen ist diese Diskussion von den mono- zu den polytheistischen und heidnischen Religionen übergeschwappt. Behinderte gelten manchen Menschen als zu kaputt, um mit den Göttern und Geistern zu kommunizieren. Als würden körperliche, geistige oder seelische Versehrtheit und subjektiv wahrgenommene Häßlichkeit diese Wesen beleidigen.
- “Behinderte brauchen Freunde” – ich denke, die braucht jeder Mensch, unberührt davon, ob er behindert ist oder nicht. Solche Sätze führen zu Mißverständnissen. Behinderte brauchen kein Mitleid, kein Mitgefühl aus falschverstandener Freundschaft. Behinderte sind keine armen Wauzis, die niemand liebhat, und die nur darauf warten, daß man ihnen seine Freundschaft anbietet.
- “Behinderte sind auch Menschen” – schön, daß wir darüber mal geredet haben.
- “wenn man Behinderte näher kennenlernt, stellt man fest, daß sie eigentlich ganz freundlich sind” – Behinderte haben keinen anderen Charakter als Nichtbehinderte. Freundlichkeit oder Unfreundlichkeit sind keine Frage von Behinderung. Verbitterung über die Behinderung, über Reaktionen auf die Behinderung etc. sind Fragen der persönlichen Wertung und der (Nicht)Integration, die nur individuell geklärt werden können.
- “Behinderte sollten ganz normale Beziehungen haben dürfen” – dankeschön.
- “ich fühle mich in meinem ästhetischen Empfinden durch behinderte und entstellte Personen gestört” – wahrscheinlich gibt es auch behinderte und entstellte Personen, die sich von solchen Aussagen gestört fühlen. Ästhetik und Schönheit sind rein subjektive Begriffe.
Die Zitate, die ich hier angeführt habe, stammen teils aus Broschüren, teils von Internetseiten / aus Foren, teils aus persönlichen Gesprächen, die ich geführt habe.
Interessant, welches Bild von Behinderung in unserem freiheitlichen, demokratischen und christlichen Staat so existiert…
:: StoffMarkt und KnockOut ::
Gestern waren Weazel und ich auf dem Stoffmarkt Holland, der im Herzen von Karlsruhe City gastierte. Das Wetter war wunderbar, wir haben einen Parkplatz direkt neben dem Stephansplatz bekommen und als wir den Markt betraten, war ich noch richtig guter Laune. Direkt am zweiten Stand fand ich genau den Stoff, den ich gesucht hatte, nämlich einen schwarzen Baumwolljersey, auf dem sich dunkelviolette Blumen ringeln, und noch zwei Stände weiter kam ein zweiter Jersey in hellerem Violett dazu. Joa, und dann wollte ich an einem Stand mit Kurzwaren gucken – und da hörte meine gute Laune dann erstmal auf. Ich stand etwa zehn Minuten einen halben Meter von dem Verkaufstisch entfernt. Eine Person vor mir. Als diese ihren Platz verließ, quetschte sich jemand von der Seite vor mich. Na gut, warte ich eben. Ich guckte mir denselben Mist fünfmal an, dann platzte mir der Kragen und ich pampte die Frau, die sich zuletzt vorgedrängelt hatte, ziemlich fies an. Ich bin sicher, ich wäre höflicher gewesen, wenn ich mir das nicht schon vorher minutenlang angeguckt und geduldig gewartet hätte, bis jemand von sich aus mal so freundlich gewesen wäre, mich in dem sperrigen Rolli an den Tisch ranzulassen. Aber nö, die Frau im Rolli ist sicher nur Dekoration – oder was!? Echt unfaßbar! Wenigstens fand ich an dem Verkaufsstand tatsächlich das, was ich gesucht hatte, allerdings fielen mir in der Zwischenzeit mehrere andere Käuferinnen auf den Schoß (logisch, ne 1,80 m und 115 kg Frau ist ja immer so leicht zu übersehen!) oder regten sich darüber auf, daß ich nicht flink wie ein Zweibeiner ausweichen konnte, wenn sie gegen meine Räder latschten. Ich war dermaßen genervt, als wir an diesem Stand fertig waren, daß ich erstmal ne Weile brauchte, um wieder runterzukommen. In der Regel bin ich ja sehr geduldig und flauschig, aber diesen dämlichen Weibern hätte ich gestern echt gern eine reingehauen. Interessant war für mich, daß Männer vollkommen anders auf mich reagierten. Einer, hinter dem ich gewartet hatte, meinte sogar, als er den Platz freimachte, “ach, hätten Sie doch was gesagt, dann hätte ich Sie sofort vorgelassen”. Fand ich richtig lieb. Ich verlange nun wirklich keine Sonderbehandlung, weil ich im Rollstuhl sitze, aber ein bißchen Mitdenken hat wohl noch keinem wehgetan (oder doch, wer weiß…).
Schließlich rollerte ich an den entlegensten und leersten Stoffstand und befand mich plötzlich in meinem persönlichen Traumland wieder: Batik-Patchwork-Stoffe. Ballenweise. In meinen Lieblingsfarben. Und das Beste: ich hatte noch richtig viel von meinen selbstauferlegtem Stoff-Budget übrig. Also habe ich bei meinen heißgeliebten Bali-Batiks zugeschlagen und werde in Zukunft mal wieder eine Tasche (oh Wunder) daraus nähen. Nachdem ich mir den Sabber aus dem Mundwinkel gewischt hatte, erkannte ich dann auch noch eine Bekannte, die ebenfalls mit glasigem Blick auf die Stoffe schaute. Interessant, aber ich habe wirklich schon Bekannte in Karlsruhe
Wir klönten einen Moment und dann ging’s mir wieder richtig gut.
Ob ich im Mai in Mannheim nochmal auf den Stoffmarkt gehen werde, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Zwar wäre es verlockend, auch mein Mai-Budget für Batiks auszugeben (zumal der Meterpreis wirklich mehr als grandios war), aber die Masse von orientierungslosen und nur auf Stoff fixierten Frauen fand ich spooky und anstrengend. Ich will gar nicht leugnen, daß mir auch echt die Augen übergegangen sind von soviel Stoff und Zubehör auf einem Haufen, aber der Kollektivverlust von sozialem Verhalten hat mich erschreckt und abgestoßen.
Abends und vor allem nachts hat mein einer Fuß mir durch starke Schmerzen und wildes Pochen klargemacht, daß ich in den nächsten Tagen, am besten Wochen, deutlicher kürzer treten muß. Selbst meine orthopädischen Maßschuhe passen mir mit der Schwellung nicht mehr, die Schmerzen reduzieren sich nicht mal nach zehn Stunden Schlaf und ich kann kaum auftreten. Blöder Mist
Im Mai habe ich einen Termin bei meinem Orthopäden, den ich mal fragen werde, ob er meint, daß die Chance besteht, daß mein Fuß durch die Aktivierung nun mit einer temporären Schwellung reagiert. Denn wenn nicht, dann wird mir der Gute direkt ein Paar neue Schuhe verschreiben müssen, die erfahrungsgemäß etwa drei bis vier Monate Fertigungszeit haben *seufz* Und billig sind sie auch nicht. Na, mal sehen.
In den kommenden Tagen werde ich also viel mehr auf dem Sofa abgammeln, obwohl ich gehofft hatte, die Tage des PowerCouchings seien gezählt. Immerhin kann ich so meinen Mailberg abbauen und vielleicht auch mal zwei Sachen schreiben, die mir am Herzen liegen. Ich hoffe nur, daß ich wenigstens dazu komme, ein bißchen Marmelade einzukochen und etwas zu nähen. Werde wohl überall Hocker zum Fußhochlegen platzieren…
Die Edit – hier mal ein Bild von den Batiks. Die Jerseys sind grad in der Wäsche und von denen zeig ich lieber mal was Fertiges

“…aber Behinderte sind doch keine Randgruppe!”
Superintegrativer Ansatz, finde ich. Sehr liberal, sehr aufgeklärt, sehr menschenfreundlich. Und total realitätsfremd.
Wenn man sich die Statistiken anguckt (hier mal eine Zusammenfassung aus 2004), wird klar, daß Behinderte zumindest zahlenmäßig keine Randgruppe sein sollten: immerhin ist etwa jeder zehnte Bundesbürger behindert, was bei rund 82 Mio. Bürgern 8 Mio. Behinderte ergibt.
Das Thema “moderne Schulmedizin” hatte ich schon mal angesprochen. Dank ihr überleben heute weitaus mehr Menschen schwere Unfälle und Krankheiten als noch vor zehn Jahren. Aus eigener Perspektive und rein subjektiv müßte ich das “dank ihr” mit einem Fragezeichen versehen, denn auch wenn es viele Momente und inzwischen auch immer länger werdende Phasen von vielleicht drei, vier Tagen gibt, an denen ich unausgesetzt dankbar dafür bin, überlebt zu haben, stellt sich mir auch im vierten Jahr nach Ausbruch der Krankheit die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, zu sterben.
Schön, heute überleben also auch Menschen, deren Körperoberfläche zu 80 % verbrannt ist (ein Pfleger auf der Schwerstbrandverletzten-Intensivstation meinte zu mir, die moderne Medizin sei jetzt soweit, daß sie Menschen “durchkriegen”, deren Haut zu 80 % defekt ist – ich Glückliche bin mit nur 60 % davongekommen). Aber wer fragt diese Menschen, ob sie überhaupt durchkommen wollen? Ich hab die Schreie nicht nur gehört, ich hab selbst mitgeschrien.
Wer denkt, daß Behinderte keine Randgruppe sind, dem empfehle ich wärmstens, sich nur mal einen Tag in den Rollstuhl zu setzen und dann einkaufen, ins Kino, jemanden besuchen oder sonstwas zu rollern. Die Integration Behinderter endet meist schon an der Bordsteinkante (mein E-Rolli schafft 4 cm, bei allem, was darüberliegt, brauche ich Hilfe). Von zu engen Regalreihen und Kassenbereichen im Supermarkt, nicht vorhandenen Aufzügen in Kinos, Theatern und Opern, von Zooeingängen mit engen Drehkreuzen und anderen Dingen mal ganz zu schweigen. Und wehe dem, der unerwartet pinkeln muß. Aber es geht mir nicht nur um architektonische Engpässe.
Wer denkt, daß Behinderte keine Randgruppe sind, der hat wohl selbst noch nie die Reaktionen Nichtbehinderter erlebt. Neugierige Blicke, Getuschel und auch Geläster sind an der Tagesordnung. Hey, ich habe gar nichts dagegen, wenn jemand auf mich zukommt und fragt, warum ich im Rollstuhl sitze (interessanterweise sind da übrigens Kinder am offensten), aber oben beschriebenes Verhalten ist mMn das Gegenteil von Integration. Es verletzt und grenzt aus. Daß es seitens Nichtbehinderter Berührungsängste gibt, verstehe ich sowas von gut, denn ich war ja auch die meiste Zeit meines Lebens nicht behindert. Aber letztlich wollen doch wohl alle Menschen dasselbe: mit Respekt behandelt werden. Nun gehöre ich zu den Leuten, die anderen klar mitteilen, was sie brauchen, aber soviel Mut hat eben nicht jeder. In dem Fall fragt doch einfach nach, was derjenige braucht, der im Rolli an der Bordsteinkante steht (mich haben ein paarmal schon Leute ungefragt auf die andere Seite geschoben, obwohl ich da gar nicht hinwollte…). Kommunikation ist für mich ein wesentlicher Bestandteil von Integration. Und noch eine Anmerkung zur Kommunikation: ich weiß, daß es Leute gibt, die total allergisch darauf reagieren, wenn man sie als “behindert”, “schwerbehindert” oder anderes bezeichnet und möchten, daß sie als “gehandicaped” oder “Mensch, der zur Fortbewegung einen Stuhl mit Rädern braucht” angeredet werden. Ich mach’s meiner Umwelt leicht: ich bin behindert. Und auch wenn das jetzt den Zartbesaiteten einen Aufschrei entlockt: ich bezeichne mich selbst als Krüppel. So fühle ich mich, das bin ich, Ende.
Wer denkt, daß Behinderte keine Randgruppe sind, der hat wahrscheinlich noch nie davon gehört, wieviele Menschen mit Behinderung massive Probleme haben, einen Partner zu finden, und wieviele Leute, die durch einen Unfall oder eine Krankheit von heute auf morgen behindert sind, selbst von langjährigen Partnern verlassen werden. Ich vermute, das gehört wohl auch zum Themenkomplex der Berührungsängste. Leben mit Behinderung ist anstrengend und kompliziert. Vieles, was Nichtbehinderte mal eben nebenher erledigen, ist für uns ein Kraftakt oder sogar komplett unmöglich. Es gibt soviele Ängste, die mit einem behinderten Partner verknüpft sind, den Alltag, das Finanzielle und das Gesundheitliche betreffend, aber zu einer Partnerschaft gehört natürlich noch mehr. Machen wir uns nichts vor: das Thema Behinderte und Sex ist nach wie vor ein Tabu. Als wäre es etwas Unanständiges, als behinderter Mensch seine Sexualität zu leben und zu genießen. Überhaupt scheint der behinderte, amputierte, transplantierte oder wie auch immer nicht der Norm entsprechende Körper ein Tabu zu sein, etwas, das man lieber unter möglichst viel Stoff verbergen sollte. Ich hege die Vermutung, daß der Anblick eines solchen Körpers für viele Menschen unangenehm ist, weil er ihnen vor Augen hält, daß auch sie nicht unverwundbar und vor Unfällen und Krankheit gefeit sind.
Die Definition dessen, was eine Randgruppe ist und was nicht, ist natürlich immer ganz schön schwammig und total individuell. Trotz diverser Berührungsängste scheinen übrigens vor allem viele Leute, die nicht selbst zu einer Gruppe von Menschen gehören (in diesem Fall zu den Behinderten), darauf erpicht, es so hinzustellen, als würde es diese “Grüppchenbildung” nicht geben: “…aber Behinderte sind doch gar keine Randgruppe!”. Wir sollten es nicht (mehr) sein, aber wir sind es. Positive Verklärung ist nicht angebracht und ebenfalls das Gegenteil von Integration.
Unterwegs mit Behinderung
Wer als Behinderter verreist, hat’s nicht leicht. Es beginnt schon an der Wohnungstür: wer trägt die Koffer runter? Wer lädt sie ins Auto? Auf dem Weg zum Zielort kommen aber Hindernisse noch ganz anderen Kalibers auf einen Rollifahrer und Gehbehinderten zu. Nicht alle öffentlichen Verkehrsmittel sind behindertengerecht – die Wuppertaler Schwebebahn z.B. ist für Rollstuhlfahrer eigentlich nicht eigenständig besteigbar, da die Züge ca. 20 bis 25 cm über dem Erdboden hängen und dabei pendeln. Obendrein sind die Züge für Rollstühle viel zu eng. Auch haben nicht alle Schwebebahnstationen einen Aufzug, so daß es schlicht unmöglich ist, sie zu erreichen. Ähnliches wiederholt sich bei vielen Bahnhöfen der Deutschen Bahn, wo man endlose Treppen überwinden muß, um zum Bahnsteig zu gelangen.
Die bequemste Art, längere Strecken zu überwinden, ist und bleibt das Auto. Die Probleme fangen erst an, wenn man das Auto verläßt. Viele Parkplätze auf der Autobahn haben keine behindertengerechten WCs und auf den Parkplätzen, wo es sie gibt, mußten sie aufgrund der mißbräuchlichen Benutzung durch Nichtbehinderte verschlossen werden. Einen Schlüssel für diese WCs, der übrigens in ganz Deutschland paßt, bekommt man beim Club Behinderter und ihrer Freunde e.V. in Darmstadt. Ganz übel ist es – für mich unerwartet – an vielen großen Raststätten. Welchen Sinn haben Behindertentoiletten, die man nur über Treppen erreichen kann? Was soll ein Rollstuhlfahrer mit einer “Behindertentoilette”, die genauso groß ist wie die für Nichtbehinderte, nur daß sie noch einen Haltegriff an der Wand hat? Und wer kommt eigentlich auf die brilliante Idee, den Weg, der zum Behindertenklo führt, mit einer großen Truhe voller Speiseeis zuzustellen? Oftmals werden von den Architekten auch Behindertentoilette und Wickelraum zusammengelegt, eine ziemlich unpraktische Mischung, wie ich finde, denn so ist garantiert immer der Wickeltisch heruntergeklappt und vom Rollstuhl aus kriegt man ihn auch nicht wirklich wieder an der Wand fixiert. Besonders ärgerlich finde ich es auch, daß Nichtbehinderte die eine behindertengerechte Örtlichkeit, die in den meisten Fällen mehreren Toiletten für Nichtbehinderte gegenübersteht, benutzen. Darauf angesprochen, kommt eigentlich immer die Aussage: “Naja, das Behindertenklo ist immer so schön geräumig”. Stimmt. Und zwar aus sehr gutem Grund!
Ein weiteres wichtiges Thema sind Parkplätze für Behinderte. Um diese benutzen zu dürfen, braucht man einen Parkausweis für Behinderte, den man bekommt, sofern im Behindertenausweis das Kürzel “ag” (für außergewöhnlich gehbehindert) vermerkt ist. Der Ausweis ist personengebunden oder anders gesagt: wenn mein Mann ohne mich einkaufen geht, darf er ihn nicht verwenden. Er darf ihn nicht einmal dann benutzen, wenn er für mich zur Apotheke fährt, sondern wirklich nur dann, wenn ich dabei bin. Ohne diesen Parkausweis darf man auf den Behindertenparkplätzen nicht parken.
Wieviele solcher reservierten Parkplätze gibt es auf Raststätten, bei Supermärkten, in der Innenstadt, an Schnellrestaurants etc.? Oft einen, manchmal zwei und in den vielen Fällen nicht mal einen. Insofern ist es wirklich ärgerlich, wenn Leute ohne Gehbehinderung diese Plätze besetzen, weil “sie so schön nah beim Eingang sind”. Ja, das sind sie wirklich – aber ebenfalls aus sehr gutem Grund. Ich geb zu, daß ich mir früher, als ich noch gesund und munter war, darüber auch nicht viele Gedanken gemacht habe, aber wenn jeder Schritt mit großer Kraftanstrengung oder gar Schmerzen verbunden ist, bekommt selbst ein Mehr-Weg von nur 10 Metern eine andere Dimension. Wichtig finde ich auch, daß Behindertenparkplätze breiter sind als die normalen, denn wenn man mit dem Rolli zum Umsteigen neben die Tür muß, braucht man halt Platz. Ich, die ich ein paar Schritte gehen kann, brauche den Platz auch, weil ich mich nicht gut ausbalancieren kann – und wer will schon Kratzer im Lack, weil ich nicht gut aussteigen kann?
Ein besonderes Hindernis sind auch steile Bordsteine, welche sich auch leider nur zu oft direkt neben den Behindertenparkplätzen befinden. Wo ein Nichtgehbehinderter einfach einen Schritt macht, steht ein Mensch, der im Rollstuhl sitzt, wie ein Ochs vorm Berg davor. Ohne Hilfe ist so ein Hindernis nur für sehr sportliche Rollifahrer zu meistern (und zu denen gehöre ich definitiv nicht – den E-Rolli z.B. habe ich bekommen, weil meine Arme nicht kräftig genug sind, mich auf Dauer fortzubewegen). Auch an Fußgängerampeln oder Straßenecken sind solche hohen Bordsteine eine Schwierigkeit.
Nachdem diese Hindernisse auf dem Reiseweg überwunden sind, wird endlich eingecheckt. Leider gibt es keine einheitliche Kennzeichnung(spflicht) für Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen, was ihre Eignung für Behinderte angeht. So steht z.B. in den Prospekten und auf den Websites “unser Haus ist behindertengerecht”. Bei näherem Nachfragen (was man am besten vorm Buchen oder gar Anreisen tun sollte!) stellt sich dann aber in den meisten Fällen heraus, daß es Eingangsstufen gibt, daß die Zimmer zu eng sind, die Betten zu niedrig, das Bad keine behindertengerechte Ausstattung hat, der Restaurantbereich nur eine Toilette im Untergeschoß (über Treppen erreichbar) hat und andere Katastrophen. Selbst ein Teppich kann für einen Gehbehinderten ein Hindernis sein, ganz zu schweigen von Läufern, Schwellen, niedrigen Toiletten ohne Armstützen, Duschtassen mit Rand und ohne Badehocker, schlecht erreichbaren Schränken bzw. Ablagemöglichkeiten / Lichtschaltern / Rollos / Kleiderhaken / Küchengeräten / …, Wandschrägen etc.
Auch viele Ausflugsziele sind mit Behinderung schwer zu erreichen bzw. zu genießen. Museen sind in der Regel auf Rollstuhlfahrer eingerichtet. Schwieriger ist es bei vielen Theatern / Opernhäusern. Ganz übel sind meiner Erfahrung nach alte Burgen und Schlösser, denn in deren Planung waren Rollstuhlfahrer einfach nicht vorgesehen
Übrigens sind auch (öffentliche) Gebäude, die vor Mitte der 1980er gebaut wurden, oftmals nicht behindertengerecht. Ich habe die Vermutung, daß das daran liegt, daß die moderne Medizin heutzutage sehr viele Menschen mehr retten kann als noch vor 20 Jahren (mir wurde auch klar gesagt, daß ich sogar vor 10 Jahren noch an meiner Erkrankung gestorben wäre). Aus diesem Grund gibt’s einfach auch mehr Behinderte und damit eben veränderte Anforderungen an Städteplanung, Architektur etc.
Wer als Behinderter unterwegs ist oder gar verreist, muß wirklich gut planen. Am besten ist es, die Leute vor Ort direkt zu kontaktieren und nachzufragen, bevor man böse Überraschungen erlebt. Und mit ein bißchen Mithilfe und -denken unserer nichtbehinderten Mitbürger wird’s bestimmt ein schöner Urlaub
Und auf genau den freue ich mich jetzt auch, denn am Samstag fahre ich erstmal eine Woche nach Baden…