Kategorie: Leben mit Behinderung
:: EntScheidungen ::
Seit fast einem Jahr schlage ich mich nun mit einer hartnäckigen Entzündung herum. Laut Aussagen, die ich dazu im Netz gefunden habe, sollten ein paar Cortisonspritzen das alles in nur fünf, sechs Wochen richten. Warum dauert es bei mir so viele Monate?! Zu den Spritzen und Medikamenten kamen auch noch zig andere Therapien: Krankengymnastik, Massage, manuelle Therapie, Osteopathie, Homöopathie, Phytotherapie, Quark- und Kohlwickel, Reiki, schamanische Arbeit, Trauerarbeit – und nicht zu vergessen Schonung.
Mit kommt es so vor, als sei das Jahr 2010 an mir vorbeigerauscht, weil ich nur von Schmerzschub zu Schmerzschub gelebt habe, von Tablette zu Tablette, von Spritze zu Spritze. Ich habe angefangen, mich selbst zu bespitzeln (“tut es jetzt weh oder doch nicht? Tut es jetzt mehr weh als vorher?”) und zu beschneiden (kaum noch am Rechner, nicht soviel genäht,wie ich gern wollte, nicht so lange Ausflüge gemacht, wie ich gern hätte).
Durch dieses Verhalten bin ich in einen Teufelskreis gekommen, der meine Lebenslust stranguliert hat. Und die Schmerzen sind natürlich auch nicht dazu angetan, daß frau jubilierend durch den Tag tanzt.
Jetzt ist Schluß. Ende. Aus.
Die Nebenwirkungen der Tabletten haben mich in den Wahnsinn getrieben und nun habe ich sie abgesetzt. Mein Hirnstoffwechsel macht zur Zeit verdammt unlustige Dinge, aber das wird sich früher oder später einpendeln. Die Entzündung spüre ich noch immer – oder vielleicht ihre Folgen. Aber jetzt ist die Klappe gefallen. Wenn die Schmerzen je wieder so auflodern sollte, lasse ich mich operieren. Ich bin weder scharf auf einen weiteren Krankenhausaufenthalt, noch auf eine weitere Narbe oder die Zeit, die ich nicht an die Nähmaschine kann, weil ich erstmal rehabilitieren muß. Aber ich habe keinen Bock mehr, mein Leben als Jammertal zu empfinden. Wie heißt es noch? “Schmerz ist unumgänglich, Leiden optional”.
Am Wochenende waren mein Mann und ich das erste Mal seit einem Jahr im Elsass – ich hatte mich nicht getraut, so lange im Auto zu sitzen. Es war einfach wunderschön. Während wir durch die kleinen Dörfchen zockelten, mußte ich daran denken, wie schwer es ist, aus diesem Teufelskreis von Schmerz und Angst auszubrechen. Wenn Du Gesellschaft hast, wirst Du abgelenkt, aber den Teufelskreis schleppst Du ja in Dir durch die Gegend, weshalb Du nicht weglaufen kannst. Also Flucht nach vorn.
Ich habe mir jetzt einen Mehrpunkteplan aufgestellt:
- kommen die Schmerzen wieder, fliegt das entzündete Organ raus
- ich gebe dem ganzen noch so lange Zeit, wie es mir meine Verbündeten angeraten haben
- diese Zeit nutze ich für alternative Therapien
- ich orientiere mich aus meinem inneren Jammertal nach außen in hoffentliche beglückende Erfahrungen (wird wohl dadurch erleichtert werden, daß ich Ende Oktober / Anfang November mein eigenes Auto bekomme)
Wahrscheinlich hat sich vom körperlichen Standpunkt aus nichts geändert. Aber ich weiß ja, wie wichtig die seelisch-psychische Disposition ist. Wenn ich die ändere, wird mein Körper wohl nachziehen.
:: Amala goes M.D. ::
Ich bin bescheuert. Ich hätte damals Medizin studieren sollen. Dann würde das Haus, in dem ich lebe, mir gehören, und ein dickes Auto obendrein. Und dreimal im Jahr würde ich drei Wochen Urlaub All-In an den schönsten Orten der Welt machen. Ich hätte vier genervte Sprechstundenassistentinnen und pro Patient im Durchschnitt 2 Minuten (dann muß man sich auf niemanden einlassen, es bleibt komfortabel unpersönlich). 80 % aller akut auftretenden Probleme verschwinden binnen drei Wochen eh von selbst. Wenn nicht, speise ich die Leute mit Schmerzmitteln ab und delegiere die Verantwortung an Kollegen anderer Fachrichtungen weiter. Je unwahrscheinlicher, desto besser. In hartnäckigen Fällen werfe ich Antibiotika drauf oder diagnostiziere was Psychosomatisches – das klingt immer gut und trifft in vielen Fällen vermutlich sogar zu. In meiner Freizeit texte ich Wandplakate für mein Wartezimmer, sowas wie “Arztpraxen sind in ihrem Bestand hochgradig gefährdet. Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich an Ihren Landtagsabgeordneten”. Das suggeriert den Patienten direkt, daß es erstens eine Art gottgleiche Gnade ist, daß ich sie empfange, und zweitens daß ich im Grunde auch nur eine arme Sau bin, der die Hände gebunden sind.
Ja, ich bin bescheuert. Ich habe nicht Medizin studiert. Und trotzdem erkläre ich meinem Orthopäden, was er auf meinen MRT-Bildern sieht.
Zum Auswachsen, das.
:: Kranksein ::
Die Schulmedizin hält uns für Maschinen. Mein Blut tut nicht, was der Arzt gern hätte, schon bin ich krank und behandlungsbedürftig. Wie es mir aber geht – danach hat er nicht gefragt. Also stopft er mich mit Pillen voll, die bewirken, daß es mir grottenschlecht geht (und ich Dummnase nehme das Zeug auch noch, weil – wie Storl sagt – Arztworte Schicksalsworte sind…oder schwarze Magie, je nach Blickwinkel). Ich werde wieder vorstellig bei ihm, mit deutlich verschlechtertem Zustand, und er grinst und flötet “ach iwo! Nehmen Sie das Zeug einfach weiter, das pendelt sich ein!”. Von wegen! Ich habe es abgesetzt und jetzt geht es mir mit Werten, die nicht in der Norm liegen, blendend. Ich habe dazugelernt, der Arzt nicht. Der wird auch den nächsten Patienten für eine Maschine halten, die er, wenn ihre Meßwerte nicht norm-al sind, durch das Herumdrehen an Schrauben, durch das Entfernen oder Ersetzen eines defekten Teils oder durch schwarzmagische Zaubermittel behandelt.
Schockierende Erkenntnis: weiße, gesunde Männer sind die Norm. Ich werde an ihren Werten, an ihrer Verfassung, an ihrer Gesundheit gemessen. Da könnte ich ja direkt einen Apfel neben eine Tomate legen und entsetzt behaupten, der Apfel sei eine ziemlich kranke Tomate.
Schwarzmagisch-manipulativ auch die Geisteshaltung, die sich hinter dem heroischen Heiler, dem Arzt oder Gesundheitsguru verbirgt: “du wärst nicht krank, wenn du die Regeln befolgt hättest. Krankheit ist die gerechte Strafe dafür, daß Du dies und jenes falsch gemacht hast!”. Früher wurde dann mit der Bibel herumgeschwenkt, heute mit Werten und Normen. ‘Heilung’ liegt nur in der Buße und Du wirst mit Diäten, Sport, schlechtschmeckenden Mitteln und derlei ziemlich heftig büßen. Wenn Du gelobst, fortan brav zu sein, heißt das aber nicht, daß du wirklich geheilt wirst. Wenn du krank bleibst, dann ist es nur Zeit für einen neuen Guru und andere, krassere Bußen.
Unser Wunsch nach Gesundheit und Heilung wird instrumentalisiert, um uns zu manipulieren. Die Schulmedizin, ihre Vollstrecker und auch ihre Komplizen, die Pharmaindustrie, lachen sich ins Fäustchen. Wenn Flaute herr-scht, werden Modekrankheiten erfunden: früher Hysterie, heute Adipositas, böses Cholesterin, Schweinegrippe. Du hast die Symptome, wir liefern die Krankheit dazu. Irgendwas findet sich bei jedem Menschen. Komm nur ja nicht auf den Gedanken, zu hinterfragen, wodurch Krankheit und Gesundheit eigentlich definiert sind.
Ja, und dann gucke ich durch die Augen des Arztes, wenn ich seine Praxis betrete: dicke Frau im Rollstuhl. Mein Urlaub ist gesichert!
:: Rollstuhl…once more ::
Endlich hab ich seit Oktober das Gefühl, daß sich was in die richtige Richtung bewegt: ein Arzt, der mich nicht mit “schonen Sie sich, schmieren Sie ne Creme drauf und schlucken Sie n Schmerzmittel” abspeist, ein Sanitätshausmitarbeiter, der zuhört und sich kümmern will, und ne osteopathische Begleitung. So. Jetzt muß ich nur noch diesen Röntgen-CT-MRT-Neurologen-Schmerzzentrum-Kram hinter mich bringen, meiner Kasse deutlich machen, daß ich nach fünf Monaten ohne Rollstuhl eeeeeecht wieder einen brauche, mit dem ich umgehen kann (der Frühling kommt!) - und meinem Körper begreiflich machen, daß ich einfach keinen Bock auf noch mehr chronische Schmerzen bei einem Magen habe, der nix mehr verträgt.
Besonders toll fand ich, daß ich nach 6 Jahren endlich mal nen ehrlichen Weißkittel gefunden habe, der unumwunden zugab, daß er Angst hat, mich mit Standardverfahren schlecht zu behandeln, weil ich kein Standardfall bin. Schön – so allmählich bilde ich mir was drauf ein, einer der beiden weltweit dokumentierten Fälle mit diesem Mist zu sein.
Solange das dauert, wird es hier weiterhin a weng ruhig bleiben. But I am still here.
:: Richtig Scheiße… ::
…finde ich Lehrerinnen, die die Intelligenz meines Sohnes beurteilen sollen und dann – 8 Tage, nachdem sie mich im Rollstuhl gesehen und meine Behinderung wahrgenommen haben – einen Elternabend im 1. Stock ohne Aufzug abhalten. Da frag ich mich doch, wessen Intelligenz wir hier beurteilen sollten.
:: RollstuhlNot ::
Ich denk, kaum jemand, der nicht im Rolli sitzt, kann das nachvollziehen, aber mir ist grad nach Urschrei zumute.
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Der schönste E-Fix nutzt js nix, wenn frau mit dessen Joystick-Bedienelement nicht klarkommt. Und jetzt geht der inzwischen so gewohnte und nervende Marathon schon wieder los: Sanitätshaus, Gutachten, Verordnungen, brabra. Ich stell mich mal auf einen rollstuhlfreien Frühling im Hausinneren ein.
Liebe Göttin, bitte verzeih mir meinen spontanen Anfall von Raffgier, aber könntest Du bitte mal so ca. 10.000 € aus legalen Quellen zu mir fließen lassen, die nur für meinen neuen Rolli sind und nicht andernorts böse Löcher reißen? Dankeschön.
Ansonsten nehm ich zu Ostern auch gern n Paar funktionstüchtiger Beine (ruhig mit Behaarung und Cellulite, ich bin da nicht so pingelig).
:: Arztgespräch ::
Er (nach Durchsicht der Untersuchungsergebnisse): “Sie sollten nicht vergessen, Gemüse zu essen. Und Obst.”
Ich (verwirrt): “Ich bin Vegetarierin.”
Er: “Oh.”
Ich: “Hatte ich aber beim letzten Mal schon gesagt und Ihnen schriftlich gegeben.”
Er: “Ach schade.”
Ich: ???
Er: “Ja, weil Fleisch ist auch gesund.”
Ich: “Aha.”
Er: “Ja, und lassen Sie die Kohlenhydrate weg. (Seitenblick) Die machen nämlich dick.”
Ich (denke): Meint der ‘Kohlenhydrate = Zucker = dick’? Oder meint der ‘Kohlenhydrate = Kartoffeln = dick’? (denke noch mehr, in Bildern) Warndreieck, Elch, *schepper* (sage) “Okay.”
:: La Dolce Vita ::
“Was willst du eigentlich? Du kriegst deine Schuhe bezahlt, deinen teuren Elektrorolli und die Krankengymnastik. Ich muß für meine Klamotten, mein Auto und meinen Sport arbeiten gehen und das alles aus eigener Tasche bezahlen!”
Ja, wirklich unverschämt von mir, daß ich es mir auf Kosten der Kasse so unglaublich gutgehen lasse. Göttin sei dank bin ich behindert. Sonst hätte ich im Leben gar keinen Spaß.
:: How Could Anyone ::
:: Aufgeschnappt ::
- “Behinderte sind wie du und ich” – diesen Satz las ich in einem Merkblatt, das für die Schüler der Unterstufe eines Gymnasiums entworfen worden war. Sind Behinderte tatsächlich wie “du und ich”? Ich glaube nicht. Über das Anderssein hatte ich schon mal was geschrieben. Wer so tut, als seien Behinderte ganz normal, macht es Behinderten schwer. Integration ist keine Frage, die ausschließlich im Kopf beantwortet werden kann. Integration beginnt an der zu hohen Bordsteinkante. Wer glaubt, daß Behinderte normal sind, grenzt sie aus, denn Behinderte haben andere Bedürfnisse als “du und ich”. Und überhaupt, wer sollen “du und ich” eigentlich sein?
- “Behinderung ist keine Strafe Gottes” - daß es Leute gibt, denen das gesagt werden muß, und Leute, die meinen, das sagen zu müssen, empfinde ich als Strafe Gottes. Auch das ist das Gegenteil von Integration. Behinderung und Religion haben nichts miteinander zu tun. Wer meint, das eine durch das andere instrumentalisieren zu müssen, sollte mal ernsthaft über seinen Begriff von Religiosität und Spiritualität nachdenken.
- “Behinderte können nicht mit dem Göttlichen in Kontakt treten” – das ist die Kehrseite der Medaille. Inzwischen ist diese Diskussion von den mono- zu den polytheistischen und heidnischen Religionen übergeschwappt. Behinderte gelten manchen Menschen als zu kaputt, um mit den Göttern und Geistern zu kommunizieren. Als würden körperliche, geistige oder seelische Versehrtheit und subjektiv wahrgenommene Häßlichkeit diese Wesen beleidigen.
- “Behinderte brauchen Freunde” – ich denke, die braucht jeder Mensch, unberührt davon, ob er behindert ist oder nicht. Solche Sätze führen zu Mißverständnissen. Behinderte brauchen kein Mitleid, kein Mitgefühl aus falschverstandener Freundschaft. Behinderte sind keine armen Wauzis, die niemand liebhat, und die nur darauf warten, daß man ihnen seine Freundschaft anbietet.
- “Behinderte sind auch Menschen” – schön, daß wir darüber mal geredet haben.
- “wenn man Behinderte näher kennenlernt, stellt man fest, daß sie eigentlich ganz freundlich sind” – Behinderte haben keinen anderen Charakter als Nichtbehinderte. Freundlichkeit oder Unfreundlichkeit sind keine Frage von Behinderung. Verbitterung über die Behinderung, über Reaktionen auf die Behinderung etc. sind Fragen der persönlichen Wertung und der (Nicht)Integration, die nur individuell geklärt werden können.
- “Behinderte sollten ganz normale Beziehungen haben dürfen” – dankeschön.
- “ich fühle mich in meinem ästhetischen Empfinden durch behinderte und entstellte Personen gestört” – wahrscheinlich gibt es auch behinderte und entstellte Personen, die sich von solchen Aussagen gestört fühlen. Ästhetik und Schönheit sind rein subjektive Begriffe.
Die Zitate, die ich hier angeführt habe, stammen teils aus Broschüren, teils von Internetseiten / aus Foren, teils aus persönlichen Gesprächen, die ich geführt habe.
Interessant, welches Bild von Behinderung in unserem freiheitlichen, demokratischen und christlichen Staat so existiert…