Archiv: Mittwoch, 16. Mai 2012
:: Das Göttlich-Männliche ::
Bevor ich anfange, über das Göttlich-Männliche zu schreiben, muß ich direkt vorausschicken, daß das eigentlich eine Sache ist, über die ich nicht viel weiß, weil ich sie nicht wirklich oder nicht wirklich einleuchtend erfahre. Da ich aber immer mal wieder gefragt werde, wie ich zum Göttlich-Männlichen stehe, ist das hier mal der Versuch, meine Gedanken zu formulieren.
Das reine Göttlich-Männliche, wie es in den monotheistischen Religionen verehrt wird, ist nichts für mich. Dazu kriege ich keinen Zugang, weil mir ständig mein Verstand und mein Bauchgefühl dazwischenquatschen. Einen Mann als Schöpfer des All-Eins kann ich mir nicht denken. Zwar propagiert die patriarchale Wissenschaft, daß der Mann der Schöpfer sei, und macht einen unglaublichen Kult um Penisse, Samenergüsse und die vielbeschworene männliche Fruchtbarkeit, aber inzwischen wissen wir ja, daß der Anteil der männlichen Keimzelle an der Zeugung deutlich kleiner ist als bisher angenommen. Ohne das Klima und den mobilmachenden Schleim im Mutterschoß kämen die Spermien nicht in Fahrt, und neuere Erkenntnisse widerlegen den Glauben daran, daß die schnellste Spermie gewinnt – denn tatsächlich wählt die Eizelle in aller Ruhe aus, welchem Spermium sie sich öffnet. In Diskussionen wird an dieser Stelle – meist übrigens seitens von Frauen – angeführt, daß die Eizelle dennoch das Spermium benötigt, damit es zur Zellteilung kommt. Absolut. Allerdings scheint mir die Frage nach Gott / dem Göttlichen immer auch verknüpft mit der Frage nach der Urheberschaft des Lebens, und so sehr mir der Anteil des Männlichen an der Zeugung bewußt ist, so wenig habe ich je ein männliches Wesen de facto Leben schenken gesehen. Wie las ich mal in der Matriaval? “Was war am Anfang – Ei oder Huhn? Jedenfalls nicht der Hahn”. Ich glaube nicht, daß unsere steinzeitlichen Urahninnen nicht mitbekommen haben, daß sich der Bauch einer Frau zu wölben anfing, nachdem sie mit einem Mann zusammen war, aber ich denke, daß um den Akt als solchen einfach nicht so ein Gewese gemacht wurde. Ja, der Mann hatte Anteil an der Zeugung, aber das neue Leben entsprang dem Mutterschoß. Wenn Du das heute so siehst, bist Du gleich männerfeindlich.
Ganz absurd wird es, wenn es um männliche Kopfgeburten geht, wie etwa die Geburt der Athene. Ihr Vater Zeus hatte ihre Mutter Metis verschlungen, weil prophezeit worden war, daß diese eine Tochter gebären würde, die Zeus ebenbürtig sei, und einen Sohn, der ihn vernichten werde. Patriarchale Lösung: Verschlingung, Vernichtung der Mutter. Hat leider nicht hingehauen. Nach mondialen Kopfschmerzen entsprang Athene Zeus’ Kopf. Ok, das ist ein Mythos und wie wörtlich wir den nehmen dürfen, sei mal dahingestellt, aber er skizziert die patriarchale Philosophie in Bezug auf Geburt ganz gut. Zwar wird uns Frauen ja stets Penisneid angedichtet, aber welche dieser Spur folgt, wird eher zu dem Schluß kommen, daß Männer einen Gebärmutter- und Geburtsneid haben. Anführen möchte ich in dem Zusammenhang noch die rituellen Verletzungen des Penis’, um die Menstruation zu simulieren. Es ist ja gerade bezeichnend, daß Menstruationsblut das einzige Blut ist, das ohne Verletzung / Zerstörung / Manipulation fließt und diese Verletzungen zeigen sehr deutlich, daß der patriarchale Ritus ein Ritus der Umkehrung, der Pervertierung ist.
Zum patriarchalen Vaterschaftsmythos gehört dazu, daß das Männliche zwar der omni-potente Zeuger ist, sich danach aber entweder aus der Welt zurückzieht (mitunter angeekelt von der Kraft des Lebens) oder zum Lenker der Welt wird. In zweiter Position ist sein Mittel der Macht Gewalt, wie beispielsweise in der Bibel nachzulesen. Ich fand es schlicht noch nie einleuchtend, wieso ein Gott, der sein Volk ständig bedroht, bestraft, abmurkst, vertreibt, 40 Jahre durch eine der kleinsten Wüsten der Welt jagt und am Ende seinen Sohn ans Kreuz nageln läßt, als “gütiger Vater” betrachtet wird. Was’n daran gütig? Den Teil mit dem Vater verstehe ich durchaus, denn das, was der Wüstengott tut, ist das, was von jedem patriarchalen Vater mehr oder minder erwartet wird / erwartet werden kann. Tanzt Du nach seiner Pfeife, bist Du brav, dann belohnt er Dich mit seiner Liebe. Denkst Du selbst oder muckst auf, kriegst Du seinen Zorn zu spüren. Für mich ist das das klare Gegenteil der müttlichen Liebe. Eine Mutter liebt ihre Kinder immer, selbst wenn sie ihr to-tal auf den Keks gehen. Doch obwohl Männer / Väter ihre Liebe nur zu oft an Bedingungen knüpfen und im übrigen meist keine besondere Lust auf die Erziehungsarbeit haben, sind sie es, die die Inhalte der Erziehung diktieren wollen. Wie oft habe ich meinem Sohn schon gesagt, daß ich ihm zwar glaube, daß er keine Lust auf Schule hat, aber daß er seine Hausaufgaben trotzdem machen und trotzdem im Unterricht aufpassen muß? Dieses lust-lose Müssen, das unser Leben allumfänglich durchdringt, ist meiner Ansicht nach ein Symptom des Patriarchats. In allen patriarchalen Religionen schlägt sich dieser Kontrollzwang in dezidierten Verhaltens-, Kult-, Reinheits-, Speise- und Gesellschaftsregularien nieder (vgl. z.B. 3 Mos oder Koran Sure 4). Daß Lust ein ganz entscheidender Faktor in Bezug auf das ganze Leben, das ganze Sein ist, wird ausgeblendet. Es ist bezeichnend, daß Lust in der patriarchalen Denkweise auf sexuelle Gier reduziert wird, die freilich etwas Unreines, Unheiliges ist, das kontrolliert oder – vor allem bei Frauen (weibliche Beschneidung, Gebärmutteramputationen) – ausgemerzt werden muß. Diejenigen, die der Lust am Sein frönen, wurden schon immer mißtrauisch beäugt, diskriminiert, verfolgt. Glaubst Du nicht? Dann setz Dich als dicke, ausufernde Frau mal in ein Eiscafé und laß Dir den größten, üppigsten Eisbecher bringen, den die Karte bietet. Es dauert nicht einmal, bis der Eisbecher bei Dir am Tisch ist, schon geht das Gemunkel los. Diese fette Sau sollte lieber ein paar Möhrchen knabbern und Verzicht üben! Widerlich ist das! Die kriegt vermutlich eh keinen ab! Was wir an Stelle von Lust gesetzt haben, ist der Spaß. Spaß ist kurzweilig, dringt nicht tief und ist auch nicht besonders philosophisch. Welche Spaß hat, wird von den eigentlichen Fragen abgelenkt. Anders die Lust. Sie führt uns mitten hinein in die wichtigen Fragen, in die essentiellen Erfahrungen des Lebens. Alles, was essentiell ist, macht Lust: Essen, Pinkeln, Atmen, Sex etc. Indem diese Dinge mit einem Regelwerk erschlagen werden, wird ihnen die Lust ausgesaugt.
Wie ist das mit dem Göttlich-Männlichen in polytheistischen Religionen? Was mich persönlich betrifft, sieht’s da auch nicht besser aus. Die polytheistischen Religionen, die wir heute normalerweise so kennen, sind – nun ja – patriarchal. Zwar räumen sie dem Göttlich-Weiblichen durchaus einen Platz ein, beharren aber auf einer zutiefst patriarchalen Sicht des Göttlich-Männlichen. Der wilde Gott, der durch die Wälder streift und mit seinem Riesenpenis die Natur (“die Göttin”) befruchtet, die natürlich willig ist, weil es so zu sein hat. Schnarch! In vielen polytheistischen Religionen haben die Götter Fähigkeiten und Fertigkeiten von Göttinnen erhalten, gelernt oder geklaut. Während der Göttinnenweg für mich immer der Weg der Eigenmacht ist, scheint der Götterweg Macht immer nur in Relation zu anderen zu kennen, sei es als Abhängigkeit von einer Göttin, sei es als Wettkampf, sei es als patriarchale Macht-Ausübung über Dritte. Wo sind die eigen-mächtigen männlichen Götter?
Im Neuheidentum (vor allem im Wicca) wird betont, das Göttlich-Weibliche und das Göttlich-Männliche seien gleichberechtigt, gleichmächtig, und es brauche beide Teile, um zur vollen Wirksamkeit zu gelangen bzw. um das Ganze auszubalancieren. Die Grundidee ist nicht schlecht, mir kommt sie nur immer wie ein fauler Kompromiß vor, so nach dem Motto “sechstausend Jahre lang wurde das Weibliche unterdrückt und jetzt isses immerhin mal gleichberechtigt, hurra!”. Freilich nur im geschützten rituellen Rahmen – bei allem, was darüber hinausgeht, steht dann die Hohepriesterin in der Küche, während der ihr an die Seite gestellte Hohepriester mit den Gästen im Wohnzimmer ratscht. “Sie kann das mit dem Kochen einfach besser als ich”. Ah, hm. Gleichberechtigt, sagst Du?
Für mich besteht das eigentliche Problem darin, daß wir so sehr auf eine patriarchal-androzentrische Sicht der Dinge gedrillt sind, daß wir fast nicht fähig sind, sie aus einem gynozentrischen Blickwinkel zu betrachten. Kannst Du Dir eine Göttin denken, die einfach aus sich heraus existiert, völlig unabhängig von einem männlichen “Gegenpol”, von dessen Bewertung, Fürsorge, Gesetz? Ich kann sie mir inzwischen denken. Und wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich sie inmitten ihrer Schöpfung sitzen, summend, selbstgenügsam. Selbstzufrieden. Gott-los.
