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:: Bewußt leben ::

Wessen bewußt will ich leben? Wessen will ich mir bewußt sein? Ich werfe ein paar Fäden aus und folge ihnen, wohin sie mich auch führen mögen.

Mein Körper. Eigentlich sollte ich mir seiner bewußt sein, denn er ist mein Haus, Tempel meiner Seele, meines Geistes. Womöglich kann meine Seele auch ohne Körper existieren, aber solange ich einen stofflichen Leib habe, habe ich beschlossen, mich um ihn zu kümmern. Und das tu ich durch verschiedene Dinge: Nahrung, Wasser, Sonne, Bewegung, Frischluft. Manchmal braucht mein Körper Dinge, die darüber hinausgehen. Es gibt Heißhungerphasen, die ich als Aufforderung verstehe, bestimmte Nährstoffe zuzuführen. So kann Lust auf Chips einfach darauf hindeuten, daß mir Fett und Salz fehlen, welche ich mit einer Avocadocreme, in die ich Algen gebe, genauso gut – vielleicht noch besser – erreichen kann. Es gibt Phasen, in denen ich an die Grenzen meiner Möglichkeiten, mir selbst zu helfen, stoße, und in denen ich mich den Schwarzmagiern unserer westlichen Zivilisation zuwenden muß, den Schulmedizinern. Daß ich einen guten Draht zu meinem Körper haben könnte, halten sie in den meisten Fällen für schier unmöglich. Ihnen würde es mehr nutzen, wenn ich kein Bewußtsein für mich und meine Bedürfnisse hätte, denn dann wäre ich leichter zu beeinflussen, leichter medikamentierbar und damit ihnen und der Pharmaindustrie hörig. So bin ich mir aber dessen bewußt, daß ein Riesengeschäft dahintersteckt, eine monströse Industrie, der es nur recht wäre, wenn ich mehr von ihren Produkten in mich reinstopfen würde. Das ist auch eine Form von Körperbewußtsein.

In unserer Gesellschaft wird unser Blick oft von uns selbst abgelenkt. Zwar wird uns vorgespiegelt, daß wir ein gutes Körper- und damit auch ein gutes Selbst(wert)gefühl anstreben sollten, aber es wird meist im selben Atemzug darauf hingewiesen, daß wir dazu bestimmte Produkte (vor allem Bio-Produkte), bestimmte Gurus (auch Fernsehstars, Köche, Sängerinnen, …. sind Gurus), bestimmte Einstellungen (“heute gönne ich mir mal was” – klar, wo wir in Westeuropa die Vorreiterinnen in puncto Minimalismus und Bescheidenheit sind), bestimmte Accessoires brauchen. Die Liste ist endlos. Vorm eigenen Selbst(wert)gefühl steht also eine endlose Reihe aus Pflichtübungen / Pflichtkäufen, die im Grunde nichts anderes als Ablenkungsmanöver sind. Ritual des Patriarchats: erhebe etwas als anzustrebendes Ziel und lenke dann davon ab, damit die Menschen sich im Hundertsten und Tausendsten verrennen. Wie erreiche ich ein gutes Körpergefühl? Indem ich aufhöre, Input in ihn reinzuzwingen und Output zu produzieren. Indem ich also einfach mal die Klappe halte, physisch und im übertragenen Sinn das Geschwafel im Kopf, und zuhöre. In mich reinhöre. Warum funktioniert angestrengtes Meditieren nicht? Weil es angestrengt ist. Welche zuhören will, braucht eigentlich nichts weiter als die Bereitschaft dazu. Ich höre also in mich rein. In meinen Ohren wummert ganz leise mein Herzschlag. Mein Magen gluckst – prompt denke ich an den köstlichen Apfel, den ich später essen werde, korrigiere mich aber wieder auf’s Zuhören. Im Nacken knarzt ein Muskel, der es nicht gewohnt ist, still zu sitzen. Wenig später knarzt mein Knie, weil es den Schneidersitz nicht so erleuchtend findet wie ich. Dann auf einmal Stille. Kein Geräusch. Ich stelle mir vor, daß ich mich auf die Größe eines Reiskorns schrumpfe und auf meiner Zunge stehe. Was seh ich da, wenn ich meine kleine Stirnlampe anschalte? Die Zähne, die Zunge, na klar. Den Gaumen. Zahnfleisch. Ich schaue mich gut um und höre in meinen Mund rein. Macht er spezifische Geräusche? Ja, da! Das Schlucken von Speichel. Das Reiben der Geschmackspapillen auf meinem Zahnschmelz. Wenn ich genug gelauscht und geschaut habe, wandere ich weiter. Ich stelle mir vor, ich schlucke mich als Reiskorn runter. Die Speiseröhre transportiert mich langsam weiter. Ich schalte meine Röntgenbrille ein und schaue durch ihre Wände zum Kehlkopf, den Stimmbändern, zur Luftröhre, zu den Schlagadern. Und ich lausche. Irgendwann lande ich im Magen. Wie ist es hier? Was sagt er? Wie fühlt er sich an? Uh, ja, zuviel Tabasco schon zum Frühstück ist nicht gut – ist für später notiert. Mit der Röntgenbrille gucke ich rüber zu Leber, Gallenblase, Milz und den anderen Organen, von denen ich dunkel weiß, daß sie da sind und für die Verdauung zuständig sind. Und zur Wirbelsäule. Falls es mich dahin zieht, wandere ich einfach rüber, ich bin ja beweglich. Irgendwann bin ich im Darm, durchwandere ihn und switche rüber zu Harnblase, Eierstöcken und Gebärmutter. Die Gebärmutter lädt mich wieder zum Verweilen ein, also bleibe ich, lausche, fühle, nehme wahr, nehme auf. Dann geht es weiter, wenn ich noch Lust habe, in die Arme bis in die Fingerspitzen und in die Beine bis zu den Zehenspitzen. Irgendwann habe ich genug, das merke ich einfach. Also flutsche ich aus mir raus, hexe mich groß und sitze immer noch im Schneidersitz auf dem Bett. Ein Blick auf die Uhr offenbart, daß ich faszinierenderweise fast eine halbe Stunde lang meditiert und aktiv was für mein Körpergefühl, für mein Körperbewußtsein gemacht habe (und auch was gelernt habe: die Sache mit dem Tabasco). Ich kann mich nicht zum Nichtsdenken zwingen, und das will ich auch nicht. Entweder es passiert oder eben nicht – mich nervt es total, wenn Meditieren als Nichtsdenken mißverstanden wird. Das ist es nicht, nur in bestimmten Formen.

Meine Seele. Durch ein Bewußtsein für meinen Körper bekomme ich auch ein Bewußtsein für meine Seele – und genauso umgekehrt. Im Patriarchat bedingt das eine das andere nicht notwendigerweise; es gibt ja genug Menschen, die bis zur Ohnmacht Sport und Fitness betreiben, während ihre Seele verkümmert. Oder die EsoSchwaflerinnen, die so auf ihre Spiritualität fixiert sind, daß sie Magengeschwüre einfach wegzuatmen versuchen, anstatt auf ihren Körper zu lauschen, der sagt, daß er eigentlich nur keine Lust hat, ständig XY verdauen zu müssen. Mich fasziniert die Osteopathie, die davon ausgeht, daß jede seelische Regung auch eine körperliche zur Folge hat (und umgekehrt). Denke ich an schöne Dinge, entspannt sich mein Körper, die Energie fließt. Wende ich mich Dingen zu, die mich stressen, blockt der Körper sofort ab und verkrampft. Kontakt zu meiner Seele bekomme ich auch durch’s Zuhören und Hineinspüren. Welche Dinge erfreuen mich, sorgen dafür, daß ich mich schnurrwohlfühle? Welche Farben, Klänge, Formen, Düfte sprechen mich an? Gibt es Themen, in denen ich aufgehe, die mich begeistern, inspirieren? Bin ich bei all der massenmedialen Übersättigung durch Geräusche, Bilder und Glaubenssätze überhaupt noch fähig, wahrzunehmen, was wirklich MICH begeistert oder renne ich bloß Trends hinterher? Kann ich die kleinen Schönheiten sehen, die Frau Göttin auf meinen Weg streut, und bin ich willens, anzunehmen, das alles sei bloß für mich, bloß zu meiner Freude geschaffen worden? Das klingt ziemlich egoman, aber wenn ich das denke, dann werde ich zum Mittelpunkt meiner Welt, meiner Wahrnehmung. Mich schneidet das nicht von der Fähigkeit ab, meine Welt mit anderen liebevoll zu teilen bzw. meine Wahrnehmung auch auf andere zu richten, aber es nimmt mich aus der ständigen Fremdbewertung heraus (ganz schlimm: das gesellschaftlich-monotheistisch kolportierte Gefühl, nicht wert, nicht gut genug zu sein; Dinge nicht zu verdienen – was’n Schmarrn!). Meine Seele jubiliert, wenn die Amseln abends singen, und ihre Freude wird noch größer, wenn ein Mensch, der neben mir steht, auch daran Freude hat. Daß Freude, daß Glück etwas Begrenztes ist, ist ein Glaubenssatz, der uns klein hält und dazu führt, daß wir eifersüchtig über jeden guten Moment wachen. Bloß nicht die guten Datteln teilen, wer weiß, wann ich wieder welche bekomme. Bloß niemandem etwas Wertvolles schenken, das Geld könnte ja später mal fehlen. Bloß immer darauf achten, Gleiches mit Gleichem zu vergelten (auch bei Geschenken und Täuschen). Dieses Festhalten und Verkrampfen macht unfrei und wenn die Seele unfrei ist, kommen Momente voll Lust, Glück und Schönheit ungern zustande.

Mein Geist. Eng mit Körper und Seele verknüpft, ist mein Geist vermutlich das, was am meisten manipuliert wird. Die Werbung quakt mir vor, was ich angeblich brauche, mein Arzt weiß angeblich, was mir fehlt, mein Guru sagt, wie ich zur Erleuchtung gelange, und alles in allem wäre mein Geist wohl nur noch damit beschäftigt, all diesen Rat-Schlägen, Einflüsterungen und Manipulationen zu dienen, wenn ich nicht den Notausgang entdeckt hätte: ich stelle einfach alles in Frage. Klingt nicht so entspannt. Ist es auch erstmal nicht. Aber je öfter und radikaler (= von der Wurzel her) ich in Frage stelle, desto klarer formt sich ein Bild davon aus, was ich meine eigene Realität, meine eigene Wahrheit nenne. Ich nehme mal ein gernzitiertes Beispiel: die Geschichtsschreibung. In der Schule habe ich gelernt, daß wir Menschen irgendwann mal Affen waren, dann Höhlenbewohner, dann kamen die Pharaonen, die Kelten, die Römer und recht bald Kaiser Wilhelm und wenig später das Dritte Reich. Ende der Geschichtsstunde. Daß das übler Mindfuck ist, ging mir leider erst sehr viel später auf, als ich es wagte, diesen Lehrsatz in Frage zu stellen. Von den matriarchalen Hochkulturen habe ich nur erfahren, weil ich nicht mehr daran glauben konnte, daß es immer so gewesen sein soll wie es heute ist. Und siehe da, es gab und gibt jede Menge anderer Gesellschaftkonzepte als das Unsrige. Das Patriarchat märzt jedoch aus, was ihm nicht dienlich ist, und so fand z.B. Catal Hüyük niemals Eingang in Schulgeschichtsbücher. Unsere Geschichtsschreibung ist – wie Mary Daly sagt – HisStory, seine Geschichte. Für Frauen ist es wichtig, HerStory, ihre Geschichte zu finden, auch zu erfinden, zu gestalten. Feministische Forscherinnen, Historikerinnen etc. werden ja gern im Sinne des Systems “widerlegt” oder als Spinnerinnen abgetan – das gehört zum patriarchalen Ritual der Mundtotmachung und der Einschleifung auf patriarchale Glaubenssätze. Für uns Frauen ist es dabei so spannend, all die Dinge, die uns als “normal” oder noch diabolischer: als “natürlich” verkauft werden, in Frage zu stellen und sie von ihren Sockeln runterzuholen. Ich erlaube meinem Geist, zu driften, zu spielen, zu kritisieren, zu erforschen, zu fragen. Ich werde mir seiner dadurch bewußt. Ich benutze ihn, aktiviere ihn – auch gegen Widerstände an.

Ich atme ein und atme aus. Jetzt gibt es Tee. Auch eine Meditation.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Donnerstag, 23. Februar 2012 und wurde abgelegt unter "Gynozentrisches, SchaMagisches". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

6 Kommentare

  1. Monster:

    Ich wünschte, es gäbe mehr Menschen wie Dich. Danke dafür. :)

  2. Nenya:

    Hey Amala,

    schöner Text, auch wenn ich nicht alles teile finde ich ihn sehr gut zu lesen!
    Bei einem Punkt möchte ich aber deutlich widersprechen, vielleciht ist es bei dir anders aber ich habe schon von vielen gehört und merke es auch bei mir selber, das es durchaus positiven Stress gibt, also Entspannung ist nicht nur gut und Stress ist nicht nur schlecht. Ich kann beides so gestalten das es mir gut tut oder schadet.
    Bei mir kann Stress sogar Glücksgefühle und Adrenalin freisetzen und sonstige Stoffe die ich als angenehm empfinde, natürlich kann man auch hier nach süchtig werden aber ich finde in Dosen diverse (körpereigene) Drogen ein netter Gimmick.

    Lieben Gruß,
    Nenya

  3. Amala Krähenfeder:

    monster, ich danke dir – das ist echt lieb :D

    nenya, in dem kontext habe ich natürlich negativen streß gemeint. positivem streß bin ich nicht abgeneigt :) sport ist ja z.b. so ein positiver streß, der letztlich guttut.

  4. Carda:

    danke, einfach danke :)

  5. zauberweib:

    Danke für diesen Artikel.. du berührst damit grad meine Seele :)

  6. Katharina:

    Ein Text, der mich sehr anspricht. Es tut oft so gut, einmal richtig anzuhalten und nachzuschauen, was man selbst in sich findet. Auch wenn es, wie ich finde, so unendlich viel guten “Input” gibt (und auch viel negativen, wie du schreibst), der aus der Welt auf einen einströmt, zählt doch letztlich, wie es mir selbst damit geht. Alles Liebe!

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