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Archiv: Februar 2011

:: Feminismus, heiliger Zorn und die armen Männer ::

Schon vor über einem Jahr hatte ich mal einen Artikel über matriarchale Männer bzw. Männer aus weiblich-feministisch-matriarchaler Sicht angefangen, ihn dann aber nie vollendet. Vorrangig, weil es mir damals wie heute mondial auf den Keks geht, als Feministin als Männerhasserin hingestellt – ich möchte sogar sagen: verleumdet – zu werden. Ich bekomme es bestimmt nicht immer vorzeigetauglich hin, aber in der Regel bemühe ich mich zumindest, weiblichen und männlichen Menschen aufgeschlossen zu begegnen und sie nicht auf Grund ihrer Genderzugehörigkeit oder ihres -verständnisses in Schubladen zu packen oder zu verurteilen. Das mache ich erst, wenn ich mir ihre Statements angehört habe *hrhr* Nein, Scherz beiseite. Ihr wißt, was ich meine.

Bei Seamera fand ich heute einen tollen Artikel, den ich gern kommentiert hätte, was aber aus irgendwelchen technischen Gründen nicht ging. Jedenfalls stupste sie mich damit an, doch endlich mal was über das Thema zu schreiben.

Feministische Themen sind oft emotional besetzt, das wurde mir auch mal wieder in den letzten Tagen klar, als ich bei Grey Owl mitlas. Sie nannte es “heiligen Zorn”, was sich da gerade Bahn bricht. Ich kenne diesen Zorn. Als er in mein Leben krachte, fing ich Feuer und brannte erstmal eine Weile lichterloh. Rückblickend halte ich diesen Zorn für total wertvoll und wichtig. Er wirkte und wirkt noch immer reinigend auf mich und er hilft mir, mich auf bestimmte Themen und Argumente zu fokussieren. Allerdings hat auch der heilige Zorn, wenn er einfach fröhlich vor sich hinbrennt, eine zerstörerische Komponente. Brennen ja, ausbrennen / abbrennen nein – so meine Entscheidung. Ich kann mich immer noch an feministischen Themen entzünden, aber ich kenne inzwischen die Grenze meiner emotionalen, geistigen und auch körperlichen Belastbarkeit. Für mich macht es keinen Sinn, einen Herzinfarkt zu riskieren, weil mich z.B. ufer- und ergebnislose Forendebatten aufreiben. Wichtige Erkenntnis: ein Gespräch führen kann ich mit jeder, eine echte Diskussion nicht. Muß auch nicht.

Zorn war für mich immer ein negativ besetztes Gefühl, von Haus aus. Mädchen und Frauen hatten lieb, freundlich und fleißig zu sein – da war für Zorn einfach kein Platz. “So kriegst du nie einen Mann ab”, hieß es, wenn ich nicht in das Schema paßte. Als wäre das das oberste Ziel gewesen…! Diese gesellschaftlichen, erzieherischen Prägungen erstmal zu erkennen und dann stückchenweise aufzulösen, ist harte Arbeit. Und manchmal tut es einfach weh. Bei mir führte das ewige Runterschlucken von Zorn dazu, daß ich eine heftige Autoimmunerkrankung entwickelte. Heute fasse ich mir an den Kopf, wenn ich Revue passieren lasse, was ich alles getan und wie sehr ich mich verbogen habe, um nicht zu explodieren. Als es dann soweit war, empfand ich neben Zorn (endlich!) auch Erleichterung und Angst. Ich entdeckte Seiten an mir, die ich durch die Unterdrückung gar nicht kannte. Das veränderte mein Gefühl für mich und es nahm Einfluß auf meine Beziehungen. Mir ging auf, daß ich mit Zorn leben kann und will, sofern er nicht zu Haß mutiert. Natürlich ist das jetzt wieder so eine Frage der Definition, die wohl für jede anders lautet. Für mich steckt im Zorn die Chance, Tabula Rasa zu machen, und aus der Asche etwas Neues wachsen zu lassen. Haß empfinde ich als komplett ins Leere gerichtet.

Die Entdeckung des Zorns zog Kreise. Das fing mit der kritischen Auseinandersetzung mit allerlei Literatur / Websites zum Thema Feminismus / Matriarchat an und erfaßte bald schlichtweg alle Lebensbereiche, um nur mal Konsum, Ernährung, Kindererziehung, Hobby, Sprache, Musik und Arbeit beispielhaft anzuführen. Und natürlich hatte es auch Einfluß auf die Beziehungen zu meinen Männern. Meine Beschäftigung mit frauenrelevanten (und damit letztlich natürlich auch männer- bzw. gesellschaftsrelevanten) Themen machte es erforderlich, daß sie sich ebenfalls damit auseinandersetzten. Es wurde also viel diskutiert.

Dabei ging mir auf, daß Männer nicht zwangsweise das toll finden, was das Patriarchat ihnen vorsetzt. Umgekehrt gibt es Frauen, die das Patriarchat tragen und es gutheißen. Verzwickt. Auch gab es mal wieder sprachliche Barrieren zu überwinden. Patriarchat und Matriarchat klingen halt so ähnlich, daß sie ja wohl auch so ziemlich dasselbe sein müssen, oder? Nur eben, daß im Patriarchat die Männer die Bösen sind und im Matriarchat die Frauen. Die Matriarchatsforschung kennt dieses Problem natürlich, und es wurde nach anderen Begrifflichkeiten gesucht. Claudia von Werlhof schließlich war es, die sinngemäß schrieb, sie sei dafür, die Begriffe genauso stehen zu lassen – zum Dranreiben. Finde ich gut.

Nicht gut finde ich, daß sich in einigen Köpfen hartnäckig hält, daß Matriarchate nur umgedrehte Patriarchate seien – das ist dann eben was für mich zum Dranreiben. Inzwischen gibt es ja viele Publikationen zu diesem Thema und aufklärungswilligen Köpfen empfehle ich z.B. mal dieses Buch von Irene Fleiss. Steif und fest bei einem obsoleten Argument zu verharren, ist halt keine Gesprächsführung. Lustig finde ich auch die Wortschöpfung “Neutrarchat”, mit der wohl gesagt werden soll, daß niemand (oder alle?) die Macht haben. Erstens ist die Sache mit der Macht-über wieder patriarchal und zweitens bin ich kein Neutrum, sondern eine Frau. Kompliziert!

An dieser Stelle das Leben in matriarchalen Gesellschaften zu skizzieren, ist schlichtweg unmöglich. Lest das o.g. Buch, da steht alles drin. Jedenfalls beschreibt es sehr anschaulich, inwiefern Männer Teil der Matriarchate waren / sind / sein könnten: integriert und nicht Mittelpunkt. Das ist der Knackpunkt.

Und das ist auch der Knackpunkt bei der Beschäftigung mit Feminismus und dem Spüren des heiligen Zorns. Ziel des Feminismus’ kann es meiner Meinung nach nicht sein, daß wir Frauen uns jetzt die Köpfe darüber zerbrechen, ob wir eventuell männlichen Menschen auf die Zehen treten, indem wir frauenrelevante Themen auf den Tisch bringen. Da müssen die Männer schon selbst aktiv werden, sich informieren, eigene Überlegungen anstellen, diskutieren und dann den Dialog suchen. Ich habe in puncto Feminismus und Gynozentrisches einiges nachzuholen und bin schlicht nicht dazu bereit, Männer an die Hand zu nehmen und ihnen erstmal ein gemütliches Plätzchen einzurichten, bevor ich mich dann vielleicht mal wieder mir selbst widme. So lief das doch lang genug. Inzwischen gibt es ja auch viele Männer, die die Illusionen und die Nekrophilie des Patriarchats durchschauen, hinterfragen, ablehnen und stattdessen nach Alternativen suchen. Finde ich super! Nur auf diese Weise – indem Frauen und Männer sich getrennt voneinander auf den Weg machen, aber den Dialog halten – kommen wir konstruktiv weiter.

Also Schluß mit dem Gewinsel von der Männerfeindlichkeit feministisch-matriarchaler Frauen. Get it on!

Amala Krähenfeder, 16.02.2011, 16:08 | Abgelegt unter: Gynozentrisches | RSS 2.0 | TB | 7 Kommentare

:: Pferdchen ::

Das Erste, was ich mit dem genialen Knieantrieb genäht habe, war direkt eine Herausforderung, denn die einzelnen Applikationsteile waren ganz schön klein.

Ich bin zufrieden. Das Pferdchen auch.

Vorlage von Kajsa Wikman.

Amala Krähenfeder, 16.02.2011, 13:47 | Abgelegt unter: Zaubergarn & Sticheleien | RSS 2.0 | TB | 2 Kommentare

:: KnieAntrieb ::

Seit Anfang des Jahres schlage ich mich – wie schon oft beklagt und beweint – mit einer Fußentzündung herum. Natürlich hat’s den rechten, also den Nähmaschinenfuß erwischt, sonst hätte es ja auch keinen Spaß gemacht. Mit links kann ich das Fußpedal meiner Nähmaschine jedoch nicht bedienen, da der Fuß versteift ist und ich ihn nicht reguliert bewegen kann.

Nach einer Recherche im Netz stieß ich auf einen Menschen, der alternative Antriebe für Nähmaschinen baut und wandte mich hoffnungsvoll an ihn – mit dem Ergebnis, daß ich fast nen Schlag bekommen hätte, als er mir seine Preise nannte. Klar, der Markt für alternative Antriebe ist nicht groß, aber ich habe jetzt nicht das Bedürfnis, jemandem seinen nächsten Urlaub zu finanzieren (es sei denn, diese jemandin bin ich selbst).

Da war also Eigeninitiative gefragt. Mein Mann baute mir zunächst einen Handantrieb, bestehend aus einem kleinen Bedienteil mit Taster und einem Potentiometer zum separaten Einstellen der Nähgeschwindigkeit. Diesen Antrieb sollte ich während des Nähens mit dem Mittelfinger der linken Hand festhalten und bedienen, was dank eines sehr leichtgängigen Tasters auch funktioniert hätte, wenn mir das Kabel nicht dauernd im Weg gewesen wäre. Ich mache Patchwork, wo die Stoffteile ja eher klein sind und wo minimale Ungenauigkeiten durchaus Scheiße aussehen können. Ich glaube, in der Klamottenschneiderei hätte es durchaus funktioniert. Jedenfalls stand bald fest, daß es so nicht tut.

So kamen wir auf die Idee eines Knieantriebs. Da ich kaum Kraft habe, konnte dieser Antrieb nicht durch eine Auswärtsbewegung des Beins gesteuert werden. Es blieb nur die Möglichkeit, den Taster durch eine nach innen gerichtete Bewegung auszulösen. Um den Taster an der richtigen Stelle zu fixieren, hat mein Mann ihn nun mit Klettband am Ende eines Schwanenhalses platziert. Der Schwanenhals selbst ist am Tisch festgeschraubt und zusätzlich mit etwas Paketschnur fixiert (sieht abenteuerlich aus, ist aber ganz stabil). Und jetzt funktioniert es :D :D :D

Am rechten Bildrand sieht frau auch noch das Potentiometer.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist der ca. 5 cm breite Abstand zwischen Maschine und Tischkante (ausgelöst durch die Schwanenhalsbefestigung), wodurch ich ein bißchen buckliger sitzen muß als ich es sonst tun würde, aber die Bedienung ist schnell erlernt und absolut präzise, auf den Stich genau.

Haha! I am back with you! :D

Amala Krähenfeder, 13.02.2011, 14:44 | Abgelegt unter: Behinderung,Zaubergarn & Sticheleien | RSS 2.0 | TB | 12 Kommentare

:: Wanderpaket 1 ::

Wieder einmal war das Wanderpaket 1 bei mir zu Besuch. Ausgesucht habe ich mir die folgenden schönen Sachen:

  • Keramikschale und -seifenschale von ArteP
  • Knöpfe von Dira
  • Seife von Seabiscuit

Vielen Dank :D

Aufgefüllt habe ich das Paket mit einem kleinen Utensilo, mit dem Applikissen von hier und mit Gewürzen und Tees.

Amala Krähenfeder, 13.02.2011, 14:25 | Abgelegt unter: Täusche | RSS 2.0 | TB | 4 Kommentare

:: Vergebung ::

Das ist eins der Worte, an denen ich mich stoße. Ich hab’s zu oft im christlichen Kontext gehört. Die Sache mit der Erbsünde und der Grundschlechtigkeit des Menschen halte ich für eine hundsgemeine Repressalie, um uns klein, unmündig und abhängig zu halten.

Es fällt mir schwer, den Begriff losgelöst von diesem Kontext zu erfassen, zu erfühlen und zu verstehen. Wenn ich Vergebung im zwischenmenschlichen Bereich bezeichnen will, spreche ich eher von Entschuldigen oder Verzeihen. Vergebung klingt mir zu arg nach Vergeblichkeit. Sich was vergeben.

Heute jedoch erbat ein Mensch von mir Vergebung für Ausraster und gemeine Dinge, die im Zorn gesagt wurden. Ich hätte erwartet, daß mich das gefühlsmäßig Richtung Erleichterung katapultiert. Tat es aber nicht. Ich fühle mich im Gegenteil bedröppelt – oder sogar tieftraurig. Ich weiß, wie schwer es meiner Gegenüberfrau gefallen sein muß, um Vergebung zu bitten. Sie gibt damit das Heft aus der Hand und legt es in meine. Ich will damit gut umgehen. Sobald die Traurigkeit weicht.

Ich versteh nicht, wieso ich mich gerade so fühle.

Amala Krähenfeder, 09.02.2011, 15:23 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 3 Kommentare

:: About Not Being Friends ::

[Anfang der Neunziger bekam wir Schülerinnen in der 8. bzw. 9. Klasse eine ganze Unterrichtseinheit zum Thema "Vermeidung von Anglizismen" vorgekaut, die darauf abzielte, uns davon abzuhalten, unseren Sprachgebrauch mit englischen Begriffen vollzustopfen. Hauptargument war, daß eben nicht alle Deutschen Englisch verstehen und wir deshalb von vorneherein einen (Groß?)Teil unserer potentiellen Leserinnen / Zuhörerinnen nicht erreichen. Diese Konditionierung finde ich noch heute in meiner Denke wieder, wobei ich mich ständig frage, wieso ich auf diejenigen Rücksicht nehmen soll, die nicht (so gut) Englisch sprechen - mein Blog ist MY FUCKING SPACE und hier kann ich machen, was ich will. Und ich finde viele englische Formulierungen viel eleganter und zutreffender als sie auf Deutsch wären. Und ich spreche Englisch. Und ich mag Englisch. So what?]

Hach ja, jetzt könnte ich mich an diesem Thema festbeißen, aber eigentlich wollte ich was ganz anderes schreiben. About not being friends.

Vielleicht erinnert sich die eine oder andere Leserin noch daran, daß ich die Hoffnung hegte, hier in meiner neuen Heimat eine Freundin zu finden. Vielleicht sogar eine beste, welche ich zuletzt in der 10. Klasse hatte.

Ich lebe jetzt fast zwei Jahre hier und habe keine nennenswerten sozialen Kontakte geknüpft. Im Gegenteil, ich habe sogar noch mehr Kontakte verloren oder aktiv gekappt. Bis neulich stürzte mich das irgendwie in Verzweiflung, weil ich mich eigentlich für eine ganz verträgliche Menschin halte und es schon toll fände, mal eine Freundin zum Klönen zu haben, zum Teetrinken oder was frau eben so teilt.

Vielleicht bin ich nicht für Freundschaften gemacht. Ich schaffe es, lose Kontakte zu pflegen und aufrechtzuerhalten, aber sobald es näher wird, packen entweder ich oder meine Gegenüberfrau es nicht. Aus welchen Gründen auch immer.

Und auf einmal löste sich ein Knoten in mir, ohne daß ich wüßte, was diese Lösung angeschubst hat. Jetzt trage ich ein fröhliches, wohlwollendes “dann eben nicht” in meinem Herzen. Das tut gut.

Amala Krähenfeder, 06.02.2011, 16:19 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 11 Kommentare

:: Was wurde aus…? ::

…der Sammlung sakraler Texte? Ich habe von genau einer Frau etwas für  die Sammlung bekommen und erkläre das Projekt leider für gescheitert. Vielleicht war’s auch nicht der richtige Zeitpunkt. Ich sammle einfach privat weiter. Unter Umständen wird daraus eines Tages mal ein PDF oder so.

…dem Schattenbuchprojekt 2.0? Die Bücher sind gerade bei der vorletzten Station, nämlich bei der jeweiligen Eigentümerin. Es ist so ein tolles Projekt *schwärm*

GuerillaGiving? Ich hatte gehofft, daß ich im Zuge meines Fitter-Werdens öfter dazu käme, Geschenke auszulegen, aber leider ist dem nicht so. Von Oktober 2009 bis November 2010 war ich out of order wegen Schultergedöne und jetzt bin ich seit Januar außer Betrieb wegen Fußgedöne. Ich komme nicht oft raus (außer zu Ärzten), und da macht es für mich nicht soviel Sinn, Geschenke auszulegen. Das Projekt liegt also nur auf Eis wegen gesundheitlichen Problemen, aber wenn ich dann HOFFENTLICH endlich mal nicht mehr so marode bin, geht es weiter. Geschenke sind schon einige verpackt und etikettiert :)

Amala Krähenfeder, 02.02.2011, 13:35 | Abgelegt unter: Machungen | RSS 2.0 | TB | 4 Kommentare

:: Nicht so roh II ::

Meine fußverknackungsbedingte Nähpause nutze ich gerade dazu, soviel am Rechner rumzuhängen wie schon seit einem Jahr nicht mehr. Und ich lese jede Menge über Rohkost und Urkost. Das führt aber nicht dazu, daß ich jetzt einen größeren Durchblick habe…eigentlich habe ich jetzt sogar noch größere Fragezeichen um meinen Kopf herumschwirren. Ich leg einfach mal los.

Inzwischen habe ich auf wirklich vielen privaten Rohkost-Blogs und -Homepages die Aussage gefunden, daß Menschen, die von jetzt auf gleich auf Rohkost umstellen, im ersten Monat rund 10 bis 15 kg Gewicht verlieren, sich dabei aber “so energiegeladen” und “toll” wie nie zuvor gefühlt haben. Mir drängt sich dabei unweigerlich der Gedanke auf, ob dieses Hochgefühl womöglich durch erhöhten Adrenalinausstoß ausgelöst werden könnte – denn immerhin ist so eine schlagartige Ernährungsumstellung mit all ihren Begleiterscheinungen für den Körper vor allem mal eins: Streß. Falls es dazu Untersuchungen geben sollte, habe ich Suchmaschinengenie sie bisher leider nicht gefunden.

Überhaupt würde mich mal das Blutbild eines Menschen interessieren, der sich seit mindestens zwei Jahren durchgängig roh- oder urköstlich ernährt. In einer TV-Sendung, von der hier ein Ausschnitt zu sehen ist, wurde um die Frage nach dem Blutbild nur herumlaviert. Schade. Übrigens ist mir klar, daß die Labornormwerte lediglich weiße, junge, gesunde Männer widerspiegeln, aber es geht mir auch nicht um einen Vergleich, sondern um die tatsächlichen Werte für sich genommen.

Worauf ich auch immer wieder stoße, ist die Aussage, daß Roh- bzw. Urkost den gesamten Menschen reinigt, zuerst körperlich, indem Gifte ausgeschwemmt werden, und dann geistig-seelisch-spirituell. Okay, natürlich reichern sich bestimmte Stoffe im Körper an, teilweise auch weil sich Menschen dafür (mehr oder weniger) bewußt entscheiden, wie etwa Nikotin oder Alkohol. Mir persönlich jedoch geht es viel zu weit, den Körper grundsätzlich als unrein oder der Reinigung bedürfend anzusehen. Das führt letztlich zu einer – in meinen Augen – ungesunden Ablehnung des Körpers und seiner Prozesse. Das ganze monotheistische Jenseitsdenken und -streben fußt doch genau auf dieser Einstellung zum Körper.

Unverantwortlich finde ich auch die Hinweise darauf, daß regelmäßige Darmspülungen bzw. Einläufe der Gesundheit förderlich seien. Also, erstens frage ich mich, wieso ich mir auch noch den Darm spülen soll, wenn ich doch eh schon – angeblich – die beste Nahrung, nämlich Rohkost, zu mir nehme, wie der Mensch in dem Clip, und zweitens können Darmspülungen zu Dehydrierung, Demineralisierung und damit grundsätzlich zu einer Schwächung fühlen. Ganz so einfach wie dargestellt ist das eben nicht.

Die geistig-seelisch-spirituelle Dimension von Rohkost finde ich ebenfalls aufschlußreich. Angeblich reinigt Rohkost von “schlechten Gedanken” und “führt zu Gott”. In diesem Konzept wird der Kostform so eine Art Erleuchtungsnimbus aufgedrückt, den sie meiner Meinung nach nicht hat. Das in meinen Augen natürliche Streben des Menschen nach Heilung, Vergebung und Kontakt zum Göttlichen wird hier in den Dienst einer Ernährungslehre gestellt und somit instrumentalisiert. Ich will übrigens gar nicht bezweifeln, daß die inneren Prozesse wie etwa die Frage danach, ob eine es vertreten kann, tierische Produkte zu verzehren, eine Art spirituellen Anschubs geben können. Ich finde nur diesen pauschalisierten “Rohkost = näher bei Gott”-Gedanken zweifelhaft.

Zum Thema Rohkost bei chronischen Krankheiten finde ich bisher nur den Hinweis, daß frau mit Rohkost angeblich alle chronischen Krankheiten besiegen können soll. Wieder so ein Allgemeinplatz, den ich einfach gefährlich finde. Unbestritten hängen Ernährung und Gesundheit / Krankheit direkt zusammen, daran besteht kein Zweifel. Für mich steckt hinter dieser Aussage aber wiederum dieser “Rohkost reinigt”-Glaubenssatz: (chronische) Krankheiten werden als Strafe, als Ergebnis von Verfehlung (in diesem Fall: Fehlernährung durch Kochkost) angesehen. Um davon erlöst und gereinigt zu werden, muß der Mensch roh essen. Das entspricht dem “heroischen Prinzip”, wie es von Susun Weed formuliert wurde. Du trittst fehl, dann mußt du Buße tun und abschwören, bevor du durch möglichst krasse Therapien, die dir ein Guru beibiegt, geheilt werden kannst. Urch.

Dazu, wie sinnvoll oder -los Rohkost bei bestehenden chronischen Krankheiten ist, habe ich leider nichts gefunden, abgesehen von diesen Heilungsversprechen. Wiederum ist nichts dokumentiert (Blutwerte (Hormone, Mineralien, Entzündungswert usw.), Allgemeinzustand etc.).

Ein wichtiger Teil des roh- oder urköstlichen Lebens ist Bewegung. Da ich gehbehindert bin, kann ich nicht mal eben trainieren oder in den Wald gehen, um mir frische Kräuter zu pflücken, so daß es mich sehr interessiert, wie Behinderte mit Rohkost leben. Gibt es zufällig eine Leserin, die gehbehindert ist und sich rohköstlich ernährt? Wenn ja, würde ich mich sehr über einen Erfahrungsbericht freuen. Im Internet fand ich zu diesem Thema wiedermal nur lauter Meldungen von Wunderheilungen dank Rohkost.

Für mich bleibt das Thema Roh-/Urkost spannend. Vieles finde ich suspekt oder auch, wie oben erklärt, gefährlich, allerdings vermute ich, daß ein Mehr an roher Frischkost durchaus eine Bereicherung sein kann. In diesem Sinne werde ich jetzt mal eine große Schüssel Feldsalat mit Granatapfelkernen verputzen.

Amala Krähenfeder, 01.02.2011, 14:16 | Abgelegt unter: Ernährung | RSS 2.0 | TB | 10 Kommentare
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