:: Tannenbäume & ÖkoGewissen ::
Die Diskussion darüber, ob wir nun Tannenbäume aus ethischen und ökologischen Gesichtspunkten zum Mittwinterfest schlagen und am Ende entsorgen dürfen, hat bei mir ein paar Gedanken zu Naturspiritualität und ökologischem Gewissen in Gang gesetzt.
Ich empfinde mich als Teil des All-Eins. Unabhängig davon, was ich über die Beschaffenheit und den Weg meiner Seele denke, ist mein Körper entstanden, gewachsen, erblüht und eines Tages wird er welken, sterben und sich auflösen. Aus mir wird genau wie aus den Küchenabfällen, die ich in den Garten trage, Kompost werden. Aus monotheistisch-patriarchaler Sicht ist das natürlich ein Skandal, wo der Mensch doch die Krone der Schöpfung sein soll. Ich glaube, die Angst vorm Kompostiertwerden ist auch der Auslöser für pompöse Grabmale und den ganzen Totenkult (*), sowohl um Erscheinungen wie Jesus als auch um uns und unsere Angehörigen selbst. Der Gedanke, in hockender Haltung in den Schoß der Mutter Erde zurückgegeben zu werden, wenn ich mal tot bin, erfüllt mich mit weniger Gruseln als die Vorstellung, in einem Holzsarg eingenagelt Jahr um Jahr langsam zu verrotten, weil das Holz erstmal im Weg ist. Uäh!
Aus dem Gefühl heraus, selbst nur begrenzt haltbar zu sein, bevor ich dann wieder ins All-Eins zurückkehre, entsteht eine recht entspannte Konsumhaltung. Um das direkt vorwegzunehmen: ich bin gegen kopflose, egoistische Konsumgier, die sich in Perversitäten wie Monokulturen, Massentierhaltung, Gentechnik und Co. wiederfindet. Am liebsten würde ich mit anderen Menschen einen Subsistenzhof bewirtschaften und zumindest großteilig nur das ver-brauchen, was wir selbst herzustellen vermögen. Aber welche mein Blog regelmäßig liest, weiß das ja eh
Mir ist es wichtig, für das, was ich erhalte, dankeschön zu sagen. Das Argument, daß wir das Essen, das bei uns auf dem Tisch landet und uns nährt, nur uns selbst verdanken, weil wir ja dafür arbeiten gegangen sind, halte ich für zynisch. Logisch bezahle ich meine Einkäufe mit dem verdienten Geld, doch ich kann nur das einkaufen, was die Erde zu geben bereit war (und was natürlich durch die Arbeit der Landwirte gesät, gehegt und geerntet wurde). Doch nicht nur für das tägliche Essen bedanke ich mich, sondern auch für andere Segnungen, die mir zuteil werden, wie etwa die Haut der Kuh, aus der meine Schuhe wurden, die gefundenen Bucheckern im Wald oder den Strauß Wildblumen vom Wegesrand. Für mich gehört ebenfalls dazu, hin und wieder – wann es mir richtig erscheint – etwas zurückzugeben. Das kann frau Opfer, Geschenk oder Energieausgleich nennen.
Mein schlechtes Gewissen hat vor vielen Jahren dazu geführt, daß ich mich erst dem Vegetarismus und später dem Vollwert-Vegetarismus zuwandte. Damals war Biofleisch noch weitgehend unbekannt, der große Bio-Boom kam sehr viel später. Vielleicht würde ich heute noch Fleisch essen, wenn ich damals für die verborgenen Quellen von Bio-Fleisch ein Bewußtsein gehabt hätte, keine Ahnung. Heute ist Fleisch- und Fischverzehr kein Thema mehr für mich, ich vermisse nix und kann meine Art von Ernährung und Lebenswandel vor mir selbst “rechtfertigen”. Bei anderen Dingen war und ist es noch immer nicht so leicht, einen gangbaren Kompromiß zu finden. Was soll ich tun, wenn ich ein lebensnotwendiges Medikament nur mit Gelatine darin enthalte und es kein anderes Präparat mit gleichem Wirkstoff gibt? Bin ich eine Mörderin, wenn ich ein Stück Rasen umgrabe, um es in ein Feld zu verwandeln, auf dem ich mit wenig Energie- und Wasserverbrauch Gemüse anbauen will, dabei aber drei Regenwürmer mit dem Spaten abmurkse?
Viele Gedanken scheinen relativ leicht dazu verleiten, in eine ökologisch-ethische Hysterie zu verfallen – siehe Regenwurmbeispiel. Ich persönlich jedenfalls werde wohl nicht durch mein Leben schweben können, ohne auch nur ein einziges Tier, einen einzigen Menschen, einen Quadratmeter Muttererde zu verletzen, rümpieren oder benutzen (vielleicht sogar auszunutzen). Ich kann bloß versuchen, mich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, meine Bedürfnisse nicht als Maß aller Dinge anzusehen und den ökologischen Fußabdruck, den ich hinterlasse, möglichst klein zu halten.
Und für mein Gewissen ist es okay, einen Tannenbaum aus dem wilden Pfälzer Wald zu kaufen, zu schmücken, als Weltenbaum zu verehren und später, wenn er gut getrocknet ist, in meinem Mittsommerfeuer in Rauch aufgehen und damit dem All-Eins wieder zukommen zu lassen.
(*) Ich habe gemerkt, daß ich mich mit dem Begriff “Totenkult” mißverständlich ausgedrückt habe. Damit meine ich nicht den Ahninnenkult, durch den wir uns als in einer Reihe mit unseren Ahninnen stehend begreifen, sondern all die Gedankenkonstrukte, Bauwerke und Co., die unsere Angst vor der eigenen Endlichkeit beruhigen bzw. dieser entgegenwirken sollen. Ich merke gerade, daß es mir schwerfällt, präzise zu formulieren, worin ich den Unterschied sehe. Beim Ahninnenkult würde ich sagen, daß ihm Gelassenheit und unaufgeregter Umgang mit dem Sterben und dem Tod an sich zugrunde liegt und daß er außerdem das Leben im Diesseits fokussiert. Totenkult – wie ich ihn hier verstehe – beruht auf Angst vor dem Tod, der Fixierung auf das Jenseits und dem Versuch, die eigene Endlichkeit zu überdauern. Womöglich sind die Begriffe “Ahninnen-” und “Totenkult” von mir falsch gewählt – wenn eine Leserin griffigere Ausdrücke dafür hat, wäre ich daran sehr interessiert.
9 Kommentare
-
Niphredil:
Zitat:
“wenn ich ein Stück Rasen umgrabe, um es in ein Feld zu verwandeln, auf dem ich mit wenig Energie- und Wasserverbrauch Gemüse anbauen will, dabei aber drei Regenwürmer mit dem Spaten abmurkse?”Das ist eine Frage über die ich stundenlang nachdenken könnte. Mir tun die zweigeteilten Regenwürmer auch leid. Eines Tages sah ich aber wie sich immer mehr Vögel um mich gesammelt haben. Als ich länger wegblieb, haben die Vögel dort rumgepikt, wo ich gegraben habe. Anscheinend hab ich alle Art von Insekten ausgegraben und ein Festmahl für Vögel veranstaltet. Seitdem hab ich nicht mehr so ein schlechtes Gewissen. Wir machen das ja nicht mit Absicht. Ich kann einfach aufgrund meiner Größe schon nicht auf kleine Insekten achten, da kommt halt schon eins mal unter den Fuss.
Pompöse Grabmäler und der Totenkult sind jedoch keine Zeichen, dass wir nicht Verfallen wollen. Es dient einer sozialen Inszenierung. Der Umgang der Kultur mit dem Sterben ist viel zu komplex, um ihn auf die Angst vor dem eigenen Zerfall zu interpretieren.
Mein Traum wäre es auch, völlig sarglos irgendwo frei in der Natur begraben zu werden. Das ist aber (noch) verboten. Wie man hier schon sieht, auch wenn man keine Angst vor dem Kompostieren hat, es ist nicht erlaubt. In manchen Bundesländern dürfen zumindestens Buddhisten sarglos bestatten.
LG
Nip
-
Amala Krähenfeder:
das mit der sarglosen bestattung für buddhisten finde ich interessant – das wußte ich noch nicht. hast du dazu vielleicht mehr infos oder einen link?
den totenkult an sich verstehe ich nicht als anzeichen für angst vor der vergänglichkeit (wobei ich das vielleicht lieber als ahninnenkult bezeichne?!), da habe ich mich vielleicht mißverständlich ausgedrückt.
-
Jule:
Liebe Amala,
welch schönes Bloglayout! Ich fühle mich wunderbar zu Hause, zumal die Häuschenschnecke mein Krafttier ist.Liebe Grüße von Juliane
-
Nenya:
Über den Tannenbaum gibt es eine wunderbare Geschichte in dem Buch “Die Weisheit des Windes” von Clarissa Pinkola Estes, die paßt grad bestens zu deinem Artikel. Tannenbäume sterben zwar aber das heißt noch lange nicht das sie dann nicht mehr da sind

Und klar ist es natürlicher einfach so in die Erde zu kommen und nichts mehr als ein paar Fußabdrücke zu hinterlasen, aber andere Menschen andere Auffassungen und wenn es sie tröstet ein Riesengruft zu bauen dann ist das halt so. Jeder geht anders mit Trauer um und manchen fällt es schwer loszulassen.Lieben Gruß,
Nenya -
erika:
Grüss Gott Amala,
obwohl ich nicht in allem mit die übereinstimme finde ich, dass du das klasse geschrieben hast und du hast was bei mir in Gang gesetzt.
Liebe Grüsse//Erika
-
Niphredil:
Soweit ich weiß ist es in Nordrhein-Westfalen erlaubt, sarglos zu bestatten. Jedoch eben nur für Buddhisten. Ich weiß, dass andere Bundesländer ebenfalls darüber diskutieren (und inzwischen vielleicht sogar erlauben?). Einfach mal bei Google suchen…
-
Alruna:
Zur Zeit scheinen viele über Konsumverhalten nachzudenken

Ich wünsche mir nach dem Tod verbrannt zu werden und dass meine Asche in einer Maisstärkeurne unter einem Baum in einem Friedwald vergraben wird. Die Maisstärke löst sich auf und dient samt Asche dem Baum als Nahrung.
Muslime werden glaube ich auch nur in einem Leintuch begraben. Dass das bei Buddhisten auch so ist war mir auch neu.
Ein Leintuch würde zum Verbrannt werden doch auch reichen…
LG -
Inghinn:
Hallo Amala,
so nun komme ich endlich dazu, deinen Beitrag zu kommentieren – darueber nachgedacht habe ich in den letzten Tagen oefter mal, da mich im Moment ganz aehnliche Dinge bewegen.
Ich denke, eines der groessten Probleme die wir gesellschaftlich zur Zeit haben ist, dass sich die meisten Menschen eben nicht bewusst sind, dass wir alle Teil des grossen Ganzen, des Alleins, der Schoepfung oder wie immer frau das auch nennen will sind. Die Konsequenzen sind viel weitreichender und betreffen weit mehr als ‘nur’ Ernaehrung und Kleidung, aber am Thema Ernaehrung laesst es sich hervorragend demonstrieren. Mutter Natur hat es ja so eingerichtet, dass so ziemlich kein Lebewesen auf diesem Planeten ueberhaupt ueberleben kann, ohne sich von einem anderen Lebewesen (Tier oder Pflanze) zu ernaehren. Von daher finde ich es auch legitim, als Mensch Fleisch oder Fisch zu essen. Und ich stimme dir vollkommen zu, dass jegliche Ernaehrung in dem Bewusstsein erfolgen sollte, dass die Nahrung eine Gabe ist und dass sich generell jeder Mensch im Klaren darueber sein sollte, wie die Nahrungskette funktioniert.
Hier in Grossbritannien ist die allgemeine Ignoranz ja noch sehr viel ausgepraegter als in Deutschland. Die Briten sind extreme Tierliebhaber, Verbrechen an Tieren loesen oft einen lauteren oeffentlich Ausschrei aus als Verbrechen als Mord oder Missbrauch. Andererseits sind die Briten aber auch extreme Fleischfresser, die zu fast jeder Mahlzeit Fleisch essen (Wuerstchen und Bacon zum Fruehstueck, etc.) und die sich komplett weigern, ueberhaupt die Verbindung zwischen einem lebendigen Wesen und einem Wuerstchen herzustellen. Vor ein paar Jahren hat mal ein Fernsehkoch in seiner Sendung gezeigt, wie sein Mastschwein geschlachtet und verarbeitet wurde, und ich konnte es kaum fassen, als sich daraufhin tausende Leute hinterher bei der Medienaufsicht beschwerten, dass ihre Kinder traumatisiert seien. Da wird sozusagen Ignoranz als Grundrecht angesehen und bei dieser Einstellung wird’s mir einfach nur schlecht. Naja, ich koennte mich zu dem Thema stundenlang auslassen, aber das sprengt dann wohl hier doch den Rahmen. *g*
Totenkult. Ich will auch irgendwann mal in einem Weidenkorb in einem Friedwald begraben und kompostiert werden. Ich finde eigentlich den Gedanken an kleine Grabbeigaben ganz schoen, irgendwie ist das fuer mich nur eine Anerkennung der Anderswelt, Leben nach dem Tod, was auch immer. Und macht sicher auch den Abschied leichter, irgendwie geht’s ja dabei auch um Trost fuer diejenigen, die noch hier bleiben. Der Wahn mit Grabsteinen, Monumenten etc. ist fuer mich nichts weiter als Demonstration von Geld oder vermeintlicher Macht – und auch da wieder Ignoranz, denn kein noch so pompoeses Grabmahl und noch so massiver Sarg aendert irgendwas an der Tatsache, dass wir alle wieder in den Schoss von Mutter Erde zurueck kehren.
So, nun hab ich mich aber genug ausgelassen.
LG,
Nicole -
Haigal:
Pompöse Grabmale sind für mich einerseits ein “Sich-Aufplustern” ähnlich wie es Vögel machen, wenn sie sich bedroht sehen. Man versucht Größe, Unzerstörbarkeit, Macht usw. zu symbolisieren. Im Innersten des Grabmals liegt allerdings doch nur ein vermodernder ganz normaler Körper. Ob das Sinn macht? … naja für mich nicht, aber andere Menschen scheinen das zu brauchen. Vielleicht ist es auch ein hilfloser Ausdruck von Ohnmacht, dem die Zurückgebliebenen nicht anderes entgegensetzen können oder wollen als eben ein “großes Momument für die Nachwelt”. Was auch immer. In unserer Gesellschaft ist der Tod von Menschen zu einem unsäglichen Wirrwarr von Sinn entleerten Konventionen (Wie lange soll man Trauer tragen? Darf man von dem Toten noch reden? usw.) und einer tagtäglich zelebrierten Leugnung des Todes im Alltag geworden. Darin versuchen sich Menschen zurecht zu finden. Eben durch Trauerfeiern, Grabmale usw. Vielleicht sind die Dinger nix weiter als ein Ausdruck von Sprachlosigkeit, weil wir verlernt haben über den Tod zu sprechen.
Schließlich ist unser Tod Nahrung für anderes Leben. Würden wir nicht sterben, dann würde der Kreislauf des Leben irgendwann für alle Lebewesen zum Stillstand kommen. Ich glaube das will keiner
Ich glaube die Frage ist eher: Macht es Sinn eine Lebewesen zwischenzeitlich aus dem Kreislauf des Leben herauszuhalten (das Leben künstlich zu verlängern oder so) oder auch eine Lebewesen “vorzeitig” in den Kreislauf des Leben zurückzusenden? Können und wollen wir das vor uns und den Mitgeschöpfen verantworten?
Das kann jeder nur für sich selbst in seinem Umfeld entscheiden und verantworten, denn diese Verantwortung wiegt teilweise wirklich schwer, wenn man sich ihrer bewusst ist.
Mein Aufruf gilt der “Bewusstwerdung” dieser Verantwortung. Mit Bedacht, aber ohne Hysterie.
der
Haigal