Archiv: März 2010
:: “Das soll jetzt keine Kritik sein” ::
Immer wenn ich diesen Spruch höre, rollen sich mir die Zehennägel hoch.
“Hör mal, das soll jetzt keine Kritik sein, aber ich weiß nicht, ob’s so schön ist, wenn du deinem Kind an der Supermarktkasse eine reinhaust, weil es nach Schokolade quengelt”. “Das soll wirklich keine Kritik sein, aber wenn du von mir erwartest, daß ich dich nur deswgen toll finde, weil alle anderen dich anhimmeln, funktioniert das nicht”. “Entschuldigung, ich will dich ja nicht kritisieren, aber wenn du bei 120 auf der Autobahn einen >Sicherheitsabstand< von einem Meter hältst, könnte das womöglich doch etwas wenig sein”. “Verzeihen Sie bitte, das ist jetzt gewiß keine Kritik an Ihrem Halbgott-Status, aber ich glaube, mein Befinden sagt mir doch etwas mehr über meinen Zustand als die Blutwerte, die Sie genommen haben”.
Warum kann ich nicht einfach sagen “sorry, so nicht! Das ist Scheiße! Und ja, das meine ich als Kritik!”…?
:: Was ich grad so tu ::
Zur Zeit ist’s in meinem Blog recht still geworden. Habe immer noch gesundheitliche Probleme (“bist du etwa ungeduldig?”), deren Ursache ich allmählich von einer anderen Seite näherkomme. Kann also nicht viel Zeit am Rechner verbringen. Vermisse meine tägliche Blogrunde bei Euch
Und Schreiben fehlt mir auch.
Sitze viel an meiner Nähmaschine, wo ich einen neuen Rekord für mich aufgestellt habe: ein Quilt-Top in nur acht Tagen. Fühle mich beim Gedanken an den fertigen Quilt schon ganz leer, so ohne neues Mammutprojekt…aber spätestens Anfang April suche ich mir einfach was Neues.
Lese eine Menge, stöbere Gedanken hinterher, lasse mich in-spirieren und führe Freudentänze über jeden neuen Krokusschatz im Garten auf.
Schlürfe Tee (Darjeeling, Ostfriesen Blatt, Vanille-Rum), backe Streuselkuchen mit Pflaumenmus und bringe den Geistern Mandelhörnchen und Zartbitterwaffeln auf den Letzenberg hoch.
Durchforste Photos, plane eine Trauerfeier und heule mir die Augen aus dem Kopf.
Suche an jedem zweiten Tag einen anderen Weißkittel auf, fachsimple über freie Werte und treibe Arzthelferinnen in den Wahnsinn.
Fiebere meiner neuen Rollisteuerung entgegen und beschwöre den Bärlauch, solange auf mich zu warten.
Nähe Filzostereier mit meinem Sohn, lausche Dinogeschichten.
Verliebe mich immer unsterblicher ins Daheimsein.
:: QuilterLogik ::
Heute Abend ging’s im Hause Krähenfeder um höhere Mathematik. Energie, Gravitation, Integrale, die 17. Dimension, Ionenantriebe - und man kann hinter den Jupiter gucken wegen des verbogenen Lichts (ja, liebe Männer, ich höre Euch zu
). Zwischendurch mußte ich dazusenfen, daß ich eigentlich kaum Mathematik in meinem Leben brauche und mir dadurch vermutlich etwa 9 Jahre grauenerregenden Matheunterricht hätte schenken können.
“Und wie würdest du dann berechnen, wie viel Stoff du für einen Quilt brauchst?”
“Gar nicht. Ich würde es machen wie jede vernünftige Quilterin. Von jedem Stoff zwei Meter kaufen. Das reicht in der Regel.”
Da waren sie mächtig beeindruckt, die Männer.
:: Dem Land zuhören ::
“Halt den Mund”, wispert der Apfelbaum und reckt seine flechtenbedeckten Zweige in den zwielichtigen Himmel, in dem die Frühjahrssonne ausläuft wie Eigelb aus einem perfekt gebratenem Spiegelei. Ich sitze an seinen Stamm gelehnt auf einem Holzstoß, zu meinen Füßen das Opferbrot, das ich der Bärenmutter brachte. “Hör zu”, spielt der Wind in den Zweigen.
Ich befühle Weidenkätzchen und moderndes Gras vom letzten Jahr, koste Tau auf der Zunge und grabe meine Finger – Wurzeln gleich – in die Erde.
Wer war vor mir hier? Wovon berichten Berg und Quelle? Welche Geschichten finde ich unter den Steinen wieder?
Ich hör jetzt einfach mal zu.
Was erzählt Euch Euer Land?
:: Happy 101 Award ::
Diesen Award hat Feona mir verehrt – vielen Dank dafür
Zehn Dinge, die mich glücklich machen:
- Meine Familie, Katzen & Freunde inclusive. Ist zwar kein Ding, aber macht doll glücklich
- Nähen. Ein Tag ohne Sticheln ist ein verlorener Tag.
- Baden. Bin hier zur Lokalpatriotin geworden. Sonne, Erde, Schneeverwehungen eingeschlossen.
- Authentisch sein. Niemandem mehr nach dem Mund reden. Anecken kann glücklich machen!
- Die 12-Schwäne-Gruppe. Es tut einfach gut, sich mit wachen, klugen Menschen über Spirituelles und Persönliches auszutauschen.
- Meine Ergotherapie. Hat mich schon verdammt weit gebracht. Und ich finde meine Ergotherapeutin sooo toll. Ich will, daß sie meine beste Freundin wird
- Nähen. Erwähnte ich das schon? Stoffe kaufen finde ich auch fein.
- Schreiben. Wäre toll, wenn das bald mal wieder besser ginge. Falls mich jemand gesundbeten will – ich bin dabei.
- Unser Leitungswasser. Was bin ich dankbar, daß wir Quasselwasser trinken können, ohne es vorher abzukochen.
- Mit Kräutern und Gewürzen hantieren. Ich liebe es!
Da ich mich derzeit wegen gesundheitlichem Gedöne nicht so viel auf anderen Blogs herumtreibe, weiß ich nicht, welche diesen Award schon hat und welche nicht. Daher gebe ich ihn mal nicht weiter…
:: Eine Ahnung von Frühling ::
Zu Imbolc haben wir Samen ausgepflanzt, aus denen in der Zwischenzeit stattliche kleine Pflänzchen geworden sind. Diese haben wir heute geteilt und umgetopft – wenn alle angehen, werden wir im Sommer sowas von einer Tomatenschwemme haben…. *hihi* Und auch unsere Nutzgartenpläne gedeihen. Für den Anfang sollen es erstmal nur recht unkomplizierte Gemüsesorten sein und auch unser Sohn soll sein eigenes Beet bekommen.
Die Störche sind zurück, wie wunderbar. Überall sieht man sie jetzt mit Nistmaterial in den Schnäbeln umherfliegen. Das Land wird von ihrem Geklapper geweckt, ihr Gefieder streichelt die Seele. Willkommen daheim, Ihr Begleiter der Göttin…
:: Äch bän nächt obszässiv! ::
…zumal das nicht annähernd alle Geldbörsen sind, die ich bisher genäht habe. Die Oberste ist jedenfalls ein Ostergeschenk
:: Grün! ::
…ein Geschenk.
Ach ja – wer auch immer den Schnee bestellt hat: er kann jetzt säckeweise bei uns abgeholt werden.
:: FrühjahrsKur ::
In meinem Weltbild ist der Mensch an sich nicht dreckig, vergiftet oder sowas – Vergiftungen (des Geistes, der Seele oder des Körpers, sofern frau da überhaupt trennen mag und kann) zieht er sich zu, mMm meist durch ungefilterten Konsum, z.B. von Nahrungs-, Genuß- oder Suchtmitteln etc. Insofern habe ich Probleme mit der Auffassung vom reinigungs- und entschlackungsbedürftigen Menschen, der offenbar in Frauenzeitungen, Apotheken und Reformhäusern massenhaft auftritt. Vielleicht ist das wie mit den plattgefahrenen Wildtieren: die finde ich meistens auch entweder direkt neben der Schnellstraße – oder gar nicht.
Jedenfalls ereilt mich meist im Frühjahr, so um diese Zeit jetzt herum, der Wunsch, ein paar Tage ganz besonders achtsam mit mir selbst und der erwachenden Natur zu sein. Fasten darf und will ich nicht, also habe ich mir schon vor etlichen Jahren eine Art Frühjahrskur ausgetüfelt, die mir einfach guttut. Jeden Tag esse ich mehrere Mahlzeiten, deren Basis vollwertiges Getreide bildet. Naja, ich geb zu, daß meine Mahlzeiten eigentlich immer so aussehen, aber in der Regel mache ich mir nur für den Zeitraum dieser “Kur” die Arbeit, mir zweimal täglich frischen Getreidebrei zu kochen bzw. Frischkornbrei anzusetzen. Normalerweise tut’s unser Vollkornbrot. Mit Obst, Gemüse, Kräutern und Gewürzen wird ergänzt, wobei ich wie immer Saisonales und Regionales bevorzuge. Ich trinke nun weniger Schwarz- und mehr Kräutertee und jede Menge Wasser, insgesamt so an die vier Liter täglich.
Für die nächsten Tage sieht mein Speiseplan so aus (morgens – mittags – abends):
- Freitag: Mischbrot oder Frischkornbrei. Lauchquiche mit Weizenboden. Dinkelbrei mit Birnen.
- Samstag: Mischbrot oder Frischkornbrei. Gemüsekuchen vom Blech mit Weizenboden und Fenchel. Dinkelbrei mit Birnen.
- Sonntag: Mischbrot oder Frischkornbrei. Vollkornlasagne mit Kohlraben. Dinkelbrei mit Äpfeln und getrockeneten Aprikosen.
Zum Frühstücksbrot gibt’s z.B. Sonnenblumenstreich, Sojawurst oder Käse; zum Abendessen gehört Frischkost wie Salat oder Rohkost und der abendliche Brei wird noch mit Zimt oder anderen Gewürzen gepimpt. Ist mir auch ganz egal, ob Entschlackungsgurus das große Zittern vor Käse haben – ne Scheibe pro Tag tut mir gut
Eine, die selbst eine Familie hat, weiß, daß sie definitiv dann am wenigsten Ruhe hat, wenn sie sich vorgenommen hat, eine Zeit lang (und wenn’s auch nur wenige Tage sind) besonders viel Muse für sich selbst zu haben. Sowas nehme ich mir also direkt gar nicht erst vor, sondern freue mich umso mehr, wenn mir einfach Zeit zuteil wird. Ich lese viel, höre Musik, entzünde mir meine heißgeliebte Duftlampe, gehe in den Garten, wecke die Kräuter auf, nähe und träume.
Ganz allmählich komme ich bei mir selbst an, öffne mich immer weiter für das Außen, wie die KroKüsse in unserem Garten.
Macht noch eine von Euch sowas?
:: Kinderdressur ::
Mädchen. Das ist ein Wort, an dem ich mich stoße. Die Silbe -chen zeigt an, daß es sich hierbei um eine Verniedlichung handelt, ähnlich wie ein Häuschen nunmal ein kleines Haus ist. Wenn ich statt Junge Jüngelchen sage (das Wort ‘Junge’ also ebenfalls verniedliche), wird die mitschwingende Abwertung deutlich. Wie aber soll ich weibliche Kinder nennen? Mädel? Auch das Wort empfinde ich als tendentiös, vielleicht sogar noch abwertender als Mädchen. Maid? Dabei muß ich spontan an die Sprache des Nazi-Deutschlands denken, finde Maid daher auch nicht richtig passend. Jungfrau? Im Sinne der jungen Frau sicherlich passend, durch patriarchalen Sprachgebrauch aber verdreht. Jungfrau bezeichnet darin eine junge Frau, die noch keinen Geschlechtsverkehr hatte. Vorschläge?
Dabei fällt mir grad noch was ein. Ich rief neulich bei einem Arzt an, der mir sagte, ich könne mir dies und jenes vorn bei den “Mädchen vorn” abholen. Mädchen!? Das sind gestandene Frauen! Ich nehme mir jetzt die Freiheit, sexistische Sprache zu korrigieren, und antwortete liebenswürdig: “Ich war grad kurz verwirrt, aber ich glaube, jetzt verstehe ich: Sie meinen Ihre Mitarbeiterinnen, die Frauen an der Rezeption, gell?”. Ich glaube, der Arzt fand mich penetrant.
Mittags hole ich meinen Sohn vom Kindergarten ab. Ich sehe junge weibliche Kinder, die Rosa wie eine Uniform tragen. Rosa Hosen, rosa Mäntel, rosa Schuhe, rosa Accessoires. Ich mag rosa, aber für mich ist Rosa wiederum eine Verniedlichung, in diesem Fall von Rot. Von Blutrot, das uns Frauen an unser Blut und unsere Gebär- und Muttermacht erinnert. Ich frage meinen Sohn, wie es im Kindergarten war und er sagt “ich mußte schon wieder mit meinen Freundinnen Prinzessin spielen”. Dann gehen wir neue Schuhe kaufen und ich entdecke rosa Prinzessinnen-Turnschuhe. Im Supermarkt alles weitere für die kleinen Prinzessinnen, sogar Prinzessinnenzahnbürsten.
Ich frage die Freundinnen meines Sohnes: “Was machen Prinzessinnen denn so?”. “Sie leben in einem Schloß. Sie sind sehr schön. Ein Prinz kommt und heiratet sie”. Unwillkürlich sehe ich eine Trutzburg mit Gitterstäben an den Fenstern, Dressurhallen für brave Prinzessinnen, die sich nicht selbst retten, sondern sich vom patriarchalen Prinzen retten lassen, der auf seinem Weg vielleicht noch schnell den Drachen – Symbol der alten Erdgöttin und der eigenMächtigen Frauen – köpft. Egal, solange Prinzessinnen geschniegelt und gestriegelt dastehen und den Helden anhimmeln. Daß er sie entmächtigt und beschneidet, wissen sie ja nicht. Ich frage meinen Sohn: “Und? Bist du der Prinz, wenn ihr spielt?”. Entgeistert schaut er mich an. “Nö, ich spiele immer die Mama”. Puh.
Seine Prinzessinnenfreundinnen spielen dann mit seinem Autokran. Eine sagt: “Sowas darf ich nicht haben!”. Liebe Spielzeugindustrie, wir brauchen prinzessinnentaugliche Kräne, bitteschön. Als Mitbringsel bekommt er geschlechtsspezifische Piratensachen, weil Jungs doch kleine Rabauken sind, Wildfänge, frei und ungezügelt.
Wat’n Blödsinn. Auch die Piraten unserer Tage sind dressiert. Kindergärten, Schulen, die Medien und wir Großen sorgen schon dafür.



