Archiv: Donnerstag, 4. März 2010

:: Kinderdressur ::

Mädchen. Das ist ein Wort, an dem ich mich stoße. Die Silbe -chen zeigt an, daß es sich hierbei um eine Verniedlichung handelt, ähnlich wie ein Häuschen nunmal ein kleines Haus ist. Wenn ich statt Junge Jüngelchen sage (das Wort ‘Junge’ also ebenfalls verniedliche), wird die mitschwingende Abwertung deutlich. Wie aber soll ich weibliche Kinder nennen? Mädel? Auch das Wort empfinde ich als tendentiös, vielleicht sogar noch abwertender als Mädchen. Maid? Dabei muß ich spontan an die Sprache des Nazi-Deutschlands denken, finde Maid daher auch nicht richtig passend. Jungfrau? Im Sinne der jungen Frau sicherlich passend, durch patriarchalen Sprachgebrauch aber verdreht. Jungfrau bezeichnet darin eine junge Frau, die noch keinen Geschlechtsverkehr hatte. Vorschläge?

Dabei fällt mir grad noch was ein. Ich rief neulich bei einem Arzt an, der mir sagte, ich könne mir dies und jenes vorn bei den “Mädchen vorn” abholen. Mädchen!? Das sind gestandene Frauen! Ich nehme mir jetzt die Freiheit, sexistische Sprache zu korrigieren, und antwortete liebenswürdig: “Ich war grad kurz verwirrt, aber ich glaube, jetzt verstehe ich: Sie meinen Ihre Mitarbeiterinnen, die Frauen an der Rezeption, gell?”. Ich glaube, der Arzt fand mich penetrant.

Mittags hole ich meinen Sohn vom Kindergarten ab. Ich sehe junge weibliche Kinder, die Rosa wie eine Uniform tragen. Rosa Hosen, rosa Mäntel, rosa Schuhe, rosa Accessoires. Ich mag rosa, aber für mich ist Rosa wiederum eine Verniedlichung, in diesem Fall von Rot. Von Blutrot, das uns Frauen an unser Blut und unsere Gebär- und Muttermacht erinnert. Ich frage meinen Sohn, wie es im Kindergarten war und er sagt “ich mußte schon wieder mit meinen Freundinnen Prinzessin spielen”. Dann gehen wir neue Schuhe kaufen und ich entdecke rosa Prinzessinnen-Turnschuhe. Im Supermarkt alles weitere für die kleinen Prinzessinnen, sogar Prinzessinnenzahnbürsten.

Ich frage die Freundinnen meines Sohnes: “Was machen Prinzessinnen denn so?”. “Sie leben in einem Schloß. Sie sind sehr schön. Ein Prinz kommt und heiratet sie”. Unwillkürlich sehe ich eine Trutzburg mit Gitterstäben an den Fenstern, Dressurhallen für brave Prinzessinnen, die sich nicht selbst retten, sondern sich vom patriarchalen Prinzen retten lassen, der auf seinem Weg vielleicht noch schnell den Drachen – Symbol der alten Erdgöttin und der eigenMächtigen Frauen – köpft. Egal, solange Prinzessinnen geschniegelt und gestriegelt dastehen und den Helden anhimmeln. Daß er sie entmächtigt und beschneidet, wissen sie ja nicht. Ich frage meinen Sohn: “Und? Bist du der Prinz, wenn ihr spielt?”. Entgeistert schaut er mich an. “Nö, ich spiele immer die Mama”. Puh.

Seine Prinzessinnenfreundinnen spielen dann mit seinem Autokran. Eine sagt: “Sowas darf ich nicht haben!”. Liebe Spielzeugindustrie, wir brauchen prinzessinnentaugliche Kräne, bitteschön. Als Mitbringsel bekommt er geschlechtsspezifische Piratensachen, weil Jungs doch kleine Rabauken sind, Wildfänge, frei und ungezügelt.

Wat’n Blödsinn. Auch die Piraten unserer Tage sind dressiert. Kindergärten, Schulen, die Medien und wir Großen sorgen schon dafür.

Laßt uns alte Lieder hören.

Amala Krähenfeder, 04.03.2010, 20:55 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 8 Kommentare
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