Archiv: Freitag, 9. Oktober 2009

:: Du sollst Dir kein Bild machen ::

Heute früh lag ich noch halb komatös im Bett, als mir so ein Gedanke kam (inzwischen habe ich herausgefunden, daß es wahrscheinlich nur teilweise mein eigener Gedanke war und Haigal nicht unschuldig an dessen Entstehung ist :) ). Warum verlangt der judäisch-christliche Wüstengott eigentlich, daß sich seine Anhänger kein Bild von ihm machen sollen? Mit verpenntem Kopp kommt mir das Bilderverbot, das mich auch schon streckenweise in meinem Theologiestudium beschäftigt hat, ziemlich skurril vor. In der Exegese ist man zu der Erklärung gelangt, daß Gott nunmal unbegreiflich und daher auch nicht abbildbar sei. Ganz schön verschwurbelt, find ich. Liebe kann man doch auch nicht wirklich erklären, aber es gibt unzählige Wege, sie abzubilden und auszudrücken (Herzchen, Rosen, …). Interessant auch, daß der Wüstengott sich trotzdem irgendwie ein paar wenigen Auserwählten offenbaren will, sei’s nun durch einen brennenden Dornbusch oder durch das Vorbeihuschen am Rücken eines Menschen. Als ich die Geschichte mit dem Vorbeihuschen das erste Mal in meinem Konfirmandenunterricht gehört habe, hat sie mich traurig gemacht. Wie muß sich dieser Mensch fühlen, den Gott in eine Felsspalte stellt und sagt “ich bin so großartig, daß du kleiner Wurm mich gar nicht ertragen könntest”? Dann huscht Gott an seinem Rücken vorbei —- und that’s it? Ich habe mich immer gefragt, ob sich dieser Mensch wirklich geliebt fühlen kann. Er hat eine konkrete Frage und Gott gibt ihm eine Antwort, die keine ist. Sind Eure Kinder damit zufrieden? Mein Sohn ist es nicht.

In meinem Studium bin ich irgendwie zu einer echten Schreckschraube für meine Profs mutiert. Ich wollte begreifen, warum Gott den Menschen nicht da abholt, wo er steht. Warum erklärt Gott sich nicht? Welchen Wert haben diese häppchenweisen Offenbarungen für denjenigen, der sucht, der seinen Geist und sein Herz bereits für Gott sperrangelweit geöffnet hat und dann doch abgespeist wird? Ist das nicht wie ein Liebesakt, der nie wirklich vollzogen wird?

Der Wüstengott verlangt viel von den Menschen, die an ihn glauben. Er verdrängt ihre alten Götter und erklärt sie plötzlich für Götzen, die sie nicht mehr anbeten dürfen. Jahrhundertelang waren diese Götter Teil ihres Lebens. Erfahrbar. In der Bibel findet sich eine Stelle, in der es sinngemäß heißt, daß das Volk lieber Brote für die Himmelsgöttin bäckt, anstatt den Wüstengott anzubeten…

 Er zürnt. Überhaupt, ich glaube, er zürnt gern. Angeblich hat er den Menschen geschaffen – menschliches Verhalten inclusive. Der Mensch fällt ab (was auch immer das heißt). Und Gott? Er straft. Ich meine…klar. Wenn mein Kind Unfug baut, dann erkläre ich ihm das natürlich auch nicht und versuche, die Eintracht wiederherzustellen. Ich schick einfach ne Sintflut ins Kinderzimmer, dann ist der Konflikt auch gelöst.

Das Neue Testament soll den neuen Bund besiegeln. Gott gibt sich versöhnlich. Er verzeiht alle Sünden. Meine Lieblingssünde ist die Erbsünde – der Mensch ist per se schlecht, weil Adam und Eva ja schlecht waren und wir alle von denen abstammen. Ich glaube, vieles, was als Sünde deklariert wird, ist Zeugnis für die Lebendigkeit im Menschen. Lust, Eifer, Genuß, Trieb. Ich begreife nicht, warum Gott seinen Sohn opfern muß, damit anderen Menschen ihre Sünden verziehen werden. Es heißt, er liebe die Menschen so sehr, daß er für ihre Verfehlungen sogar seinen eigenen Sohn gab. Mal ehrlich – wer darunter leidet, ist doch wohl vor allem die Mutter. Gott schenkt den Jungen hin, er wird gefoltert und ermordet. So handelt nur, wer nichts erschaffen kann. Finde ich.

Für mich sind viele Aspekte des judäisch-christlichen Glaubens absolut undurchschaubar, selbst nach 13 Semestern Theologie. Wie kann ich einem Gott freudig dienen, der mich als sündig und im Kern schlecht erachtet? Wie kann er ein Gott der Liebe sein, wenn er sein Kind zu Tode foltern läßt? Welche Lebensrealität vertritt Gott, wenn er den Vater an die erste Stelle setzt und die Mutter ans Ende stellt?

Während ich nochmal mit den Zehen an der Bettdecke raschelte, kam mir so in den Kopf, daß meine Göttin irgendwie das Gegenteil vom Wüstengott ist. Sie will, daß ich hinterfrage. Sie will, daß ich mir ein Bild mache – und sie macht es mir leicht, indem sie mir tausende und abertausende Bilder von sich selbst schenkt. Ich muß nur in den Spiegel gucken. Oder in die Augen meines Sohnes. Oder auf das winzige Schneckenhäuschen auf meinem Altar. “The Goddess is in everything, in every form of beauty”. Wer mit den Augen des Liebe sieht, entdeckt, daß alles voller Wunder und daß alles wunderschön ist. Das, was uns von ihr und damit auch von uns selbst trennt, bringt Häßlichkeit und Leid.

Dazu, finde ich, paßt ganz hervorragend, daß die NASA derweil den Mond bombardiert.

Welches Bild die Göttin wohl von uns hat?

Amala Krähenfeder, 09.10.2009, 18:22 | Abgelegt unter: SchaMagisches | RSS 2.0 | TB | 10 Kommentare
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