Archiv: Mittwoch, 23. September 2009
:: Schule ::
Nächstes Jahr kommt Linus in die Schule. Meine Gedanken und Gefühle dazu sind ziemlich gemischt. Meine eigene Schulzeit fand ich unterm Strich schier ätzend, was nicht nur daran lag, daß ich mit meinen Klassenkameraden größtenteils nicht viel anfangen konnte (und sie mit mir übrigens auch nicht). Teilweise muß ich mich – gerade aus der heutigen Perspektive als Mama – doch sehr wundern, was für kaputte Typen als Lehrer auf uns Kinder losgelassen wurden. Lehrer, die mit Schlüsselbünden nach uns Kindern warfen. Alkoholkranke Menschen. Soziopathen. Tyrannen. Ich glaube, wenn mein Sohn mir jemals von so einem Lehrer erzählen würde, würde ich stante pede zur Schulleitung gehen oder schauen, daß man sich mit anderen Eltern kurzschließt und sich organisiert. Bleibt also nur zu hoffen, daß hier auf dem Dorf die Lehrer anders sind als damals in der Stadt – womöglich auch, weil die Wege der Eltern hier kürzer sind bis zur Schulleitung…
Ich denke an “Disziplin und Gehorsam”, was man uns Kindern damals eben so eintrichterte. Aufstehen, wenn der Lehrer ins Klassenzimmer kommt. Immer höflich sein, keine Widerworte geben, immer “ja und amen” sagen, selbst wenn der Lehrer einem unrecht tut. Das sind “Werte”, die ich Linus nicht mit auf den Weg gegeben habe. Freilich soll er zu jedem Menschen unabhängig von dessen Alter höflich und respektvoll sein, aber ich finde, wenn sich erweist, daß jemand ihn schlecht oder unfair behandelt, muß er sich wehren und braucht nicht rumschleimen, nur weil’s halt der Lehrer ist. Und nein, ich rede nicht davon, daß er pampig werden und mit Schimpfworten um sich werfen darf, aber er darf seine Meinung vertreten und seine Würde wahren.
In der Schule geht die Gleichmacherei los. Kindererziehung nach Schema F. Wer da nicht mitmacht, wird schlecht bewertet, was die Zukuft verbauen kann. Überhaupt, dieses ganze System, in dem Menschen bewertet und kategorisiert werden, finde ich entsetzlich! Aber natürlich muß man irgendwie 30 Kinder in einer Klasse managen. Kleinere Klassen, menschenfreundlichere Schulformen, individuellere Schulen – das alles gibt’s nicht, wo doch unsere Bundesregierung Waffen kaufen, Krieg führen und ihre Bürger bespitzeln muß. Da bleibt eben kein Geld für sowas Unwichtiges wie unsere Kinder. Und bei der anstehenden Wahl wird dann flott mal das Familienmenschimage vieler Politiker aufpoliert. Zum Kotzen find ich das.
Wenn ich über die Inhalte denke, die mir in meiner Schulzeit vermittelt wurden, überläuft es mich teilweise wirklich eiskalt. In einem SoWi-Buch stand z.B. schwarz auf weiß, daß es völlig richtig ist, daß landwirtschaftliche Überschußerzeugnisse vernichtet werden, denn hungernden Menschen in anderen Teilen der Welt sei doch schließlich nicht zuzumuten, daß sie Tomaten aus Europa essen. Klar – die verhungern lieber! Damals habe ich mich darüber auch mit meinem SoWi-Lehrer angelegt, der mich abgewürgt und mir eine 4 verpaßt hat. Wie ich wohl reagieren werde, wenn ein Lehrer das mit Linus macht?
Ich glaube, Thomas Mann hat mal davon geschrieben, daß man, wenn man einmal vom Schulsystem erfaßt wurde, zergliedert wird. Daran denke ich sehr oft, wenn ich kein Buch lesen, keinen Film anschauen und keine Musik hören kann, ohne zu analysieren – welche Funktion hat die Einleitung, was will der Autor damit bezwecken, welchen Effekt soll die Musik auf mich haben? 13 Jahre Schule und ein paar Jahre Uni, in denen immer gefordert wurde, man soll analysieren, nüchtern betrachten, im Abstand zur Materie bleiben, haben ihre Spuren hinterlassen. Ich habe Angst vor dem Tag, an dem Linus aufhört, ein Bild zu lieben, weil es einfach schön ist, an dem er aufhört, einen Apfel anzustaunen, weil er so wunderbar ist… Für Gefühle ist einfach kein Platz, und überhaupt – wer braucht die schon, wenn er erstmal zu einem grauen Menschen geworden ist, der getreu dem System die Welt ausbeutet und nur noch rafft?
Alle reden davon, wie marode unser Schulsystem ist. Aber das Schulsystem ist doch auch nur Teil eines größeren Systems. Und dieses System – das Patriarchat – ist nunmal lebensfeindlich. Es heißt, die Eltern müßten heute mehr Engagement zeigen, um ihre Kinder durch die Schulzeit zu bringen. Überleg mal, wie viele Kinder heute Nachhilfe bekommen. Und ich denke, sie brauchen sie auch wirklich, weil in der Schule nicht mehr auf individuelle Schwächen und Verständnisprobleme eingegangen werden kann. Schüler und Lehrer sind meiner Ansicht nach gleichsam überfordert. Lehrer müssen den Lehrplan durchziehen und wenn die Schüler nicht folgen können, haben sie halt Pech gehabt. Alle kranken an diesem System – aber wird irgendwas Effektives unternommen, um es zu ändern? Nö, nicht daß ich wüßte. “Mehr Elternengagement ist gefordert”. Schön. Aber wenn man sein Kind gern daheim unterrichten möchte, wird mit der Schulpflicht gewedelt. Genial, oder? Und so schraubt sich die Frustration seitens der Schüler, der Lehrer und letztlich auch der Eltern immer weiter nach oben.
Ja, und dann lese ich auf sozialdemokratischen Wahlplakaten, daß Bildung wichtig sei und für jeden zugänglich sein muß. Ahso, daher der grandiose Schlag mit den Studiengebühren vor ein paar Jahren. Is klar. Ich hätt’s jetzt auch nicht total dämlich gefunden, die Millionen, die für Wahlwerbung oder Bankenrettung verpulvert werden, in die Bildung zu stecken – aber ich bin ja keine Politikerin, sondern nur ne Mutter. Was weiß ich schon.
Wenn ich Linus betrachte, wie er selbstverloren mit seinen Dinos spielt und noch nichts davon ahnt, was ihn erwartet, dann würde ich am liebsten die Zeit anhalten. Ich hoffe so sehr, daß er es schafft, sich dem System insofern zu entziehen, als daß er sich seine Menschlichkeit und seine Liebe zum All-Eins bewahrt…