Archiv: Dienstag, 1. September 2009
:: Schwesterlichkeit? ::
Ich hab keine leibliche Schwester. Wie kann ich über Schwesterlichkeit schreiben, ohne diese Art von Verbindung je erfahren zu haben? Meine Gedanken entspringen einer Vision. Der Vision einer Verbundenheit zwischen alle Frauen, gleichgültig ihres Alters, ihrer Nationalität, ihrer Religion oder ihrer Slipeinlagenmarke. Weil uns das Frau-Sein verbindet.
Frau-Sein. Was ist damit eigentlich gemeint? Reicht es aus, zwei Brüste und einen ganzen Sack voller Kosmetika zu haben, um eine Frau zu sein? Über uns Frauen ist viel geschrieben und geredet worden, vor allem seitens der Männer. Daß Frauen über sich selbst erzählen, hat noch keine sehr lange Tradition. Frauen müssen sich fragen, wer sie selbst sind, bevor sie die Frage nach dem Frau-Sein überhaupt beantworten oder wenigstens einen Versuch dazu starten können.
Ich betrachte mich. Aber durch wessen Augen? Für meine Ehemänner bin ich die Ehefrau, für meinen Sohn die Mutter, für meine Schwiegermutter das Biest. Für den Gemüsehändler die Kundin, für meinen Nachbarn die Nachbarin. Wenn ich all das – Ehefrau, Mutter, Biest, Kundin, Nachbarin – und all die anderen Dinge, die ich für andere bin, zusammennehme, weiß ich dann, wer ich bin? Nein, das fühlt sich falsch an. Vielleicht berühre ich damit einen Aspekt des Frau-Seins: wer ich als Frau bin, ist oft von außen definiert, manchmal sogar von außen festgelegt. “Frauen machen dies und das”. “Frauen sind halt so”.
Wenn ich nicht weiß, wer ich bin, wie kann ich dann wahrhaft leben? Lasse ich mich leben? Nach wessen Vorstellungen richte ich mich, wessen Ansprüche suche ich zu erfüllen?
Und schon hat das glatte Frauen-(Selbst)-Bild einen Sprung. Die richtigen Fragen zu stellen ist der erste Schritt. Es ist wie ein Erwachen aus dem Dornröschenschlaf, dem Koma des Vergessens, in das wir Frauen so gern gelegt werden. Und sie bringen weitere Fragen mit sich. Wenn ich nicht weiß, wer ich bin, wie kann ich dann eine echte Beziehung zu einem Du eingehen, gleichgültig, ob weiblich oder männlich? Nach welchen Maximen, nach welchen Werten möchte ich mein Leben ausrichten?
Für mich war das Erwachen aus dem Dornröschenschlaf ein Schock. Ich habe mich von den bequemen Träumen verabschiedet und beschlossen, daß ich herausfinden will, wer ich wirklich bin. Der Blick in den Spiegel war nicht so leicht. Hinter mir standen meine Ahninnen. Manche von ihnen begegneten mir aufrecht, andere drehten sich von mir fort. In manchen erkannte ich mich selbst, wieder andere machten mir Angst oder stießen mich ab. Ich lud sie ein, bei mir zu sein, mir ihre Geschichten zu erzählen und mir bei der Suche nach mir selbst zu helfen. Allmählich zeichneten sich Muster ab. Verhaltensweisen, die die Frauen meiner Familie für sich angenommen hatten, weil sie bequem waren, weil man sie als Instrumente der Machtausübung mißbrauchen konnte. Ich habe begriffen, daß viele von ihnen das Jammern und die Opferrolle kultiviert hatten. Wer sich als kleines, schutzloses Mädchen darstellt, löst etwas bei anderen aus. Und frau kann lernen, das zu lenken und für sich zu nutzen. Und dann waren da die Ahninnen, die einen ganz anderen Weg gegangen waren. Starke, selbstbewußte Frauen, die ihr Leben aufrecht und eigen-mächtig gelebt hatten.
Da ist es ja, dieses Wort. Macht. In einer Welt, in der Machtausübung über andere so viel Leid und Gewalt bedeutet, erhält dieses Wort einen sehr faden Beigeschmack. Macht über andere auszuüben, läuft meiner Auffassung vom Leben und vom Frau-Sein komplett zuwider, obwohl es genug Frauen gibt, die sich in unserer von Männern und ihren Werten be-herr-schten Welt von Macht korumpieren lassen. Macht ist, dem Wortsinn nach, ein altes Wort für die Scheide der Frau. Die Frau macht etwas, sie schafft neues Leben. Das Gemächt des Mannes hingegen ist etwas Gemachtes. Heißt das, daß Macht eigentlich bedeutet, handlungsfähig, schöpferisch zu sein? So möchte ich es für mich annehmen.
Die Beschäftigung mit meinen Ahninnen, sowohl mit denen, auf die ich stolz bin, als auch mit denen, deren Verhalten ich unethisch finde, hilft mir, meinen Platz in der Spirale des Lebens zu finden und mich zu verankern. Sagen zu können “ich stehe hier”, empfinde ich als Erdung und Verwurzelung. Mich haut so leicht nichts mehr um, wenn ich meinen Platz kenne.
Und was bedeutet das? Es heißt, daß ich weniger beeinflußbar bin. Tagtäglich wird versucht, uns Frauen zu erzählen oder zu zeigen, wie wir idealerweise sein sollten. Sexy natürlich, fleißig, fürsorglich, nährend, schön, schlank, sportlich und vieles mehr. Drei Jobs sollte die Frau von heute schon auf die Reihe bekommen. Hausfrau, Mutter und Vollzeitarbeitskraft. Was ist mit all den Frauen, die nicht in diese Schemata passen? Sind sie weniger Frau als andere?
Was mich besonders betroffen macht, ist das Verhalten von Frauen untereinander. Die Maßstäbe, die meist von Männern über die Frauen gestülpt wurden, haben es verändert. Wir taxieren einander. Ist sie hübscher als ich? Würde sie meinem Mann besser gefallen als ich? Was hat sie, was ich nicht habe? Patriarchale Werte (oder Werthülsen) haben das tiefe Verständnis zwischen den Frauen zersetzt und ihre Beziehungen zueinander nachhaltig verändert.
Wenn ich über das Patriarchat nachdenke, empfinde ich Wut. Anfangs hat mich diese Wut erschreckt und ich habe versucht, sie zu zähmen – ziemlich erfolglos übrigens. Inzwischen lasse ich sie zu, denn ich habe begriffen, daß die Ablehnung des Patriarchats nicht die Ablehnung des Mannes und des Männlichen ist. Auch Männer leiden unter dem Patriarchat und den patriarchalen “Werten”. Ein nährender, fürsorglicher Mann gilt heute oft als Weichei. Patriarchale Werte zwingen auch Männer in Formen hinein, die ihnen widersprechen. Darin steckt viel Konfliktpotential.
Je mehr ich mich mit dem Thema befasse, desto deutlicher empfinde ich, daß das Patriarchat zutiefst lebensfeindlich, gewaltorientiert und lethal ausgerichtet ist. Und je mehr ich mich damit auseinandersetze, desto mehr geht mir auf, wo es überall patriarchale Strukturen gibt. Irgendwie erschreckend. Aber es gibt Hoffnung, denn immer mehr Menschen – Frauen wie Männern – geht auf, daß es so einfach nicht funktioniert und daß es Alternativen braucht, die sich am Leben orientieren. Das macht mir Mut für die Gegenwart und die Zukunft.
Und hier schließt sich der Bogen zur Frage nach Schwesterlichkeit, oder vielmehr: nach Geschwisterlichkeit. Wenn ich weiß, wer ich bin, und wenn ich mir meiner sicher bin, in mir verwurzelt bin, dann kann ich mich in Toleranz und Achtung den Anderen und der Andersartigkeit zuwenden. Ich will in unserer Vielfalt das Verbindende sehen. Ich möchte aber nicht außer Acht lassen, daß es bei aller Geschwisterlichkeit dennoch Frauenräume geben muß, Orte und Zeiten von Frauen für Frauen. Geschützte Räume, in denen wir das Trennende aus unseren Herzen und den Beziehungen bannen und Schwesternschaft zueinander eingehen. Das Matriarchat betrifft alle Menschen, doch ich glaube, erst einmal müssen wir Frauen herausfinden, wer wir eigentlich sind, wo wir stehen, was wir wollen.