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Archiv: Mittwoch, 3. Juni 2009

:: Von den Kräutern ::

salbei1

Die Sonne steht schon hoch am blauen Himmel, als wir uns auf den Weg in die Felder machen. Die Weizenhalme sind in kurzer Zeit ein großes Stück gewachsen und überragen mich im Rollstuhl um mehr als zwei Köpfe. Wenn ich von der Seite auf das Feld schaue, komme ich mir wie in einem verwunschenen Urwald vor. Insekten summen träge um uns her und lassen sich ein Stück vom Wind tragen, bevor sie sich auf die verschwenderische Blütenpracht setzen. Ich habe meine Handschuhe vergessen und werde darum heute keine Brennesseln ernten – aber dann habe ich einen guten Grund, bald wiederzukommen. Stattdessen finde ich an den Feldrändern Kamillen, Spitzwegerich, Schafgarbe, Holderblüten, Wiesensalbei und wilde Minze. Das Johanniskraut trägt vereinzelt erste Blüten, aber ich werde bis Mittsommer warten und sie dann ernten, um Hautöl zu machen. Mein Sohn rennt mir ein ganzes Stück voraus und sammelt einen Wildblumenstrauß zusammen, fragt jedoch jede Pflanze vor dem Abbrechen, ob sie sich ihm schenken möchte. Hin und wieder kommt er zu uns zurückgelaufen. “Schau mal, Mama, das ist eine Mohnblume!”. Stolz hält er mir die zarte rote Blüte entgegen und im Sonnenlicht erinnert mich sein Haar an reifes Korn. Ich muß über seine Liebe zu den Kräutern lächeln, sie macht mir das Herz froh. Er begleitet mich eine kurze Zeit, sucht sich dann aber wieder seinen eigenen Weg, und ich höre ich aus der Ferne ein Lied für die Göttin singen, ganz spontan. Am Wegrand steht Beifuß, eine große, kräftige Pflanze, und ich breche mir kleine Triebe ab, nur ein bißchen, denn die eigentliche Erntezeit ist erst im Juli und August. Bis dahin werde ich hiermit räuchern. Plötzlich bleiben meine Augen an etwas haften, das zwischen den Ähren liegt: eine zerzauste Krähenfeder. Mit etwas Mühe angle ich sie mir und will dabei auch keine Hilfe. Ich stecke sie mir ins Haar und als wäre es ein Gruß, krächzen junge Krähen aus dem nahen Wald heraus zu uns her. Ja, denke ich, man ist nie allein, auch wenn es sich vielleicht manchmal so anfühlt…

Das Zwiegespräch mit den Pflanzen fällt mir leicht, ich empfinde es natürlicher und einfacher als so manche Konversation mit anderen Menschen. Bei manchen Zeitgenossen muß ich mich anstrengen, mich abzugrenzen, mich nicht vereinnahmen zu lassen von ihren Gefühlen, ihren Gedanken und ihren Understatements. Beim Kontakt mit Pflanzen spielt es nur auf einer Ebene eine Rolle, daß ich weiß, wie sie heißen, wofür sie gut sind. Auf einer anderen Ebene begegnen wir uns einfach, betrachten einander, nehmen einander wahr und an – und das genügt schon. Pflanzen, unsere mütterlichen Ernährerinnen und Heilerinnen. Heute bin ich froh, daß ich doch nicht Botanik studiert habe. Womöglich hätte das Wissen um die Inhaltsstoffe der Pflanzen unsere Beziehung entzaubert und uns beide seelenlos zurückgelassen.

Daheim sehe ich die Kräuterernte durch, bringe verirrte Insekten in den Garten zurück und erzähle Linus nochmal die Geschichte vom Johanniskraut und dem blutroten Öl, das seinen Blüten entweicht, wenn man sie zwischen den Fingern zerdrückt. Wir zerkleinern die Pflanzen und legen sie luftig in den Dörrautomaten. Wenig später duftet das ganze Haus nach wilder Minze und Holunderblüten. Im Garten blüht der Salbei und auch von ihm ernte ich etwas zum Räuchern für rituelle Zwecke.

Mitten im Sommer kommen Gedanken an die kalte, dunkle Jahreszeit, wenn wir Tee von diesen Kräutern trinken werden. Ein bißchen unwirklich, wo doch jetzt alles blüht und gedeiht, aber ich möchte mir des Wechselspiels von Sonne und Schatten, von Sommer und Winter, von Licht und Dunkelheit bewußt sein…

Amala Krähenfeder, 03.06.2009, 20:59 | Abgelegt unter: SchaMagisches | RSS 2.0 | TB | 2 Kommentare
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