:: Aufgeschnappt ::
- “Behinderte sind wie du und ich” – diesen Satz las ich in einem Merkblatt, das für die Schüler der Unterstufe eines Gymnasiums entworfen worden war. Sind Behinderte tatsächlich wie “du und ich”? Ich glaube nicht. Über das Anderssein hatte ich schon mal was geschrieben. Wer so tut, als seien Behinderte ganz normal, macht es Behinderten schwer. Integration ist keine Frage, die ausschließlich im Kopf beantwortet werden kann. Integration beginnt an der zu hohen Bordsteinkante. Wer glaubt, daß Behinderte normal sind, grenzt sie aus, denn Behinderte haben andere Bedürfnisse als “du und ich”. Und überhaupt, wer sollen “du und ich” eigentlich sein?
- “Behinderung ist keine Strafe Gottes” - daß es Leute gibt, denen das gesagt werden muß, und Leute, die meinen, das sagen zu müssen, empfinde ich als Strafe Gottes. Auch das ist das Gegenteil von Integration. Behinderung und Religion haben nichts miteinander zu tun. Wer meint, das eine durch das andere instrumentalisieren zu müssen, sollte mal ernsthaft über seinen Begriff von Religiosität und Spiritualität nachdenken.
- “Behinderte können nicht mit dem Göttlichen in Kontakt treten” – das ist die Kehrseite der Medaille. Inzwischen ist diese Diskussion von den mono- zu den polytheistischen und heidnischen Religionen übergeschwappt. Behinderte gelten manchen Menschen als zu kaputt, um mit den Göttern und Geistern zu kommunizieren. Als würden körperliche, geistige oder seelische Versehrtheit und subjektiv wahrgenommene Häßlichkeit diese Wesen beleidigen.
- “Behinderte brauchen Freunde” – ich denke, die braucht jeder Mensch, unberührt davon, ob er behindert ist oder nicht. Solche Sätze führen zu Mißverständnissen. Behinderte brauchen kein Mitleid, kein Mitgefühl aus falschverstandener Freundschaft. Behinderte sind keine armen Wauzis, die niemand liebhat, und die nur darauf warten, daß man ihnen seine Freundschaft anbietet.
- “Behinderte sind auch Menschen” – schön, daß wir darüber mal geredet haben.
- “wenn man Behinderte näher kennenlernt, stellt man fest, daß sie eigentlich ganz freundlich sind” – Behinderte haben keinen anderen Charakter als Nichtbehinderte. Freundlichkeit oder Unfreundlichkeit sind keine Frage von Behinderung. Verbitterung über die Behinderung, über Reaktionen auf die Behinderung etc. sind Fragen der persönlichen Wertung und der (Nicht)Integration, die nur individuell geklärt werden können.
- “Behinderte sollten ganz normale Beziehungen haben dürfen” – dankeschön.
- “ich fühle mich in meinem ästhetischen Empfinden durch behinderte und entstellte Personen gestört” – wahrscheinlich gibt es auch behinderte und entstellte Personen, die sich von solchen Aussagen gestört fühlen. Ästhetik und Schönheit sind rein subjektive Begriffe.
Die Zitate, die ich hier angeführt habe, stammen teils aus Broschüren, teils von Internetseiten / aus Foren, teils aus persönlichen Gesprächen, die ich geführt habe.
Interessant, welches Bild von Behinderung in unserem freiheitlichen, demokratischen und christlichen Staat so existiert…
7 Kommentare
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Elisha:
Solche Aussprüche können doch nur durch Unverständnis kommen. Warum haben so viele Menschen so große Berührungsängste mit Behinderten? Ein Gespräch mit einem Rollstuhlfahrer und man sieht viele Dinge anders und…diese Ängste sind ratzfatz abgebaut.
Außerdem, wer sich durch Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen gestört fühlt, der hat eine ganz andere Beeinträchtigung – die mich stören würde!Liebe Grüße Elisha
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Freyfrau:
Krass, mir bleibt bei diesen Sätzen die Spucke weg … wahrscheinlich wird über Krebskranke auch so ähnlich gedacht ?!
E liebs Griessli vo dr Freyfrau
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Aneas Nemorosus:
“Behinderte können nicht mit dem Göttlichen in Kontakt treten”
Über die hohen Bordsteinkanten und die vielen Treppen in den Amtsstuben will ich mich nicht auslassen – JEDER wird am ende seines Lebens mit den Bauwerken der Jugend leben müssen.
Aber das Behinderte KEINEN Zugang zu Gott haben kann, halte ich wirklich für das letzte was sich ein krankes Hirn ausdenken kann. Wo hast du das den gelesen?
Unglaublich….
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Amala Krähenfeder:
aneas, dieses aussage wurde in einem persönlichen gespräch gemacht.
die ausgrenzung behinderter am dienst am göttlichen ist aber uralt. wälz mal die bibel
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Maren:
Oha, da fällt mir erst die Kinnlade runter und dann nichts mehr zu ein! Wie Du so treffend geschrieben hast – schön, dass wir drüber geredet haben! *grins* Deinen Kommentaren ist nichts mehr hinzu zufügen!
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erdwurzelchen Wolfskatze:
Ich denke, viele dieser Sätze, gerade in Broschüren, die ja für die Integration werben wollen, äußern solche Sachen, weil sie glauben in erster Linie zu helfen. Das sie damit ab und an und sehr oft ins Klo greifen, darüber denken die wenigsten nach. Einige meinen es nicht böse (das behaupte ich mal), helfen aber nicht weiter.
Wenn man solche Broschüren oder Internetseiten schreibt und Informationen geben will, wie man mit Behinderten umgehen soll (ich denke mal, ein Gespräch mit Menschen in der näheren Umgebung hilft da mehr weiter), sollten sich eben mit den Menschen unterhalten, über die sie da Ratschlagen.
Aber das mit dem Zugang zu Gott, na danke, dass hätte jemand zu mir sagen sollen.
Nun gut, Menschen wie Menschen
lllg
Katzenerdchen -
Isinea:
Amala, du sprichst mir aus der Seele. Was hab ich eben herzlich beim lesen dieses Beitrags gelacht! danke dafür!!!