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Archiv: Sonntag, 26. April 2009

:: Aufgeschnappt ::

  • “Behinderte sind wie du und ich” – diesen Satz las ich in einem Merkblatt, das für die Schüler der Unterstufe eines Gymnasiums entworfen worden war. Sind Behinderte tatsächlich wie “du und ich”? Ich glaube nicht. Über das Anderssein hatte ich schon mal was geschrieben. Wer so tut, als seien Behinderte ganz normal, macht es Behinderten schwer. Integration ist keine Frage, die ausschließlich im Kopf beantwortet werden kann. Integration beginnt an der zu hohen Bordsteinkante. Wer glaubt, daß Behinderte normal sind, grenzt sie aus, denn Behinderte haben andere Bedürfnisse als “du und ich”. Und überhaupt, wer sollen “du und ich” eigentlich sein?
  • “Behinderung ist keine Strafe Gottes” - daß es Leute gibt, denen das gesagt werden muß, und Leute, die meinen, das sagen zu müssen, empfinde ich als Strafe Gottes. Auch das ist das Gegenteil von Integration. Behinderung und Religion haben nichts miteinander zu tun. Wer meint, das eine durch das andere instrumentalisieren zu müssen, sollte mal ernsthaft über seinen Begriff von Religiosität und Spiritualität nachdenken.  
  • “Behinderte können nicht mit dem Göttlichen in Kontakt treten” – das ist die Kehrseite der Medaille. Inzwischen ist diese Diskussion von den mono- zu den polytheistischen und heidnischen Religionen übergeschwappt. Behinderte gelten manchen Menschen als zu kaputt, um mit den Göttern und Geistern zu kommunizieren. Als würden körperliche, geistige oder seelische Versehrtheit und subjektiv wahrgenommene Häßlichkeit diese Wesen beleidigen.
  • “Behinderte brauchen Freunde” – ich denke, die braucht jeder Mensch, unberührt davon, ob er behindert ist oder nicht. Solche Sätze führen zu Mißverständnissen. Behinderte brauchen kein Mitleid, kein Mitgefühl aus falschverstandener Freundschaft. Behinderte sind keine armen Wauzis, die niemand liebhat, und die nur darauf warten, daß man ihnen seine Freundschaft anbietet.
  • “Behinderte sind auch Menschen” – schön, daß wir darüber mal geredet haben.
  • “wenn man Behinderte näher kennenlernt, stellt man fest, daß sie eigentlich ganz freundlich sind” – Behinderte haben keinen anderen Charakter als Nichtbehinderte. Freundlichkeit oder Unfreundlichkeit sind keine Frage von Behinderung. Verbitterung über die Behinderung, über Reaktionen auf die Behinderung etc. sind Fragen der persönlichen Wertung und der (Nicht)Integration, die nur individuell geklärt werden können.
  • “Behinderte sollten ganz normale Beziehungen haben dürfen” – dankeschön.
  • “ich fühle mich in meinem ästhetischen Empfinden durch behinderte und entstellte Personen gestört” – wahrscheinlich gibt es auch behinderte und entstellte Personen, die sich von solchen Aussagen gestört fühlen. Ästhetik und Schönheit sind rein subjektive Begriffe.

Die Zitate, die ich hier angeführt habe, stammen teils aus Broschüren, teils von Internetseiten / aus Foren, teils aus persönlichen Gesprächen, die ich geführt habe.

Interessant, welches Bild von Behinderung in unserem freiheitlichen, demokratischen und christlichen Staat so existiert…

Amala Krähenfeder, 26.04.2009, 19:50 | Abgelegt unter: Behinderung | RSS 2.0 | TB | 7 Kommentare

:: StoffMarkt und KnockOut ::

Gestern waren Weazel und ich auf dem Stoffmarkt Holland, der im Herzen von Karlsruhe City gastierte. Das Wetter war wunderbar, wir haben einen Parkplatz direkt neben dem Stephansplatz bekommen und als wir den Markt betraten, war ich noch richtig guter Laune. Direkt am zweiten Stand fand ich genau den Stoff, den ich gesucht hatte, nämlich einen schwarzen Baumwolljersey, auf dem sich dunkelviolette Blumen ringeln, und noch zwei Stände weiter kam ein zweiter Jersey in hellerem Violett dazu. Joa, und dann wollte ich an einem Stand mit Kurzwaren gucken – und da hörte meine gute Laune dann erstmal auf. Ich stand etwa zehn Minuten einen halben Meter von dem Verkaufstisch entfernt. Eine Person vor mir. Als diese ihren Platz verließ, quetschte sich jemand von der Seite vor mich. Na gut, warte ich eben. Ich guckte mir denselben Mist fünfmal an, dann platzte mir der Kragen und ich pampte die Frau, die sich zuletzt vorgedrängelt hatte, ziemlich fies an. Ich bin sicher, ich wäre höflicher gewesen, wenn ich mir das nicht schon vorher minutenlang angeguckt und geduldig gewartet hätte, bis jemand von sich aus mal so freundlich gewesen wäre, mich in dem sperrigen Rolli an den Tisch ranzulassen. Aber nö, die Frau im Rolli ist sicher nur Dekoration – oder was!? Echt unfaßbar! Wenigstens fand ich an dem Verkaufsstand tatsächlich das, was ich gesucht hatte, allerdings fielen mir in der Zwischenzeit mehrere andere Käuferinnen auf den Schoß (logisch, ne 1,80 m und 115 kg Frau ist ja immer so leicht zu übersehen!) oder regten sich darüber auf, daß ich nicht flink wie ein Zweibeiner ausweichen konnte, wenn sie gegen meine Räder latschten. Ich war dermaßen genervt, als wir an diesem Stand fertig waren, daß ich erstmal ne Weile brauchte, um wieder runterzukommen. In der Regel bin ich ja sehr geduldig und flauschig, aber diesen dämlichen Weibern hätte ich gestern echt gern eine reingehauen. Interessant war für mich, daß Männer vollkommen anders auf mich reagierten. Einer, hinter dem ich gewartet hatte, meinte sogar, als er den Platz freimachte, “ach, hätten Sie doch was gesagt, dann hätte ich Sie sofort vorgelassen”. Fand ich richtig lieb. Ich verlange nun wirklich keine Sonderbehandlung, weil ich im Rollstuhl sitze, aber ein bißchen Mitdenken hat wohl noch keinem wehgetan (oder doch, wer weiß…).

Schließlich rollerte ich an den entlegensten und leersten Stoffstand und befand mich plötzlich in meinem persönlichen Traumland wieder: Batik-Patchwork-Stoffe. Ballenweise. In meinen Lieblingsfarben. Und das Beste: ich hatte noch richtig viel von meinen selbstauferlegtem Stoff-Budget übrig. Also habe ich bei meinen heißgeliebten Bali-Batiks zugeschlagen und werde in Zukunft mal wieder eine Tasche (oh Wunder) daraus nähen. Nachdem ich mir den Sabber aus dem Mundwinkel gewischt hatte, erkannte ich dann auch noch eine Bekannte, die ebenfalls mit glasigem Blick auf die Stoffe schaute. Interessant, aber ich habe wirklich schon Bekannte in Karlsruhe ;) Wir klönten einen Moment und dann ging’s mir wieder richtig gut.

Ob ich im Mai in Mannheim nochmal auf den Stoffmarkt gehen werde, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Zwar wäre es verlockend, auch mein Mai-Budget für Batiks auszugeben (zumal der Meterpreis wirklich mehr als grandios war), aber die Masse von orientierungslosen und nur auf Stoff fixierten Frauen fand ich spooky und anstrengend. Ich will gar nicht leugnen, daß mir auch echt die Augen übergegangen sind von soviel Stoff und Zubehör auf einem Haufen, aber der Kollektivverlust von sozialem Verhalten hat mich erschreckt und abgestoßen.

Abends und vor allem nachts hat mein einer Fuß mir durch starke Schmerzen und wildes Pochen klargemacht, daß ich in den nächsten Tagen, am besten Wochen, deutlicher kürzer treten muß. Selbst meine orthopädischen Maßschuhe passen mir mit der Schwellung nicht mehr, die Schmerzen reduzieren sich nicht mal nach zehn Stunden Schlaf und ich kann kaum auftreten. Blöder Mist :( Im Mai habe ich einen Termin bei meinem Orthopäden, den ich mal fragen werde, ob er meint, daß die Chance besteht, daß mein Fuß durch die Aktivierung nun mit einer temporären Schwellung reagiert. Denn wenn nicht, dann wird mir der Gute direkt ein Paar neue Schuhe verschreiben müssen, die erfahrungsgemäß etwa drei bis vier Monate Fertigungszeit haben *seufz* Und billig sind sie auch nicht. Na, mal sehen.

In den kommenden Tagen werde ich also viel mehr auf dem Sofa abgammeln, obwohl ich gehofft hatte, die Tage des PowerCouchings seien gezählt. Immerhin kann ich so meinen Mailberg abbauen und vielleicht auch mal zwei Sachen schreiben, die mir am Herzen liegen. Ich hoffe nur, daß ich wenigstens dazu komme, ein bißchen Marmelade einzukochen und etwas zu nähen. Werde wohl überall Hocker zum Fußhochlegen platzieren…

Die Edit – hier mal ein Bild von den Batiks. Die Jerseys sind grad in der Wäsche und von denen zeig ich lieber mal was Fertiges :)

batiks

Amala Krähenfeder, 26.04.2009, 14:41 | Abgelegt unter: Behinderung,Zaubergarn & Sticheleien | RSS 2.0 | TB | 4 Kommentare
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