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Archiv: Mittwoch, 25. Februar 2009

Nachdenken über den Fliegenpilz

Heute denke ich mal ein bißchen laut nach über meine allerliebsten psychoaktiven Kameraden: Fliegenpilze. Seit einer Weile begegnen sie mir vor allem in Sachen Design (Nähen, Filzen, Schmuck etc.) und immer wieder lese ich Kommentare wie “oh, Fliegenpilze sind ja so niedlich!”. Also, nur daß keine Mißverständnisse aufkommen – ich verehre Fliegenpilze ebenfalls, aber ich finde sie an sich erstmal kein bißchen niedlich. Niedlich sind allenfalls die Gegenstände, die sie zieren. Interessanterweise gibt es jede Menge Kleidung und Accessoires für Kinder, die von den rot-weißen Pilzen geziert werden…allerdings käme kaum jemand auf die Idee, seinem Kind einen echten Fliegenpilz in die Hand zu drücken.

In der Kindheit fängt also eigentlich schon die Verbindung mit dem Fliegenpilz an. Auf Glanzbildern sieht man die Hexe aus dem Märchen “Hänsel und Gretel”, wie sie neben ihrem Lebkuchenhaus Fliegenpilze stehen hat. Logisch, muß sie ja auch, denn die Hexe ist doch böse und jedes Kind weiß schließlich, daß der Fliegenpilz giftig ist. Nicht umsonst machen wir auch als Erwachsene noch Scherze wie “haha, da ist sicher n Fliegenpilz drin!”, wenn uns jemand ein Gericht mit selbstgesammelten Pilzen vorsetzt. Kann man mit dem Fliegenpilz einen Menschen töten? Nun, da es keinen einzigen dokumentierten Fall gibt, in dem ein Mensch ausschließlich durch den Genuß von Fliegenpilz zu Tode kam, kann man diese Frage wohl nur theoretisch beantworten. Und theoretisch müßte man erstmal rund 1 kg (!) frischen Fliegenpilz verdrücken, um eine womöglich tödliche Dosis Ibotensäure aufzunehmen. Allerdings dürfte man den Pilzen vorher nicht die Huthaut abziehen, weil dort der Großteil des Wirkstoffs sitzt, und die Fruchtkörper auch nicht erhitzen, denn dabei geht der Wirkstoff flöten, was aus einem gebratenen Fliegenpilz einen schnöden Speisepilz macht. Freilich möchte ich aber davon abraten, sich in Selbstversuchen zu ergehen – da sind Klamotten mit Pilzen sicherlich vorzuziehen :mrgreen:

Fliegenpilze begegnen uns auch zu Weihnachten, z.B. als Schmuck für den Lichterbaum. Dabei wird man im Dezember keine frischen Fliegenpilze mehr finden, deren Hauptsammelzeit Juni bis September ist (sagt man zumindest – ich hab bisher ausschließlich im September welche finden können, aber das ist ja auch mein Geburtsmonat ;) ). Wie also kommt der Pilz an die Tanne? Darüber können wir nur spekulieren. Fliegenpilze sind psychoaktiv, und zwar aufgrund ihres Gehalts an Ibotensäure (die übrigens bei der Trocknung zu Muscimol wird, welches stärker psychothrop ist). Wenn wir nach Sibirien blicken, werden wir noch heute den dort ansässigen Fliegenpilz, welcher eine andere Art ist als der, welcher hier wächst, in schamanischen Ritualen entdecken. Der Pilz hilft den Schamanen, sich in Extase zu begeben, also aus ihrem Körper wörtlich herauszutreten. Und wohin gehen Schamanen? In die andere Welt. Wie gelangen sie dorthin? Nun, dazu gibt es viele Antworten: durch einen Vorhang, eine Tür, durch bloßes Hinbeamen, durch das Lenken ihrer Aufmerksamkeit an den Zielort, durch das Fallen durch einen Tunnel oder eben auch durch das Erklimmen des Weltenbaumes, welchen die Germanen Yggdrasil nannten. Ah, da haben wir ja auch den Weihnachtsbaum!

Die Rauschwirkung des Fliegenpilzes hängt wie bei jedem psychoaktiven Stoff von mehreren Faktoren ab: Fundort (Wirkstoffgehalt schwankt sehr stark an unterschiedichen Fundorten!), Entwicklung (gab es viel Regen? war der Sommer eher trocken? …), Aufnahmeweise (rauchen, essen, einen alkoholischen Auszug trinken, welcher Teil des Pilzes wird verwendet? …) sowie Set und Setting während des Genusses (wo nehme ich den Pilz ein? Musik? Lichtverhältnisse? psychische Disposition? Erkrankungen? …). Insofern ist es schwierig, eine allgemeingültige Aussage über die Wirkung von Fliegenpilz zu machen, aber ich denke, ich darf wagen, vorsichtig zu behaupten, daß er die Farb-, Raum- und Zeitwahrnehmung verändert.

Ja, ich hör sie schon, die Gegner der armen psychoaktiven Pflanzen. Sowas ist doch ein Teufelszeug und gehört ausgerottet oder wenigstens verboten! Liebe Leserschaft, ich muß traurigerweise bestätigen, daß ich trotz des designtechnischen Hypes um den Fliegenpilz feststellen muß, daß immer mehr dieser Schönheiten von ängstlichen, geradezu panischen Zeitgenossen zertreten und ausgerottet werden – und das trifft auch auf andere psychoaktive und giftige Pflanzen zu, wie etwa das Bilsenkraut, die Herbstzeitlose und viele andere mehr. Damit berauben wir uns unseres kulturellen Erbes, und es macht auch gar keinen Sinn, diese wunderbaren Pflanzen auszurotten, solange wir uns mit Alkohol, Tabak, Konsum und Fernsehen fröhlich den Verstand aus der Birne knallen… aber freilich sind diese Dinge nicht böse, wo doch unser Väterchen Staat dabei so wunderbar abkassieren kann. Ein Schelm, wer Böses denkt ;)

Wo war ich? Ach ja, beim Genuß von Fliegenpilz. Ich schreibe übrigens bewußt Genuß und nicht Konsum, denn wer versucht, eine Meisterpflanze zu konsumieren, der muß unweigerlich auf der Nase landen. Das trifft natürlich auch auf die Meisterpflanze Tabak zu, die unsere sog. Zivilisation im strengen Klammergriff hat, die unser System nachhaltig durch die vielen Krankheiten und Leiden beutelt, welche sie bei ihrem Mißbrauch hervorruft, und die dennoch schockierenderweise bis zum heutigen Tag nicht verboten ist! Wer gegen psychoaktive Pflanzen wettern möchte, sollte also bedenken, daß sämtliche dieser Pflanzen zusammen nicht soviel Schaden anrichten wie der Tabak allein. Woher aber kommt es, daß unsere Gesellschaft so aussichtslos dem Tabak verfallen ist, den manche scherzhaft als “Fluch des Conquistadores” bezeichnen? Ich vermute, daß der Mensch eine tief innewohnende Sehnsucht zum Kontakt mit Pflanzen und auch zum Kontakt mit der anderen Seite hat. Tabak wird von den Indios als rituelle Pflanze verehrt und z.B. für schamanische Heilungen, Geistaustreibungen oder auch als Opfergabe für die Geister und Götter verwendet. Indigene Völker haben uns tumben Westlern den Respekt vor und die Bewußtheit für psychoaktive Pflanzen voraus. Ich hab ja noch nicht einen Raucher erlebt, der dem Tabak Respekt entgegengebracht hätte – naja…vielleicht nach der Amputation des Raucherbeins oder nach dem sechsten Bypass vielleicht. Obwohl – ich habe nun zehn Jahre gegenüber einer Herzklinik gelebt und mir jeden Tag die Leute angeguckt, die grad ihre Venen von dem Dreck haben freilasern lassen oder die gerade einen Infarkt hinter sich haben, und sie sich mit der Hand, in der noch der Tropf steckt, die Fluppe an die Lippen heben. Mann, sind wir degeneriert! Beschämend.

Zurück noch einmal zum Fliegenpilz. Es gibt Gerüchte, wonach die germanischen Berserker ihn zu sich nahmen, um sich in ihren Kampfwahn hineinzusteigern, und obwohl ich diese Theorie spannend finde, so gibt es doch keinerlei Beweise dafür. Das Auftauchen des Pilzes in alten Zeichnungen, Kinderbuchillustrationen (Ihr erinnert Euch: die böse Hexe) und sein Nimbus als “Glückspilz” lassen jedoch vermuten, daß der Fliegenpilz uns, die wir diesen Landstrich bevölkern, schon eine Weile begleitet. Genaues werden wir wohl nie erfahren, denn zu gründlich waren die, die uns eine existenzielle Angst vor unserem eigenen Erbe eingetrichtert haben. Ich kann nur hoffen, daß die Verniedlichung des Fliegenpilzes diese Meisterpflanze nicht entweiht, sondern wenigstens dem einen oder anderen ein Bewußtsein für das schenkt, was Unser ist…

Amala Krähenfeder, 25.02.2009, 21:48 | Abgelegt unter: SchaMagisches | RSS 2.0 | TB | 3 Kommentare
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