Archiv: Donnerstag, 25. September 2008
“…aber Behinderte sind doch keine Randgruppe!”
Superintegrativer Ansatz, finde ich. Sehr liberal, sehr aufgeklärt, sehr menschenfreundlich. Und total realitätsfremd.
Wenn man sich die Statistiken anguckt (hier mal eine Zusammenfassung aus 2004), wird klar, daß Behinderte zumindest zahlenmäßig keine Randgruppe sein sollten: immerhin ist etwa jeder zehnte Bundesbürger behindert, was bei rund 82 Mio. Bürgern 8 Mio. Behinderte ergibt.
Das Thema “moderne Schulmedizin” hatte ich schon mal angesprochen. Dank ihr überleben heute weitaus mehr Menschen schwere Unfälle und Krankheiten als noch vor zehn Jahren. Aus eigener Perspektive und rein subjektiv müßte ich das “dank ihr” mit einem Fragezeichen versehen, denn auch wenn es viele Momente und inzwischen auch immer länger werdende Phasen von vielleicht drei, vier Tagen gibt, an denen ich unausgesetzt dankbar dafür bin, überlebt zu haben, stellt sich mir auch im vierten Jahr nach Ausbruch der Krankheit die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, zu sterben.
Schön, heute überleben also auch Menschen, deren Körperoberfläche zu 80 % verbrannt ist (ein Pfleger auf der Schwerstbrandverletzten-Intensivstation meinte zu mir, die moderne Medizin sei jetzt soweit, daß sie Menschen “durchkriegen”, deren Haut zu 80 % defekt ist – ich Glückliche bin mit nur 60 % davongekommen). Aber wer fragt diese Menschen, ob sie überhaupt durchkommen wollen? Ich hab die Schreie nicht nur gehört, ich hab selbst mitgeschrien.
Wer denkt, daß Behinderte keine Randgruppe sind, dem empfehle ich wärmstens, sich nur mal einen Tag in den Rollstuhl zu setzen und dann einkaufen, ins Kino, jemanden besuchen oder sonstwas zu rollern. Die Integration Behinderter endet meist schon an der Bordsteinkante (mein E-Rolli schafft 4 cm, bei allem, was darüberliegt, brauche ich Hilfe). Von zu engen Regalreihen und Kassenbereichen im Supermarkt, nicht vorhandenen Aufzügen in Kinos, Theatern und Opern, von Zooeingängen mit engen Drehkreuzen und anderen Dingen mal ganz zu schweigen. Und wehe dem, der unerwartet pinkeln muß. Aber es geht mir nicht nur um architektonische Engpässe.
Wer denkt, daß Behinderte keine Randgruppe sind, der hat wohl selbst noch nie die Reaktionen Nichtbehinderter erlebt. Neugierige Blicke, Getuschel und auch Geläster sind an der Tagesordnung. Hey, ich habe gar nichts dagegen, wenn jemand auf mich zukommt und fragt, warum ich im Rollstuhl sitze (interessanterweise sind da übrigens Kinder am offensten), aber oben beschriebenes Verhalten ist mMn das Gegenteil von Integration. Es verletzt und grenzt aus. Daß es seitens Nichtbehinderter Berührungsängste gibt, verstehe ich sowas von gut, denn ich war ja auch die meiste Zeit meines Lebens nicht behindert. Aber letztlich wollen doch wohl alle Menschen dasselbe: mit Respekt behandelt werden. Nun gehöre ich zu den Leuten, die anderen klar mitteilen, was sie brauchen, aber soviel Mut hat eben nicht jeder. In dem Fall fragt doch einfach nach, was derjenige braucht, der im Rolli an der Bordsteinkante steht (mich haben ein paarmal schon Leute ungefragt auf die andere Seite geschoben, obwohl ich da gar nicht hinwollte…). Kommunikation ist für mich ein wesentlicher Bestandteil von Integration. Und noch eine Anmerkung zur Kommunikation: ich weiß, daß es Leute gibt, die total allergisch darauf reagieren, wenn man sie als “behindert”, “schwerbehindert” oder anderes bezeichnet und möchten, daß sie als “gehandicaped” oder “Mensch, der zur Fortbewegung einen Stuhl mit Rädern braucht” angeredet werden. Ich mach’s meiner Umwelt leicht: ich bin behindert. Und auch wenn das jetzt den Zartbesaiteten einen Aufschrei entlockt: ich bezeichne mich selbst als Krüppel. So fühle ich mich, das bin ich, Ende.
Wer denkt, daß Behinderte keine Randgruppe sind, der hat wahrscheinlich noch nie davon gehört, wieviele Menschen mit Behinderung massive Probleme haben, einen Partner zu finden, und wieviele Leute, die durch einen Unfall oder eine Krankheit von heute auf morgen behindert sind, selbst von langjährigen Partnern verlassen werden. Ich vermute, das gehört wohl auch zum Themenkomplex der Berührungsängste. Leben mit Behinderung ist anstrengend und kompliziert. Vieles, was Nichtbehinderte mal eben nebenher erledigen, ist für uns ein Kraftakt oder sogar komplett unmöglich. Es gibt soviele Ängste, die mit einem behinderten Partner verknüpft sind, den Alltag, das Finanzielle und das Gesundheitliche betreffend, aber zu einer Partnerschaft gehört natürlich noch mehr. Machen wir uns nichts vor: das Thema Behinderte und Sex ist nach wie vor ein Tabu. Als wäre es etwas Unanständiges, als behinderter Mensch seine Sexualität zu leben und zu genießen. Überhaupt scheint der behinderte, amputierte, transplantierte oder wie auch immer nicht der Norm entsprechende Körper ein Tabu zu sein, etwas, das man lieber unter möglichst viel Stoff verbergen sollte. Ich hege die Vermutung, daß der Anblick eines solchen Körpers für viele Menschen unangenehm ist, weil er ihnen vor Augen hält, daß auch sie nicht unverwundbar und vor Unfällen und Krankheit gefeit sind.
Die Definition dessen, was eine Randgruppe ist und was nicht, ist natürlich immer ganz schön schwammig und total individuell. Trotz diverser Berührungsängste scheinen übrigens vor allem viele Leute, die nicht selbst zu einer Gruppe von Menschen gehören (in diesem Fall zu den Behinderten), darauf erpicht, es so hinzustellen, als würde es diese “Grüppchenbildung” nicht geben: “…aber Behinderte sind doch gar keine Randgruppe!”. Wir sollten es nicht (mehr) sein, aber wir sind es. Positive Verklärung ist nicht angebracht und ebenfalls das Gegenteil von Integration.