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Archiv: Sonntag, 20. Juli 2008

Wert und Wertigkeit

Gestern auf dem Rückweg von Karlsruhe haben wir an einem Rastplatz eine kurze Pause eingelegt. Neben uns stand ein großer, dunkler Kombi einer teuren Automarke – Ledersitze, Navi, vorn und auch an den Rückseiten der Kopfstützen kleine Monitore zum DVD-Gucken und so weiter. An den beiden hinteren Fenstern waren Sonnenschutzmatten von Puh der Bär angebracht (kennt ihr sicher, diese Dinger, die man mit Saugnäpfen befestigt, und die man für rund 5 € in jedem Kindermarkt bekommt). Nachdem ich mir meinen Tee angerührt hatte, sah ich, daß ein Mann vor dem Auto stand. Er war sehr gut gekleidet, alles nur Markensachen. Eine teure Uhr vom Format eines Weckers hing an seinem Arm. Schließlich kamen eine Frau und zwei Kinder zu ihm – ebenfalls sehr gut gekleidet, alles Markensachen, teure Schuhe, die Frau mit Schmuck behängt etc. Ja, es geht einem gut und das zeigt man auch gern. Die vier stiegen ein und der Vater betätigte den elektrischen Scheibenheber, um die Fenster hinten zu öffnen. Auf einmal gab der Sohn (ich denke, ca. 6 bis 7 Jahre alt) einen spitzen Aufschrei von sich und fing hysterisch zu weinen an. Der Grund? Nun, der Scheibenheber hatte die Puh-der-Bär-Sonnenmatte mit nach unten gezogen und sie war zusammengekrumpelt worden. Klar, die Dinger sind so flexibel, daß man sie auch in sich verdrehen kann, aber das wußte der Sohn offenbar nicht. Jedenfalls war das Geschrei groß: “Papa! Du hast meinen Puh kaputt gemacht!!!”. Krokodilstränen, Fußgetrampel, eine untröstliche Kinderseele. Und die Eltern? Die Mutter drehte sich nach hinten, sagte aber nichts. Und der Vater mahnte in entsprechendem Ton: “Na hör mal, wegen so einem Ding mußt du doch nicht so einen Aufstand machen!”. Er stieg aus, ging nach hinten und besah sich den Sonnenschutz. “Der ist nicht kaputt, hier, guck. Und jetzt hör auf mit dem Theater. Das Ding ist sowieso nichts wert!”. Die Szene endete damit, daß die Mutter sich genervt nach vorn drehte, der Vater wieder einstieg und den Motor startete und der Sohn noch immer schluchzte und änstlich seinen Sonnenschutz in Augenschein nahm.

Ich fand das eine sehr interessante Lektion in Sachen Wert und Wertigkeit, aber auch ein erschreckendes Beispiel dafür, wie Erwachsene mit den Lieblingssachen ihrer Kinder umgehen, die in ihren Augen un-wert sind (vermutlich, weil sie nicht viel Geld gekostet haben). Ein besonders kalter Schauer rieselte mir übrigens deswegen den Rücken herunter, weil der Sohn in keinster Weise getröstet wurde. Der Vater verwies lediglich auf den Un-Wert des Sonnenschutzes und das war’s.

Mich brachte das zu der Überlegung, was für Kinder wirklich “lieb und teuer” ist…? Sicher nicht teure Marken, Klunker, Ledersitze und Co. – diese “Werte” bekommen sie meiner Auffassung nach von den Eltern (oder später den Mitschülern und Freunden – wobei die Frage ist, woher die das dann wieder haben…) vorgelebt.
Wwenn ich meinen Sohn betrachte, dann sehe ich, daß es ihm wert-voll ist, daß man ihm mit Liebe, Geduld und Zärtlichkeit begegnet. Er ist das glücklichste Kind, wenn er einfach bei dem mitmachen darf, was wir Erwachsene tun. Das Teuerste, was er bestizt, ist sicherlich sein Kindersitz für’s Auto, aber wenn man ihn fragen würde, was ihm das Wertvollste ist, dann würde er vermutlich sagen, es sei sein abgenudeltes Schmusekissen oder seine uralte Quietscheente…

Natürlich ist es schön, wenn ich meinem Kind etwas bieten kann, nämlich z.b. eine vernünftige Ernährung, hochwertige Bastelmaterialien, gesundes Spielzeug und so, aber braucht es tatsächlich viel Geld, um einem Kind eine erfahrungsreiche, liebevolle Kindheit zu schenken? Ich denke, viel Geld macht die sache oftmals nur unnötig kompliziert und kann den Blick für das Wesentliche verstellen.

Nachdem wir gestern den Rastplatz verlassen habe, ist mir erst aufgefallen, wieviele Autos inzwischen einen DVD-Spieler samt Monitoren haben. Da frage ich mich, warum soviele Eltern denken, ihre Kinder müßten bespaßt und entertained werden…? Was ist aus den guten alten Spielen während langer Autofahrten geworden, wie z.B. Nummernschilderraten, ich-sehe-was-das-du-nicht-spielen, miteinander singen etc.? Müssen Kinder ständig unterhalten werden? Oder kann man Unterhaltung auch als Unten-Halten und Nicht-denken-müssen interpretieren?

Amala Krähenfeder, 20.07.2008, 17:12 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar
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